Game Review

01. November 2018 15:33; Akt: 02.11.2018 15:55 Print

Call of Cthulhu ist eines Lovecraft mehr als würdig

Mit Call of Cthulhu liefert Focus Home Interactive den Horror-Klassiker ab, den man um die Werke des Autors H. P. Lovecraft so sehnlich erwartet hat.

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2005 sorgte das Studio Headfirst Productions für Aufsehen. Ihr Titel Call of Cthulhu: Dark Corner of the Earth war in vielen Belangen ein Meisterwerk. Der schleichende Horror wurde den zugrundeliegenden Kurzgeschichten von Großmeister H. P. Lovecraft gerecht und mit Innovationen, dass Schrecken im Spiel die Hauptfigur dem Wahnsinn verfallen lassen, prägte das Game kommende Spiele-Generationen. Einzig: das Spiel war mit nie bereinigten Spielfehlern behaftet, die ein Fortkommen oft zur Qual machten.

13 Jahre später und rechtzeitig zu Halloween liefert nun Focus Home Interactive mit Call of Cthulhu für PC, PlayStation 4 und Xbox One das Horror-Game ab, dessen Genialität bei Dark Corners of the Earth durchblitzte. Das neue, auf dem Pen-&-Paper-Rollenspiel vom Verlag Chaosium aufbauende Game kombiniert geschickt Action-, Adventure-, Rollenspiel-, Schleich- und Horror-Elemente zu einem düsteren Erlebnis, das nicht nur Lovecraft-Fans begeistern wird.

Beste Voraussetzungen für einen Horrortitel der soliden, aber dezenten Art, bieten die Lovecraft-Geschichten um Cthulhu und Co. selbst. In ihnen geht es um unendlich alte Wesen voller Macht, Kräfte aus dem Weltall und Kulte, die alte Götter feiern – und stellt dem normale Menschen gegenüber, die anhand der unfassbaren Ausmaße der Kultwesen dem Wahnsinn verfallen. Der Mensch als Staubkorn in einer Welt voll Wahnsinn.

Detektiv-Suche

Im Fall des neuen Call of Cthulhu ist der Mensch im Mittelpunkt der Privatermittler Edward Pierce, von Versagensängsten geplagt und dem Alkohol verfallen. Gerade als er im Jahr 1924 seine Detektiv-Anstellung zu verlieren droht, bekommt er einen neuen Fall. Aus Boston soll er auf die abgelegene Insel Darkwater Island reisen und dort den Mord an der Familie Hawkins aufklären soll. Sarah Hawkins, eine gefeierte Künstlerin, zog er kürzlich mit ihrem Mann auf das sonderbare Eiland.

Unglaublich gut schafft es das Spiel eine Atmosphäre aufzubauen, die zwischen Düsterheit, Spannung und Surrealismus schwankt und dabei nie platt wirkt. Hier braucht es keine Monster oder Schreckmomente – etwas Musik, ein paar Dialoge mit den abweisenden Inselbewohnern und ein Leuchtturm im Nebel reichen, um dem Spieler einen wohligen Schauer über den Rücken zu jagen. Das behält das Spiel auch von Anfang bis Ende bei: Statt billiger und schneller Schrecken gibt es einen anhaltenden Grundton der Angst.

Kein vorgegebenes Muster

Die Geschichte zeigt schnell, dass man es hier nicht mit einem «normalen» Mord zu tun hat, sondern höhere Kräfte am Werk zu sein scheinen. Die Handlung zeigt dabei immer wieder überraschende Wendungen, ohne es zu übertreiben. Auch die Charaktere sind liebevoll umgesetzt und in ihrer meist vorherrschenden negativen Haltung glaubhaft. Als Spieler hat man die Möglichkeit, die Handlung durch unterschiedliche Antworten in Dialogen und die Untersuchung von Tatorten und Indizien verändern.

Die auftauchenden Untersuchungen und Rätsel sind dabei nicht allzu anspruchsvoll und auch die Story verändert sich im Kern kaum bei unterschiedlicher Herangehensweise. Dennoch ist es eine schöne Dreingabe, nicht einem bestimmten Muster beim Spielen folgen zu müssen. Dafür sorgen übrigens auch rudimentäre Statuswerte wie Redegewandtheit, Stärke oder Psychologie. So können vergebene Punkte bei der Redegewandtheit dafür sorgen, dass ein mürrischer Bewohner und doch eine Hütte untersuchen lässt. Ein paar Stärkepunkte wiederum lassen uns das Schloss der Hütte mit purer Gewalt knacken.

Etwas angestaubt, aber unglaublich

Nicht alles glänzt bei Call of Cthulhu. Die Grafik ist solide, dennoch in den Details etwas angestaubt. Und auch das Fortkommen verläuft trotz unterschiedlicher Herangehensweise linear und beschränkt sich oft darauf, einfach Schauplätze oder Objekte anzutippen. Zudem vermisst man mit Fortdauer des Spiels eine genauere Erklärung, was eigentlich Statuswerte wie Okkultismus oder Medizin genau verändern. Auch der Kampf kommt sehr kurz, denn überleben kann man meist nur, wenn man die Flucht vor Angreifern und bösen Mächten ergreift oder sich vorneherein nicht entdecken lässt.

Jene Elemente, die einen «Call of Cthulhu»-Titel aber ausmachen, hat das neueste Spiel extrem gut umgesetzt. Die vermittelte Atmosphäre ist unglaublich, die Umgebungen und die Musik- sowie Dialogkulisse wurde auf den Punkt getroffen. Und letztlich sorgt das toll durchdachte «Wahnsinns-System» für einen wohligen Schauer. Steht Pierce Szenen oder Gestalten gegenüber, die seinen Verstand übertreffen, driftet sein Geist oftmals in eine Traumwelt ab und versucht so, das Erlebte zu verarbeiten. Bei einem Lovecraft-Fan jubelt da das Herz.

Außergewöhnliche Atmosphäre

Klassische Schreckmomente oder einen Hardcore-Horrortitel darf man bei Call of Cthulhu nicht erwarten. Schrecken und Spannung geschehen auf einer psychologischen Ebene und sind dafür umso beeindruckender. Und die technischen, nicht so ausgereiften Feinheiten tun dieser Stimmung da keinerlei Abbruch. Einzig etwas mehr Ermittlungsarbeit in der schaurigen Welt hätte man sich als Spieler wünschen dürfen.

Der Inhalt wird jedenfalls den mythischen Werken von H. P. Lovecraft mehr als gerecht, auch wenn er den Cthulhu-Kult auf seine ganz eigene Weise interpretiert. Für Kenner des betreffenden Universums gibt es zahlreiche dezente Anspielungen, für Neulinge eine solide Schauer-Story. Begeistert werden beide Seiten sein, wenn sie in Call of Cthulhu langsam aber sicher dem spielerischen Wahnsinn verfallen.

(L'essentiel/rfi)

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