Cave-Syndrom

19. Oktober 2021 13:39; Akt: 19.10.2021 13:40 Print

Wenn der Pandemie-​​Modus Dauerzustand wird

Auch wenn inzwischen vieles wieder möglich ist, wagen sich manche Menschen nicht aus ihrer inneren Höhle. Fachleute sprechen vom Cave-Syndrom.

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Während einige die wiedergewonnenen Freiheiten genießen und andere eher vorsichtig bleiben, finden manche aus der erzwungenen Isolation gar nicht mehr zurück ins Leben. Auch I.K.* und M.G.* geht es so. Davon Betroffene «bleiben in ihrem Schneckenhaus stecken», erklärt Ulrich Stangier von der Goethe-Universität in Frankfurt. Mithilfe einer Online-Befragung will er nun herausfinden, wie viele Menschen vom sogenannten Cave-Syndrom betroffen sind und warum.

Social Distancing war das Schlagwort der Pandemie, physische Kontakte zu reduzieren das Gebot der Stunde. Was bis dahin stets positiv bewertet wurde – rausgehen, Menschen treffen – wurde zum Risiko und damit negativ besetzt. Der Belohnungswert zwischenmenschlicher Begegnungen sei hierdurch geringer geworden, erklärt Stangier. Kochen, Spazierengehen oder Filmeschauen traten an ihre Stelle. «Nach 18 Monaten haben wir uns daran gewöhnt, dass es wenig sozialen Austausch gibt», sagt Stangier. «Wir haben gelernt, Lust und Freude bei anderen Aktivitäten des Alltags zu empfinden.»

Vorübergehende Anpassungsreaktion

Das Cave-Syndrom «ist keine Krankheit, sondern eine vorübergehende Anpassungsreaktion – das Unvermögen, Freude an sozialen Begegnungen zu empfinden.» Dabei sei der Kontakt mit anderen Menschen eigentlich ein Grundbedürfnis: «Soziale Isolation ist für den Menschen ein starker Stressor», sagt der Psychologe.

Stangier geht davon aus, dass die Phase bei den Allermeisten von allein vorübergeht, vielleicht nach zwei bis drei Monaten. «Es gibt aber auch Menschen, die dauerhafte Schwierigkeiten erleben, aus der Isolation wieder rauszukommen.» Er schätzt diese Gruppe auf vielleicht fünf Prozent. Meist seien es Menschen, die schon vorher sehr zurückgezogen gelebt haben. Bei ihnen habe die Corona-Zeit den Rückzug verstärkt und zu einer Depression oder sozialen Angststörung geführt, die nicht von allein zurückgeht.

Generationsfrage

Ein Phänomen, das auch Generationenforscher Rüdiger Maas beobachtet hat. Seit Beginn der Pandemie fragt sein Team am privaten Institut für Generationenforschung in Augsburg alle zwei Wochen mindestens 1500 repräsentativ ausgewählte Menschen, wie sie die Corona-Pandemie erleben. Die Daten belegen seiner Einschätzung nach eindeutig, dass es ein Cave-Syndrom gibt.

Im Sommer gab etwa ein Zehntel der Menschen ab 40 Jahren an, bestimmte Dinge aus den Lockdown-Zeiten zu vermissen. Knapp sieben Prozent der sogenannten Babyboomer (ab 56 Jahre) und etwa acht Prozent der Generation Y (26 bis 39 Jahre) wollten ihren Pandemie-Alltag sogar am liebsten beibehalten. Fast die Hälfte der unter 27-Jährigen fühlte sich im Sommer gestresst davon, die wiedergewonnene Freiheit ausleben zu müssen.

Frage der psychologischen Flexibilität

Junge Menschen und Kinder sind nach Maas' Einschätzung vom Cave-Syndrom besonders betroffen: Sie erlebten Corona in einer prägenden Phase, eineinhalb Jahre Kontaktbeschränkungen machten einen viel größeren Anteil ihrer Lebenszeit aus. Hinzu komme, dass junge Menschen ohnehin mehr Zeit im digitalen Raum verbringen. Aber auch unter den Jugendlichen erlebten viele eine Verunsicherung bei der Rückkehr zur sozialen Normalität. «Insbesondere in der Pubertät sind Jugendliche besonders vulnerabel für die Entwicklung von sozialen Ängsten, da kann das Abgeschnittensein von der Peergroup die Entwicklung sozialer und emotionaler Kompetenzen empfindlich stören.»

Wer sich wieder zurück in normale soziale Kontakte begibt und wer weiterhin kaum das Haus verlässt – das liege vor allem an der psychologischen Flexibilität, glaubt Stangier. «Die Anpassungsfähigkeit der Menschen ist sehr unterschiedlich.» Wer flexibel ist, kann geistig und emotional von Pandemie in Normalität umschalten. Wer sich nicht so gut aus dem Gefühl von Vereinzelung und Abgetrenntsein in der Pandemie lösen kann, braucht länger Zeit, insbesondere wenn er sich in sozialen Situationen ohnehin schwer tut.

(L'essentiel/heute.at/sp/fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Politische Erziehungsmaßnahmen am 19.10.2021 18:35 Report Diesen Beitrag melden

    die Untertanen zum Zombie zu machen!

  • WhaleWhisperer am 19.10.2021 21:22 Report Diesen Beitrag melden

    Das hat man aber bisher immer "Agoraphobie" (Angst vor grossen Plätzen und Menschenmassen) genannt, das Gegenteil von "Claustrophobie"... Im Zusamenhang mit der Pandemie frage ich mich aber wieso es eigentlich nicht eher zu "Claustrophobie" (Angst vor "Eingesperrtsein", Keller, Liftkabine, und anderen kleinen Räumen) gekommen ist als Abwehrreaktion gegen den pandemischen Lockdown von 2020? Wäre doch eigentlich eher zu erwarten gewesen?

Die neusten Leser-Kommentare

  • WhaleWhisperer am 19.10.2021 21:22 Report Diesen Beitrag melden

    Das hat man aber bisher immer "Agoraphobie" (Angst vor grossen Plätzen und Menschenmassen) genannt, das Gegenteil von "Claustrophobie"... Im Zusamenhang mit der Pandemie frage ich mich aber wieso es eigentlich nicht eher zu "Claustrophobie" (Angst vor "Eingesperrtsein", Keller, Liftkabine, und anderen kleinen Räumen) gekommen ist als Abwehrreaktion gegen den pandemischen Lockdown von 2020? Wäre doch eigentlich eher zu erwarten gewesen?

  • Politische Erziehungsmaßnahmen am 19.10.2021 18:35 Report Diesen Beitrag melden

    die Untertanen zum Zombie zu machen!