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07. Juli 2020 18:39; Akt: 07.07.2020 18:40 Print

Fünf Gründe, wieso Tiktok problematisch ist

Die chinesische App Tiktok gerät immer wieder in Kritik. Gründe dafür sind unter anderem Eingriffe in die Privatsphäre der Nutzer, Zensur und mangelnder Jugendschutz.

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Die Social-Media-Plattform Tiktok verzeichnet weltweit pro Monat 800 Millionen aktive Nutzer und hat im Jahr 2019 monatlich mehr neue Nutzer generiert als Instagram in einem ganzen Quartal. Außerdem sind die meisten Tiktok-User zwischen 10 und 29 Jahre alt. Viele dieser Nutzer verwenden die App, ohne sich große Gedanken oder Sorgen darüber zu machen. Immer wieder werden allerdings Stimmen laut, die vor der Plattform warnen.

Jüngstes Beispiel ist der US-Außenminister Mike Pompeo. In einem Interview mit Fox News hat der Politiker angedeutet, dass sich die US-Regierung überlege, die Tiktok-App in Amerika zu sperren. Damit wäre die USA nicht das erste Land, das die Plattform verbietet. Ende Juni hatte bereits Indien 59 chinesische Apps – darunter Tiktok – wegen Spannungen mit dem Nachbarland China verboten. Aber was sind eigentlich die Gründe, warum immer wieder vor der App gewarnt wird?

1. Verbindungen zur chinesischen Regierung

Die Plattform Tiktok gehört zur chinesischen Firma Byte Dance, die momentan laut Cnet.com als wertvollstes Start-up der Welt gehandelt wird. Ein solch wichtiges und einflussreiches Unternehmen mit Sitz in China muss aber zwangsmäßig mit der regierenden kommunistischen Partei des Landes zusammenarbeiten. Was dies bedeutet, mussten bereits andere Tech-Firmen, die auch in China ansässig sind, erfahren. So ordnet die Regierung beispielsweise immer wieder an, jegliche Erwähnung des Tiananmen-Massakers zu löschen oder subversive Bildsymbolik wie jene bei Winnie Pooh oder Peppa Pig zu zensieren.

Zwar behauptete Tiktok-CEO Alex Zhu gegenüber der New York Times, dass man auf keinen Fall ein Video von der Plattform löschen würde, nur weil die chinesische Regierung dies verlange. Allerdings hat Tiktok in der Vergangenheit bereits das Profil eines amerikanischen Teenagers gesperrt, nachdem diese auf die Missstände, was Chinas Umgang mit Uigur-Muslimen anging, aufmerksam gemacht hatte.

2. Probleme mit der Privatsphäre der User

Augenblicklich läuft in den USA eine Sammelklage gegen die App. In der Klage heißt es, das Unternehmen sammle heimlich und illegal Daten über seine Nutzer. Diese Daten seien nicht anonymisiert und ließen direkte Rückschlüsse auf den User zu. Zu den gesammelten Daten gehören beispielsweise Videos, die als Entwürfe gespeichert werden, von denen die Nutzer nicht wissen, dass Tiktok ebenfalls Zugriff darauf hat.

Laut Cnet.com werden zudem biometrische Daten gespeichert, da viele der hochgeladenen Videos die Gesichter der User von nahem zeigen. Außerdem speichert die App die Kontakte der Nutzer, ihre E-Mail-Adressen, IP-Adressen, Aufenthaltsorte und weitere private Daten. Darüber hinaus behauptet ein Reddit-User, die Tiktok-App genaustens nachgebaut und dabei entdeckt zu haben, dass auch die Handy-Hardware, andere installierte Apps, der Speicherplatz, die Router-ID und der Wifi-Access-Point-Name gespeichert werden.

Was Tiktok mit diesen Daten genau anstellt, ist nicht bekannt. Tatsache ist aber, dass solche Datensätze dazu benutzt werden können, die User auf Schritt und Tritt zu beobachten und für sie personalisierte Werbung auszuspielen.

3. LGBTQ+-Inhalte werden versteckt

Wie Tiktoks «For you»-Seite tatsächlich funktioniert und welche Videos viralgehen, ist ein Geheimnis, das das Unternehmen sorgfältig hütet. Laut der deutschen Seite Netzpolitik.org kommt es bei der Auswahl, welche Videos favorisiert werden, bei Tiktok aber immer wieder zu Diskriminierungen. So soll das Unternehmen seine Moderatoren beispielsweise angewiesen haben, Videos von Personen mit Behinderungen speziell zu markieren und deren Reichweite künstlich einzuschränken.

