Dr Sex

29. Juni 2018 14:48; Akt: 29.06.2018 16:10 Print

«Plötzlich hat sie keine Lust mehr auf Sex!»

Andreas ist verzweifelt. Schon wieder hat eine Frau kein Bedürfnis mehr, sich mit ihm körperlich zu vergnügen. Was tun?

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Sexuelle Lustlosigkeit kann viele Gründe haben. (Bild: Studiocanal)

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Frage von Andreas an Dr Sex: Ich (32) hatte vor einiger Zeit eine schöne Beziehung. Meine damalige Freundin hatte aber nach vier Jahren keine Lust mehr auf Sex. Ich versuchte damals alles, um dies zu ändern. Wir haben auch offen darüber gesprochen. Es stellte sich bald heraus, dass neben Stress im Alltag für sie die Pille ein Hauptgrund war.

Ich bin nun seit über einem Jahr mit einer anderen Frau zusammen. Erst pflegten wir eine tolle Sexbeziehung. Nun hat aber auch sie aus heiterem Himmel keine Lust mehr und kann sich dies nicht erklären. Sie möchte sich jedoch nicht darauf einlassen, nach den Ursachen für ihre fehlende Libido zu suchen.

Ich versuche, ein angenehmes Ambiente zu schaffen, massiere sie fast täglich, bringe Verständnis für ihren Beruf auf und wir reden auch viel. In Stimmung – auch fürs Kuscheln oder Streicheln – kommt sie aber nie. Ich verzweifle langsam und weiß echt nicht, was ich noch tun könnte. Liegt es an mir oder ist wieder die Pille schuld?

Antwort von Dr Sex

Lieber Andreas

Sexuelle Lustlosigkeit kann viele Gründe haben. Auslöser können Stress und Belastungen sowie mangelnder Selbstwert oder Ängste sein. Es hat sich gezeigt, dass sich Stress bei Frauen stärker auswirkt als bei Männern. Aber auch Krankheiten, neurologische und hormonelle Störungen sowie Medikamente – also auch die Pille - können dazu führen. Oft wirken mehrere der genannten Gründe zusammen.

Was die Auswirkungen der Pille angeht, gehen die Meinungen auseinander. Klar ist, dass hormonelle Verhütungsmittel sich auf die sexuelle Lust auswirken können. Es macht deshalb in jedem Fall Sinn, zu prüfen, ob der Wechsel zu einem anderen Produkt sich positiv auf das Lustempfinden auswirkt.

Lustlosigkeit kann aber auch mit der Qualität der sexuellen Interaktion zu tun haben. Ich höre in der Beratung von Frauen und Männern, dass der zu erwartende Sex nicht attraktiv genug ist, um darauf Lust zu haben. Studien zeigen, dass unbefriedigender und langweiliger Sex mittel- und langfristig zu einer Abnahme der Lust führt.

Auch das von den Medien präsentierte Bild der Sexualität kann zu Problemen führen. Es vermittelt, dass es normal ist, dauernd Lust und folglich sehr oft Sex zu haben. Diese Botschaft wird von vielen Menschen als krass abweichend von dem wahrgenommen, was sie selber im Alltag erleben. Die Diskrepanz zwischen dem, was offenbar sein sollte, und dem, was tatsächlich der Fall ist, führt dazu, dass sie die eigene Sexualität als beschämend «normal» und minderwertig wahrgenommen wird.

Untersuchungen haben gezeigt, dass mehr Sex nicht zu mehr Zufriedenheit führt. Am wohlsten fühlen sich Paare, die einmal in der Woche Sex haben. Bei einer geringeren Frequenz sinkt auch die Zufriedenheit, jedoch steigt sie bei einer höheren nicht an.

Du siehst: Die Sache ist komplex und mögliche Gründe gibt es viele. Naheliegend scheint mir, dein Konzept von Sex genauer unter die Lupe zu nehmen – und darüber auch mit deiner Freundin zu sprechen. Ich kann mir vorstellen, dass sie andere Ansprüche hat an den Sex als du und ihr dein Aktivismus zu viel ist. Vielleicht ist daher im Moment die beste Lösung, weniger zu tun und einfach mal zuzuhören. Alles Gute!

(L'essentiel/wer)