Die Ärzte im Interview

21. September 2021 14:32; Akt: 21.09.2021 15:04 Print

«Wieviel erhobener Zeigefinger ist erlaubt?»

Erst Funkstille, jetzt zwei Alben in zwölf Monaten. Die Ärzte zeigen sich mit neuer Harmonie enorm produktiv. Im Gespräch sagen die Berliner, wann eigene Grenzen über Bord fliegen.

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Nur ein Jahr nach dem jüngsten Album «Hell» veröffentlicht die Berliner Punkrock-Band Die Ärzte auf «Dunkel» 19 neue Songs. Vor Erscheinen des Albums an diesem Freitag (24. September) schildern die Musiker Bela B (58), Farin Urlaub (57) und Rodrigo González (53) im Gespräch mit der «DPA» in Berlin die Entstehungsgeschichte des Albums - und was dabei in der Band vorgeht.

Vor rund einem Jahr erschien «Hell». War das neue Album «Dunkel» gleich mitgedacht?

Bela B: Eigentlich ja. 2019 hatten wir über 50 Songs für das neue Album und konnten uns von vielen schwer trennen. Wir haben 40 Songs teils gemeinsam arrangiert. Dann haben wir gedacht, wir könnten mit dieser Tatsache ja spielen, dass wir so viel Songs haben. Zwei Alben gleichzeitig, wir bringen eins nur viral raus und eins als Hardware. Wir waren noch gar nicht fertig mit dem Gedanken – da kam Corona. Damit hatten wir bei «Hell» eine Situation wie nie zuvor in der ganzen Geschichte der Ärzte: wir konnten die perfekte Album-Kopplung erstellen, weil wir so viel Material hatten.

Farin Urlaub: In den vier Monaten, die wir quasi zwischen den Aufnahmen Pause und frei hatten, haben wir nochmal 14 Songs geschrieben. Jeder für sich ein paar, zusammen waren es dann 14. Da war ich echt beeindruckt. Offenbar war da so viel Druck: ohne Freunde treffen, ohne Ausgehen, keine Konzerte.

Rodrigo Gonzáles: Das war das Gute daran - viel Freizeit.

Bela B: Wir haben dann tatsächlich nochmal acht Songs von den 14 genommen und ausgetauscht gegen Songs, die eigentlich schon beschlossene Sache waren. Um dann wiederum das perfekte Album zu machen, unserer Meinung nach.

Ist nach langer Pause mit vielen Problemen zwischen den Alben «auch» und «Hell» nun neue Harmonie ausgebrochen?

Bela B: In den acht Jahren gab es nicht viel Kontakt. Ich habe darauf gedrungen, dass wir uns einmal im Jahr treffen, einfach mal reden, nicht immer nur über Die Ärzte. Jetzt aber, in diesem einen Jahr, wenn ich zum Telefon gegriffen und eine bestimmte Nummer gewählt habe, ging jemand am anderen Ende ran mit den Worten: Ich hab schon gedacht, du rufst heute gar nicht mehr an.

Farin Urlaub: Teilweise war es schon eine Standleitung, obwohl wir uns sowieso die ganze Zeit gesehen haben. Das war schon gut.

Bela B: Es macht halt total Spaß. Wir sind total stolz und zufrieden mit dem Material, mit der Band. In der Entscheidungsfindung geht alles viel schneller, weil derjenige, dessen Vorschlag abgelehnt wird, nicht so lange darum kämpft, sondern sich der Mehrheit beugt.

Farin Urlaub: Weil es auch so viele verschiedene Ideen gibt. Also nicht nur Songs, sondern auch andere Ideen. Nicht so eine negative, sondern eine positive Diskussion. Das ist cool.

Wo stehen Die Ärzte mit dem neuen Album?

Bela B: Wir sind an dem Punkt, wenn wir so was ganz Normales machen, ist das für die Leute die größte Überraschung. Das letzte Lied auf dem Album ist meiner Meinung nach wieder ein No-Go. Also wieviel erhobener Zeigefinger ist erlaubt bei den Ärzten?

Es geht darin um den Wert von Demokratie.

Farin Urlaub: Rod war schockiert.

Bela B: Es gibt einen Grund, warum das Lied so heißt wie es heißt.

Drückt der Titel «Our Bass Player Hates This Song» also klare Ablehnung des Bassisten aus?

Rodrigo Gonzáles: Es ist tatsächlich so. Ich finde es immer noch äußerst problematisch, dass Die Ärzte so einen Song machen. Das hat so was von der «Sendung mit der Maus», wenn da Sachen erklärt werden wie: Stein, die Erde, die Sonne. Ich finde, mit so einem Text entzaubern wir uns ein bisschen.

Was macht die Band, wenn ein Song so unterschiedlich bewertet wird?

Bela B: Wir haben wie immer über die vorhandenen Songs abgestimmt.

Farin Urlaub: Soviel Demokratie muss auch bandintern sein. Wenn jemand sagt, ich kann damit wirklich nicht leben, wenn das Lied auf dem Album ist, dann gibt es schon ein Vetorecht. Aber es wird auch nur im Ausnahmefall gezündet.

Die Ärzte sind seit vier Jahrzehnten dabei. Was hat sich in der Musik geändert?

Farin Urlaub: Die Benutzung von Musik durch große Konzerne hat sich nochmal radikalisiert. Was mich aber sehr freut ist, dass Musik als soziale Währung oder als Identifikationsfinder von Subkulturen immer noch total funktioniert. Ich verstehe nicht mehr alle Subkulturen und verstehe auch nicht mehr alle Musiken, die jetzt heutzutage gerade Leute total super finden. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Musik immer noch wichtig ist, immer noch funktioniert - und das ist für mich ein erfreulicher Gedanke.

Bela B: Ich höre viel neue Musik, aber ich zwing mich nicht dazu, jetzt wirklich alles geil zu finden.

Der Erfolgssong «Schrei nach Liebe» stammt von Bela B und Farin Urlaub. Wie kam es nun bei der ersten «Dunkel»-Single «Noise» zu dieser sehr seltenen Form gemeinsamer Arbeit?

Bela B: Der ursprüngliche Song war ein Farin-Urlaub-Lied, das wir bei «Hell» schon abgelehnt hatten. Mir ist aber der Refrain nicht aus dem Kopf gegangen. Dann hab ich Farin gefragt, ob ich mit dem Lied spielen dürfe, und die Idee hat ihm gefallen. Ich hab neue Strophen dazu komponiert und den Strophen-Text auch geändert und dem Song damit einen anderen Sinn gegeben. So entstand nach langer Zeit wieder eine gemeinsame Arbeit an Text und Komposition von Farin Urlaub und Bela B. Der Text nimmt auch ein bisschen Bezug zu uns beiden, zu unserer Situation. Darum ist ein Duett. Und das ist so Ärzte-mäßig, dass eigentlich niemand damit rechnet.

(L'essentiel/DPA )

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