Game-TV

07. Mai 2018 08:45; Akt: 07.05.2018 08:50 Print

Wie aus einem spontanen Einfall Twitch wurde

Twitch ist derzeit der wichtigste Kanal für Gamefans und E-Sport-Übertragungen. Der wegweisende Dienst wurde aus der Not heraus geboren.

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Die Geschichte beginnt mit einer Start-up-Ermüdung. Nachdem die beiden Yale-Studenten Justin Kan und Emmett Shear mehr als ein Jahr ohne Einkommen damit verbracht hatten, eine Kalender-App zu entwickeln, mussten sie zuschauen, wie Google den Google-Kalender lancierte – und ihrer eigenen Idee den Todesstoß versetzte. Die Diskussion, wie sie weitermachen sollten, brachte sie indessen auf die nächste Idee: Wie wäre es, wenn man ihr Gespräch im Web mithören könnte? Noch besser: Wie wäre es mit einem öffentlichen Live-Video-Feed während 24 Stunden, sieben Tage die Woche?

Damit war 2007 Justin.tv geboren – ein Live-Stream, bei dem sich Justin Kan rund um die Uhr selbst filmte. Weder Kan noch Shear hatten allerdings damit gerechnet, wie viel Aufmerksamkeit der Stream generieren würde. «Wir waren zwar sicher, eine neue Form der Unterhaltung gefunden zu haben», schrieb Justin Kan 2011 auf Techcrunch.com. Welche Auswirkungen ihre Idee hatte, wurde ihnen aber erst einige Jahre später bewusst.

Liebe für Games

«Nach dem Start von Justin.tv fragten wir uns, wie wir weitermachen sollten», erklärt Kevin Lin, der 2008 dazugestoßen ist, in einem Interview mit 20 Minuten. Mittlerweile war aus Justin.tv ein genereller Streamingdienst geworden und wurde auch von anderen Anbietern genutzt. «Als ‹StarCraft›-Fans schauten wir auf Justin.tv selbst Feeds zur anstehenden Veröffentlichung von ‹StarCraft 2› und stellten fest, dass wir die Liebe zu Game-Inhalten mit vielen anderen Zuschauern teilten.» Nach einer kurzen Evaluation wagten sie 2011 den nächsten Schritt: Twitch – ein Streaming-Dienst nur mit Gameinhalten.

Mittlerweile ist Twitch zum bedeutendsten Streaming-Kanal für Gamefans geworden. Täglich zieht der Kanal über 15 Millionen Zuschauer an, die durchschnittlich zwei Stunden auf dem Portal verbringen. Über zwei Millionen Streamer füttern den Dienst monatlich mit Inhalten. Neben «Let's Play»-Videos werden E-Sport-Turniere, aber auch Live-Streams von Pressekonferenzen großer Publisher übertragen. Ebenso wichtig wie die Streams sind die Live-Chats der Zuschauer, die live neben den Videos eingeblendet werden. Kevin Lin: «Die Community ist ein zentrales Element von Twitch. Zuschauer kommunizieren im Chat direkt miteinander, treten aber auch in direkten Kontakt mit den Streamern.»

Das nächste Level

Der Erfolg von Twitch liege auch darin, dass der Dienst auf die Inhaltsanbieter zugeschnitten sei, sagt Lin: «Wir arbeiteten von Anfang an eng mit Game- und E-Sport-Profis zusammen, um ihre Bedürfnisse zu erkennen.» So sei eine enge Bindung mit den Inhaltsanbietern entstanden, die mit Streaming ihre Brötchen verdienen. Ein Großteil des Einkommens wird durch Partnerprogramme generiert, über welche Werbung, Merchandising-Artikel, Abos und Games verkauft werden. Zusätzliches Geld wird durch Sponsoring-Verträge generiert. Genaue Zahlen veröffentlicht Twitch aber nicht.

Bei Game-Streams allein soll es nicht bleiben. «Obwohl der beliebteste Inhalt immer noch mit Games zu tun hat, haben wir das Feld erweitert», sagt Lin. Mittlerweile werden auch Anime-, Wrestling-, Fitness- und weitere Streams angeboten. Besonders beliebt sei die Kategorie «Creative», wo Künstler, Köche, Songwriter und andere ihr Handwerk vorführen. Kurz: Der anfängliche Start-up-Kater hat sich in eines der wegweisenden Medien des Internet-Zeitalters verwandelt.

(L'essentiel)