Neues Album «Revival»

19. Dezember 2017 14:25; Akt: 19.12.2017 14:25 Print

Eminem setzt sein Comeback in den Sand

Mit «Revival» kehrt Eminem nach einer vierjährigen Pause zurück. Zwar bricht er darauf seinen eigenen Geschwindigkeitsrekord, trotzdem bleibt es eine Enttäuschung.

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Niemand kann abstreiten, dass Eminem zu den talentiertesten Rappern aller Zeiten gehört. Trotz White-Trash-Hintergrund mauserte er sich zu einem der wichtigsten Vertreter einer Bewegung, die bis anhin von Schwarzen dominiert wurde. «8 Mile» bleibt unvergessen, genauso Hits wie «Lose Yourself», «Stan» und «The Real Slim Shady».

Fast 20 Jahre sind seither vergangen. Eminem ist mittlerweile 45 und auch wenn er immer noch als Rap-Gott gilt, kämpfte er ab der zweiten Hälfte seiner Karriere um Relevanz. «Revival» hätte nach einer vierjährigen Pause seine große Wiedergeburt werden sollen. Nach 18 Songs und 77 Minuten ist aber klar – Eminem ist vorbei.

Was tun Pink und Ed Sheeran hier?

Mit einem (angeblich improvisierten) Trump-Diss kehrte Eminem aus der Versenkung zurück und alle waren baff: Der Mann brennt wieder für etwas. Dann kam «Walk On Water» – ein Song, der eher wie eine von Selbstzweifel geprägte Spoken-Word-Nummer mit etwas «Lalala» von Beyoncé wirkte – und die ersten Fans wurden skeptisch.

Als dann die Tracklist von «Revival» im Internet kursierte, verspielte Eminem sein Momentum bereits wieder: Featurings von A-Listern wie Ed Sheeran, Alicia Keys und Pink drohten, jegliche Seele und Credibility aus dem Album zu saugen. Er, der kompromisslose Straßenrapper, arbeitet nun also mit all den Hochkarätern, die auch Mama «noch lässig» findet.

Alte Schinken ohne neuen Twist

Die Schuld darf aber nur bedingt auf die langweiligen Gäste geschoben werden, das Problem liegt in der ganzen Produktion von «Revival». In dem Album steckt keine erkennbare Vision. Mal macht Eminem R'n'B («Nowhere Fast»), dann gibts Lagerfeuer-Gitarren («River») und um auch die junge Zielgruppe mitzunehmen, versucht er sich in modernem Trap («Chloraseptic»), nur um sich einen Song später über die Vertreter eben jenes Sounds lustig zu machen.

Zu allem Übel samplet Eminem im Laufe des Albums auch noch Joan Jetts «I Love Rock'n'Roll» und «Zombie» von den Cranberries. Ironischerweise wirken die alten Schinken in diesem Kontext genauso anachronistisch wie der Rapper selbst mittlerweile.

Die tote Ivanka im Kofferraum

Eines muss man ihm trotz allem lassen: Sowohl in Sachen Flow als auch lyrischer Kreativität gehört Eminem immer noch zu den Größten. «Untouchable» etwa ist eine rabiate, sechsminütige Abhandlung zu Polizeigewalt. Die Reimkette in der dritten Strophe von «Chloraseptic» – Eminem findet 14 Reime auf «Budweiser» – muss man gehört haben. Und in der letzten Strophe von «Offended» bricht er sogar seinen eigenen Geschwindigkeitsrekord und spuckt unglaubliche 6,71 Wörter pro Sekunde aus.

Natürlich bekommen auch der US-Präsident und seine ganze Familie ihr Fett weg: In «Framed» fantasiert Em von der toten Ivanka Trump in seinem Kofferraum, was definitiv für eine kleine Kontroverse sorgen wird. Gegen Ende des Albums wird der 45-Jährige dann wieder emotional, besingt einmal mehr seine Tochter Hailey und seine Drogensucht – inklusive Selbstmordgedanken. Das geht unter die Haut, ist aber nach all den Jahren auch kein besonders origineller Move mehr.

Die Unsicherheit macht Eminem kaputt

Eminem muss damit leben, dass jeder einzelne seiner Releases an seinem Magnum Opus, der legendären «The Marshall Mathers LP», gemessen wird. Und in diesem Vergleich stinkt «Revival» ab. Macht das Eminem zu einem schlechten Rapper? Definitiv nicht. Macht es uns zuversichtlich für seine Zukunft? Leider nein.

Der große Choleriker, der Rapper mit dem wohl stärksten Mittelfinger aller Zeiten, scheint selbst nicht mehr zu wissen, was er eigentlich will, und genau diese Unsicherheit ruiniert die Essenz dessen, was ihn ausgemacht hat. Dann lieber mal wieder «8 Mile» schauen.

(Neil Werndli/L'essentiel)

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