Netflix-Hit

14. November 2019 10:52; Akt: 14.11.2019 10:57 Print

Was wir in «Atypical» über Autismus lernen

Gerade ist die dritte Staffel von «Atypical» erschienen. Netflix hilft mit seiner mutigen Produktion, Autismus zu verstehen.

Der Trailer zur 3. Staffel von «Atypical». (Video: Netflix)

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Was bedeutet es überhaupt, normal zu sein? Das ist das zentrale Thema der Serie «Atypical». Die Netflix-Produktion, deren dritte Staffel seit wenigen Tagen online ist, ist dabei nicht nur eine Serie über einen Teenager mit Autismus, sondern auch über das Heranwachsen und die Geschichte einer Familie, in der alle Storylines gleichwertig erzählt werden. Autismus ist dabei das erste Mal in einem ernsten Kontext mit Bildungsanspruch vertreten.

Serienstars wie Sheldon Cooper («The Big Bang Theory») haben Autismus in einem ersten Schritt als lustig-schrullige Nebenfiguren alltagstauglich gemacht und die ernsteren Sachen offengelassen.

Realistische Darstellung

«Atypical» informiert, ohne mit wissenschaftlichen Fachbegriffen zu überfordern. In der ersten Staffel liegt der Fokus vor allem auf der Reaktion des autistischen Hauptdarstellers Sam (Keir Gilchrist) auf seine Umwelt und einer möglichst aufgeladenen, bilderbuchhaften Darstellung der klassischen Asperger-Eigenschaften. Die zweite Staffel verarbeitet auch seine Gefühle und bietet nicht bloß eine Auflistung von Symptomen. Daneben thematisiert die Serie auf gelungen realistische Weise die verschiedenen Hürden des Lebens, die man auch ohne Asperger bewältigen muss.

Die Staffeln sind allesamt nicht zu dunkel, dennoch mit einigen starken Themen besetzt und in sich logisch gehalten. Die Geschichten der einzelnen Charaktere werden gut auserzählt.

Achtung, wenn Sie die Staffeln 1 und 2 noch nicht gesehen haben: Spoiler!

Die Liebe zeigt in der zweiten Staffel ihre dramatischen, wechselhaften Seiten. Sams Schwester Casey (Brigette Lundy-Paine) hat Gefühle für eine Frau, während sie sich in einer Beziehung befindet, Sams Mutter Elsa (Jennifer Jason Leigh) betrügt ihren Vater mit einem Kellner, und auch Sam selbst wagt erste tollpatschige Gehversuche in Liebesangelegenheiten, die mit einer Liebesbekundung enden.

Identitätssuche, Studium und Neustart

In der dritten Staffel geht seine Identitätssuche einen Schritt weiter. Der Protagonist beginnt zu studieren, möchte einen radikalen Wandel, unabhängiger sein und selbst den Fokus nicht mehr auf seinen Autismus legen. Der Versuch eines Neustarts mit neuer Identität ist jedoch zum Scheitern verurteilt, solange Sam krampfhaft versucht, seine Beeinträchtigung zu ignorieren. Dabei lernt er seine Besonderheit zu akzeptieren und schließt sich einer Autismus-Gruppe auf der Uni an.

Die autistischen Bewältigungsstrategien sind realistisch dargestellt. Sams Familie unterstützt ihn bei seinen Zusammenbrüchen, indem sie ihm seine Lieblingsgeschichte über antarktische Pinguine vorspielt, um ihn zu beruhigen. Auch ein weiterer Teil des Spektrums, die Zwangsstörung, wird thematisiert. Sam muss bei jedem Geburtstag seiner Schwester ein bestimmtes Ritual befolgen, weil seine Schildkröte starb, als er es einmal nicht schaffte.

Seither glaubt der autistische Teenager, dass mit Unterbrechung des Rituals etwas Schlimmes passieren würde. Er lernt dann zu verstehen, dass das nicht der Fall ist. In der dritten Staffel gibt es eine Szene im Studentenwohnheim, wo Sam das Zimmer, das er sich mit jemandem teilen sollte, betritt und die Tür, weil sie quietscht, 35-mal auf- und zumachen muss.

Sam wächst an seinen Aufgaben

Zwei für Sam besonders prägende Momente, die dem Hauptdarsteller auch den Prozess der Weiterentwicklung ermöglichen, sind Herausforderungen an der Uni, die Professoren ihm auftragen.

Ein Philosophieprofessor gibt ihm eine moralische Aufgabe. Diese versteht Sam erst, als er im Alltag eine schwierige Entscheidung zu treffen hat. Er erkennt, dass die Welt nicht immer rational in Schwarz und Weiß einzuordnen ist. In seinem auf Regeln ausgerichteten Denken war er blind für die moralische Grauzone.

Eine weitere Aufgabe erwartet ihn im Kunstunterricht. Dort versteht er nicht, was das Wesen eines Dinges oder einer Person sein soll, und findet schließlich auf der Suche nach der Essenz seines Lieblingstiers, des Pinguins, auch eine Antwort auf die Frage, was seine eigene Essenz ist.

Alles steht im Zeichen der Veränderung

Sams Schwester erwarten andere Veränderungen. Sie muss eine schmerzhafte Entscheidung in der Partnerwahl treffen, sich mit unsicheren Gefühlen auseinandersetzen und sich zwischen ihrer besten Freundin und ihrem Freund entscheiden. Daneben hat sie die Chance, mit ihrem sportlichen Talent professionell durchzustarten.

Auch die Situation zwischen Sams Eltern bleibt angespannt und bringt Herausforderungen mit sich. Sams Vater kann nicht verzeihen, was zwischen dem Kellner und seiner Frau vorgefallen ist, und freundet sich schließlich mit der Mutter einer autistischen Tochter an. Dies ist seiner Frau ein Dorn im Auge. Lange wartet sie auf eine Aussprache mit ihrem Ehemann.

Sams bester Freund, mit dem zusammen er in einem Elektrofachhandel arbeitet, macht auch erste Erfahrungen in der Liebe und hat eine Beziehung, die ihn negativ beeinflusst. Dabei beweist Sam seine kameradschaftlichen Qualitäten.

Kritiker: Sam ist «zu» autistisch

Kritische Stimmen behaupten, dass Sam, gerade weil er alle Eigenschaften auf der Liste eines Paradeautisten besitzt, keine gute Repräsentation der Gemeinschaft darstelle. Das könnte man aber auch umdrehen: Gerade indem er möglichst viele davon besitzt, werden viele davon geschildert. Menschen lernen sie kennen, und andere können sich damit identifizieren, weil sie sich selbst darin wiedererkennen.

Eine Serie kann kaum auf dem gleichen Level wie die Forschung sein, aber sie kann mehr Menschen aufklären und unterrichten. Dieser Aufklärungscharakter macht sie so wertvoll.

Menschen mit Autismus und solchen, die Probleme im Umgang mit ihnen haben, kann die Serie viel geben. Etwa das hoffnungsvolle Gefühl, alles erreichen zu können, solange das Umfeld stimmt. Sam ist umgeben von einer liebenden Familie, einem umsichtigen Freund, einer liebevollen Freundin und einer bemühten Therapeutin.

Fazit: Mit «Atypical» hat Netflix eine emotional anspruchsvolle und mutige Serie geschaffen. Sie zeigt neurologische Unterschiede auf, fordert dazu auf, sexuelle Unterschiede zu akzeptieren, und kann dabei als Plädoyer für mehr Toleranz gelten. Und dabei ist sie auch noch spannend und unterhaltsam.

(L'essentiel)

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