Kult-Autor Tino Hanekamp

03. September 2018 22:14; Akt: 03.09.2018 22:15 Print

«Ist vielleicht auch feige, sich einfach zu verpissen»

Sein Roman «So was von da» ist unter Partykids Kult. Mit der neuen Filmversion hatte Autor Tino Hanekamp nichts zu tun – und statt Clubs besitzt er heute eine Knarre.

Exzess, Bela B. und ein bisschen «Trainspotting»: Sechs Jahre nachdem Tino Hanekamp seinen Kultroman zum Leben in der Hamburger Clubszene veröffentlichte, läuft jetzt die Filmversion im Kino. (Video: DCM)

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In seinem Buchdebüt erzählte Tino Hanekamp vom Lebensgefühl, das er als Clubbetreiber in- und auswendig kannte: Schweben zwischen exzessiver Euphorie und freiem Fall. Es traf eine Generation mitten ins Herz. «So was von da» wurde Kult.

Mit der Kinoversion seines Romans, die aktuell im Kino läuft, hatte der Deutsche am Ende trotzdem nichts zu tun. Auf dem Verlagsblog von Kiepenheuer & Witsch erklärt er warum – im Skype-Interview hat uns der Ex-Partymann vom Reiz des Post-Party-Lebens erzählt.

Tino, mit dem Clubleben hast du nichts mehr am Hut, oder?


Ne. Ich lebe mit der Liebe meines Lebens und meinem kleinen Sohn auf zwei Hektaren im Süden Mexikos und krieg Internet von einer Antenne, die 50 Kilometer entfernt auf einem Bergzug steht. Hier reiten Cowboys vorbei, wir haben eine Knarre und hinterm Hügel leben Zapatisten.

Wozu die Knarre?

Man kann ja nie wissen … Und so was wie eine Polizei gibt es hier nicht.

Fehlt dir dein altes Leben manchmal?

Ich vermisse meine Freunde und die tollen Gestalten, die in so einer Nachtwelt umhergeistern. Aber ich brauch's nicht mehr dunkel und laut, den Rausch vermisse ich nicht. Und dann lese ich Nachrichten und denke, oh Mann, Leute, was habt ihr denn alle für Probleme? Diese ständige Angst vor beinahe allem, und diese fürchterliche Hysterie!

Glaubst du, wir haben keinen Grund, uns Sorgen zu machen?

Es gibt natürlich eine Menge Anlass zur Sorge – die drohende Klimakatastrophe, der Verfall menschlicher Werte und der Demokratie. Aber viele Leute sorgen sich letztlich nur um sich, haben Angst vor dem Verlust ihres Wohlstands, dem Fremden, dem Leben an sich.

Ja, aber die Angst ist ja nun mal da.

Ja, und sie ist ein Gift. Wissen wir doch alle, dass Menschen aus Angst die Menschlichkeit verlieren. «Angst fressen Seele auf», selten hat ein kurzer Satz so viel Wahrheit in sich getragen. Und es macht mich wütend zu sehen, wie diese Angst instrumentalisiert wird. Wie leicht sich die Menschen manipulieren lassen nach all dem, was in der Weltgeschichte passiert ist.

Warum lernen wir nicht?

Die Welt, das Leben kann einen ja durchaus traurig machen. Nur erscheint mir dieses gefühlte Unglück – zumindest für uns Privilegierte in unserer westlichen Wohlstandswelt – oft selbstgemacht, eine Mischung aus Feigheit, Selbstsucht und Überempfindlichkeit.

Du hast dich entschieden, nicht mehr Teil dieser Gesellschaft zu sein. Kann das die Lösung sein?

Ist vielleicht auch feige, sich einfach zu verpissen. Aber eins ist klar: Wer der Angst nachgibt, kann kein erfülltes Leben leben. Der kann nicht mal richtig lieben. 
Ich entziehe mich der einen Welt – und werfe mich in eine andere. Hier hab ich mein Glück gefunden und will es gestalten. Für mich ist das eine Konzentration aufs Wesentliche.

Also mehr aufs Glück konzentrieren als aufs Drama?

Mir geht es eher darum, dieses Abenteuer Leben so gut zu leben, wie ichs halt kann. Manchmal wirft es dich ab, und dann trägt es einen an die tollsten Orte, zu den wundervollsten Menschen. Hauptsache, man traut sich und riskiert sich. Ein intensives Leben macht ja auch aus, dass man es doll nimmt, also nix gegen Drama. Wenn man dabei aber die ganze Zeit darüber nachdenkt, was einen jetzt glücklich macht ... dieser ständige Glückszwang reitet uns in die Scheiße!


Inwiefern?

Wir therapieren uns doch quasi zu Tode – und da war ich auch gut dabei. Dieses ständige Um-sich-selbst-Kreisen, Reparieren und Perfektionieren, in der Annahme, dass irgendwann einfach alles nur gut ist. Aber wo steht eigentlich geschrieben, dass man ständig glücklich sein muss? Dass das überhaupt geht oder erstrebenswert ist?

Was ist deine Antwort darauf?

Man sollte sich nicht so wichtig nehmen, mehr geben, sich an das Leben verschwenden, die Menschen, die Liebe – und im Zweifel seinen Glücksbegriff überdenken. Vielleicht ist Glück ja schon, nicht unglücklich zu sein.

«So was von da» läuft aktuell in den deutschen Kinos.

(L'essentiel/mel)