Auf dieser Liste der «speziellen User» sollen auch Mitglieder der LGBTQ+–Community und dicke Nutzer gelandet sein. Als Grund dafür soll das Unternehmen laut einem geleakten Dokument das erhöhte Mobbing-Risiko genannt haben, dem solche Nutzer ausgesetzt sind.

Darüber hinaus soll Tiktok die hochgeladenen Videos auch nach Hautfarbe filtern. Dies behauptet ein Forscher in Wired. Bei genauerer Betrachtung der Vorschläge, die Tiktok ihm lieferte, fiel ihm auf, dass die Personen, die ihm vorgeschlagen wurden, jenen, denen er bereits folgte, sehr ähnlich sahen. Insbesondere die Hautfarbe, die Haarfarbe und das Alter ähnelten den bereits gelikten Accounts sehr.

4. Tiktok liest deinen Zwischenspeicher

Erst in den letzten paar Wochen kam ans Licht, dass Tiktok auch im Zwischenspeicher des Telefons herumstöbert. Im sogenannten Clipboard befinden sich zwischenzeitlich Dateien wie Texte oder Bilder, die ein Handynutzer kopiert hat. Problematisch ist dies vor allem dann, wenn Passwörter oder andere Login-Daten, Bankverbindungen oder Kreditkarten-Informationen kopiert wurden und somit in den Zwischenspeicher des Telefons gelangten. Dann konnte Tiktok auf diese Daten frei zugreifen, wie Forbes.com berichtet. Dies geschieht durchschnittlich jeden ersten bis dritten Tastenanschlag.

5. Probleme mit dem Jugendschutz

In den USA dürfen Unternehmen keine Daten über Kinder unter 13 Jahren sammeln. Nun muss sich Tiktok in Amerika allerdings einer Klage stellen, die genau dies in die Kritik stellt. Das Unternehmen sammelt laut dieser Klage nämlich immer wieder Daten über Kinder, von denen es nicht mit Sicherheit behaupten kann, dass sie älter als 13 Jahre alt sind, wie Mashable.com berichtet. Dies, obwohl das Unternehmen bereits im Februar 2019 aus dem gleichen Grund eine Strafe von 5,7 Millionen Dollar bezahlen musste.

Was sagt Tiktok dazu?

Tiktok selbst weist immer wieder darauf hin, dass die Privatsphäre und die Sicherheit der Nutzer oberste Priorität habe. «Wir verpflichten uns, die Privatsphäre unserer Nutzer zu respektieren und gegenüber unserer Community transparent zu sein, wie unsere Anwendung funktioniert. Wir möchten Nutzer ermutigen, für eine bestmögliche Erfahrung stets die neueste Version von Tiktok zu verwenden», sagt eine Sprecherin des Unternehmens.

In den letzten Wochen habe es im Internet eine Reihe von Behauptungen über Sicherheitspraktiken bei Tiktok gegeben. «Diese nehmen wir ernst und führen derzeit eine vollständige Überprüfung durch. Wir haben festgestellt, dass viele von ihnen ungenau sind oder sich auf veraltete Versionen der App beziehen», so die Sprecherin.

«Die ausgelesenen Daten wurden nicht an Tiktok gesendet.»

In einem Update, das Tiktok Ende Juni veröffentlicht hat, werden einige der genannten Kritikpunkte direkt angegangen. So gebe es beispielsweise viele legitime Gründe, wieso eine App Zugriff auf den Zwischenspeicher verlange. Ein Browser könne so beispielsweise eine neue Suche nach einem Begriff vorschlagen, den ein Nutzer zuvor kopiert hat, oder eine URL im Zwischenspeicher sofort laden. Der Chief Information Officer von Tiktok, Roland Cloutier, spezifiziert: «Diese ausgelesenen Daten wurden nicht an Tiktok gesendet.»

Vielmehr sei diese Information dazu benutzt worden, Spam auf der Plattform zu verhindern. «Wir bauen ständig neue Features, um die Nutzererfahrung zu verbessern. In diesem Fall handelte es sich um einen Spam-Detektor, der erkennen sollte, wenn ein Nutzer einen kopierten Text unter Hunderte verschiedene Videos als Kommentar postet», so Cloutier. Man nehme sich dieser Sache aber nochmals von neuem an.

(L'essentiel/Dominique Zeier)

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