«Cuties»

14. September 2020 20:36; Akt: 14.09.2020 20:38 Print

Darum trendet gerade der Hashtag #CancelNetflix

Als Netflix das Poster zu «Cuties» veröffentlichte, war der Aufschrei groß. Nach dem Release gehen die Leute nun regelrecht auf die Online-Barrikaden.

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Worum geht es im Film?

Die elfjährige Amy (Fathia Youssouf) kann sich mit den traditionellen Werten ihrer muslimischen, aus Senegal stammenden Familie nicht groß identifizieren und bricht daraus aus, indem sie sich der titelgebenden Twerk-Tanzgruppe Cuties in ihrer Pariser Schule anschließt.

Die senegalesisch-französische Regisseurin Maïmouna Doucouré (35) zeigt, mit welchem sozialen Druck heranwachsende Mädchen – insbesondere mit Migrationshintergrund – in der heutigen westlichen Welt konfrontiert sind und wie früh sie sexualisiert werden. Das schafft sie mit absichtlich eindeutigen Einstellungen, die beim Schauen bewusst Unbehagen auslösen sollen.

Was sagen die Kritikerinnen und was die User?

«Der Film will zeigen, dass es Kindern erlaubt sein soll, Kinder zu sein», so die Macherin gegenüber Time, «und wir als Erwachsene sollten ihre Unschuld schützen und sie so lange wie möglich unschuldig sein lassen.» Kino-Fachleute beklatschen «Cuties» (französischer Originaltitel: «Mignonnes») praktisch durchs Band und finden größtenteils, dass die Message des Coming-of-Age-Comedy-Dramas funktioniert. Am Sundance Film Festival wurde der Film zudem mit dem World Cinema Dramatic Directing Award ausgezeichnet.

Rottentomatoes.com verzeichnet (Stand Montagnachmittag, 14 Uhr) 89 Prozent positive Reviews, auf Metacritic.com erzielt der Film eine mehr als solide Durchschnittswertung von 69 von 100 Punkten. Komplett anders fallen die User-Scores aus: 3 Prozent positive Rottentomatoes.com-Reviews, durchschnittlich 0,6 von möglichen 10 Punkten bei Metacritic.com.

Was hat die Kontroverse angestoßen?

Die unglaublich tiefen Scores der Userinnen gehen zum einen auf die Artwork-Kontroverse zurück. Netflix vertreibt «Cuties» in vielen Teilen der Welt und veröffentlichte Mitte August ein Poster (rechts im Tweet), das sich deutlich vom Plakat für den französischen Kino-Release (links) unterscheidet:

Der Skandal war geboren, und die Internet-Community tat das, was sie am besten kann: sich maßlos echauffieren über ein Thema, das sie höchstens oberflächlich kennt. Oder in diesem Fall: Netflix aufgrund eines Posters aggressiv dazu auffordern, einen Film, von dem sie noch nicht eine Minute gesehen hat, auf keinen Fall zu veröffentlichen – auch mittels Onlinepetitionen.

Nachdem sich Doucouré aufgrund der Netz-Aufregung sogar mit Morddrohungen konfrontiert sah, entschuldigten sich die Netflix-Bosse bei ihr und der Öffentlichkeit fürs Plakat. «Wir bedauern zutiefst, dieses Artwork verwendet zu haben», heißt es in einem Tweet, «das war weder richtig noch repräsentativ für diesen Film. Wir haben es nun ausgetauscht.»

Wie sieht es seit dem Release aus?

Netflix kam der Forderung, den Release von «Cuties» zu kippen, nicht nach und veröffentlichte ihn vergangene Woche. Die Kontroverse nahm wieder Fahrt auf, und der Ton der Userinnen und User wurde schnell harscher als noch im August. Rasch trendete der Hashtag #CancelNetflix auf Twitter und sehr viele Leute teilten (angebliche) Screenshots von ihrem frisch abbestellten Abo.

Wie viele der kritisierenden Leute den Film auch tatsächlich geschaut haben, sei dabei dahingestellt. Die Posts zeigten schnell Wirkung: Die Netflix-Aktie hatte am Mittwoch, dem Morgen des «Cuties»-Release-Tages, einen Wert von 520 Dollar pro Stück – am Montagnachmittag um 14 Uhr lag er noch bei 480 Dollar, das ist ein Fall von knapp 8 Prozent.

Wer profitiert von der Kontroverse?

Tech- und Entertainment-Unternehmen wie Netflix pushen technischen Fortschritt und brechen gern mit Tabus, weshalb sie oft als eher liberal oder gar politisch links gelten, wie das Branchenportal The Verge schreibt. Damit würden sie rasch zur Zielscheibe von rechtsgerichteten und konservativen Gruppierungen sowie Medien (siehe eingebetteter und sensationalistisch verpixelter Tweet gleich hier unten), was auch in der aktuellen Kontroverse der Fall ist.

Sogar das rechte Conspiracy-Theory-Netzwerk QAnon ist mittlerweile darin verstrickt. Dies auch, weil bei Anti-«Cuties»-Posts vermehrt #SaveTheChildren (hat nichts mit der gleichnamigen NGO zu tun, die für die Rechte und den Schutz von Kindern einsteht) eingesetzt wird – ein Hashtag, den QAnon-Poster gern verwenden, um ihre Verschwörungstheorien zu verbreiten.

Durch den «Skandal» ist der Film also unter anderem zum Spielball rechter Verschwörungstheoretiker geworden, ohne dass sein Inhalt geschweige denn seine eigentliche Message noch eine wirkliche Rolle spielen.

Immerhin: Auch wenn eine Vielzahl der ausrufenden Nutzerinnen und Nutzer «Cuties» mutmaßlich gar nie geschaut hat, dürfte der französische Film durch die Kontroverse ziemlich viele Zuschauerinnen und Zuschauer gewonnen haben, die ihn sonst nicht angetippt hätten. Konkrete Zahlen gibt es allerdings nicht; Netflix veröffentlicht solche sehr selektiv und wird in diesem heiklen Fall wahrscheinlich ganz davon absehen, um den Aufschrei nicht noch weiter anzufachen.

(L'essentiel/Schimun Krausz)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Halbwissen am 15.09.2020 07:39 Report Diesen Beitrag melden

    Heute gilt bei den meisten Internetusers VDH. Verstehe die Hälfte und dass auch noch nicht gut.

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  • Halbwissen am 15.09.2020 07:39 Report Diesen Beitrag melden

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