Gewaltverherrlichung?

19. September 2013 16:06; Akt: 19.09.2013 16:17 Print

Bahn frei für Drogen, Sex und Gewalt?

«GTA V» erhitzt die Gemüter. Unser Game-Journalist behauptet, dass das Spiel aus Prinzip falsch verstanden wird und dass «GTA V» die Heuchelei bereits vorweg entlarvt.

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Jetzt darf die mediale Welt wieder hypern. Der Grund: Die Veröffentlichung des Open-World-Abenteuergames «GTA V». Nur schüttelt es dieses Mal nicht nur die Game-Presse, sondern beinahe die gesamte Medienwelt, inklusive seriöser und halbseriöser Tageszeitungen. Ganze Doppelseiten und Online-Dossiers werden dem Spiel auch von jenen eingeräumt, die den Games sonst schnöde die kalte Schulter zeigen.

Die Aufmerksamkeit, die «GTA V» zu Teil wird, ist insofern verständlich, als es sich einerseits um das teuerste je produzierte Spiel handelt. Andererseits eilt der Marke der notorische Ruf gewaltverherrlichender, sexgetränkter Storys voraus, die unter keinen Umständen – Gott bewahre! – in die Hände von Kindern fallen mögen. Umso mehr rissen sich bei der Veröffentlichung natürlich auch minderjährige Fans um das Spiel. Und gerade wegen seines Rufs wird es von den Hütern der Moral aus Prinzip falsch verstanden werden – weil sich so Geschichten verkaufen lassen und weil die Heuchelei von anderen Problemen ablenkt.

Ein Aufschrei wird erklingen

Bald wird der erste Aufschrei wegen der überbordenden Gewalt im Spiel erklingen. Rufe nach einem Verbot von Killerspielen dürften laut werden. Ein paar Politiker werden polternd in den Chorus einstimmen – und der Suchscheinwerfer wird sich erneut von den eigentlichen Ursachen realer Gewalt ab und den Games zuwenden. Es ist immer noch einfacher, Videospiele als Schuldige zu brandmarken, als ein grundsätzliches gesellschaftliches Versagen zu korrigieren.

Gerade diesen Zwiespalt nimmt «GTA V» aber auf die Schippe. Fraglos ist virtuelle Gewalt ein wichtiger Teil des Spiels. Es können Figuren überfahren, erschossen und gefoltert werden. Die Protagonisten nehmen Drogen, besuchen Sexclubs und klauen Autos – kurz: Sie sind Kriminelle und die Spieler schlüpfen in ihre Haut, um sich mit ihnen zu vergnügen.

Die grosse Ironie

Übersehen wird dabei, dass «GTA V» deshalb einen der treffendsten und hinterhältigsten Kommentare des westlichen Lebensstils darstellt. «GTA V» steckt so voller bitterer Ironie, dass selbst den zynischsten Kritikern unseres Lebensstils das Lachen im Hals stecken bleibt. Die Helden sind allesamt Verlierer – lebensuntaugliche Figuren, die mit Schummeleien und Verbrechen einem Bling-Bling-Style nacheifern, wie er von Werbung und Film als erstrebenswert verkauft wird.

«GTA V» ist auch nicht frei von Selbstironie, etwa wenn der ehemalige Bankräuber Michael – einer der drei spielbaren Figuren – sich während der Psychotherapiesitzung über seinen Sohn beklagt, der nichts Sinnvolles tue und den ganzen Tag nur Videogames spiele. Die Gutmenschen lassen grüßen und nicht nur diese: In «GTA V» finden sich zahllose Zitate aus der Glitzerwelt aus Film und Fernsehen, die das Game auf die Schippe nimmt. Nicht zuletzt zeichnet «GTA V» mit witzigen und bisweilen sinnentleerten Dialogen à la Quentin Tarantino ein treffendes Bild einer zutiefst kaputten Welt.

Spielen als Loser

Zur größten Ironie zählt jedoch, dass wir als Spieler in die Haut von Losern schlüpfen, um uns als Sieger zu fühlen. Dafür blättern Tausende Spieler ein Heidengeld auf den Tisch und überschütten die am «GTA»-Business Beteiligten mit einem Milliardengewinn. So lukrativ kann es sein, der Kundschaft ans Bein zu pinkeln. Dass sich die Entwickler über den Hype wie auch den darauffolgenden Aufschrei ins Fäustchen lachen, sei ihnen zu gönnen.

Eigentlich müssten gerade die Publikumsmedien frenetisch diesem Sarkasmus applaudieren, sie, die zynischen Kommentaren selbst nicht abgeneigt sind. Vielleicht tun sie es ja auch und freuen sich bereits über den aufziehenden Shitstorm zu «GTA V», den sie aus ihrem Wettersystem selbst heraufbeschwören werden. «GTA V» hat diese Zweigesichtigkeit aber ja bereits vorneweg kommentiert.

(L’essentiel Online / Jan Graber)

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