Dr Sex

23. Juli 2018 10:37; Akt: 23.07.2018 10:39 Print

«Er lügt und betrügt, aber ich liebe ihn!»

Silvias Freund tut alles, was man gemeinhin als schädlich für eine Beziehung erachtet. Trotzdem kann sie ihn nicht verlassen. Wie weiter?

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Sich in andere hineinzuversetzen, fällt Menschen mit einer narzisstischen Störung schwer.

Zum Thema

Frage von Silvia (32) an Dr Sex: Ich verstehe mich selber nicht mehr: Obwohl mein Freund mich betrügt, belügt und die ganze Zeit zwar sagt, dass er sich ändern wird, es aber dann doch nie tut, bleibe ich bei ihm. Immer wieder spielt er das Opfer. Dann kriegt er Verständnis von mir, während ich umgekehrt jedes Mal leer ausgehe. Er profitiert von mir, wo er nur kann.

Ich weiß, dass er sich nicht ändern wird, denn er ist ein Narzisst. Das steht auch im Bericht vom Krankenhaus. Ich muss ihn verlassen, wenn ich jemals echte Nähe will. Aber ich schaffe es nicht. Einmal habe ich ihn aus der Wohnung geworfen. Aber dann machten mir seine Eltern eine Szene. Wenn ich mit Trennung drohe, spielt er für kurze Zeit den perfekten Mann. Kurz darauf ist wieder alles wie früher.

Es ist, als bräuchte ich einen Beweis, dass ich in der Lage bin, ihn zu verlassen, ohne dass er alles verdreht und mir die Schuld in die Schuhe schiebt. Meine Mutter ist auch narzisstisch und ich habe es geschafft, ohne sie zu leben. Und nun habe ich so einen Mann. Ich bin so wütend auf mich. Es gibt keinen logischen Grund, ihn zu lieben und mit ihm mein Leben zu teilen. Was soll ich tun?

Antwort von Dr Sex

Liebe Alessandra

Ich nehme an, dass dein Partner an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet. Diese ist charakterisiert durch ein übersteigertes Ich-Gefühl, eine ausgeprägt egozentrische Einstellung und durch einen auffälligen Mangel an Einfühlungsvermögen und Interesse für die Mitmenschen.

Pathologische Narzisssten fallen dadurch auf, dass sie sich ständig ihrer wirklichen oder vermeintlichen Vorzüge rühmen müssen. Gleichzeitig hegen sie unerfüllbare Ansprüche und Erwartungen an andere. Und oft missbrauchen sie die Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld emotional, um dadurch ihr eigenes Ego zu erhöhen.

Für Menschen einer solchen Persönlichkeitsstörung ist es zentral, alle Aufmerksamkeit zu haben und dauernd Wertschätzung aus dem Umfeld zu erhalten. Sie können es nicht ertragen, wenn sie nicht im Mittelpunkt stehen. Alle ihre Bemühungen richten sich darauf, diese Position zu erreichen und zu behalten.

Was du erlebst ist überaus anstrengend – umso mehr noch, da die Geschichte mit deinem Freund dich mit Erlebnissen aus deiner Kindheit in Kontakt bringt. Kein Wunder deshalb, dass du in größte Not gerätst und dir Selbstvorwürfe machst. Du sollst wissen, dass deine Reaktion unter diesen Umständen völlig normal ist.

Ich denke, du solltest dir externe Unterstützung holen. Beispielsweise bei der Vereinigung von Angehörigen psychisch Kranker (VASK). Sie bietet Informationen an und unterstützt Angehörige von psychisch kranken Menschen.

Auf der Website des Dachverbands findest du die Adressen der regionalen Niederlassungen, weiterführende Infos, hilfreiche Links, Erfahrungsberichte von betroffenen Angehörigen, aber auch ausführliche Beschreibungen von psychischen Erkrankungen und Therapien. Die regionalen Stützpunkte bieten auch Beratungen an und organisieren Selbsthilfegruppen. Alles Gute!

(L'essentiel/wer)