Mini Cooper SE

17. Juli 2019 12:23; Akt: 17.07.2019 12:45 Print

Schatz, wir müssen reden

Wo ist die Leidenschaft geblieben? Das erste serienmäßige Elektroauto der sonst so emotionalen Marke Mini wirkt ein wenig lustlos – zumindest auf den ersten Blick.

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«Is it love?», fragte Mini 2001 in der Einführungskampagne der unter BMW-Regie entstandenen Retro-Neuauflage. Format und Preis widersprachen dem Namenssinn und technisch versprach der Kleinwagen keine Revolution. Aber mit einem kultigen Design Begehrlichkeiten wecken, mit fröhlichen Farbkombinationen einen neuen Trend setzen und mit unvergleichlicher Agilität für jenes Fahrgefühl sorgen, dass die Marketingabteilung bis heute als «Go-Kart-Feeling» beschreibt, das konnte das Auto.

Ja, es war Liebe. Auf den ersten Blick. Und 18 Jahre, zwei Evolutionsstufen und weitere Familienmitglieder später hält diese noch immer an. Umso irritierender, mit welcher Verspätung und Mutlosigkeit der Hersteller die Liebe in die elektrische Zukunft hinüberretten will. Gewiss, ein Plug-in-Hybridmodell steht bereits im Angebot. Und um den neuen, als klassischen 3-Türer erhältlichen Stromer zu präsentieren, wurden keineswegs Mühen gescheut: Die halbe Welt war letzte Woche zur Vorstellung in Rotterdam geladen. Die Location im urbanen Industrie-Stil war hip. Das Catering erstklassig. Das Bühnenbild pompös. Und die Zuversicht der Redner groß (offenbar haben sich bereits 40.000 Interessenten für das Auto registriert).

Doch das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Aufregendste am Auto die asymmetrisch gestylten, mit «coolen Sneakers» verglichenen Felgen sind. Ja, dass sich der Event weniger an Journalisten, als an die zahlreichen anwesenden Influencer richtete, die ebenso an «coolen Sneakers» zu erkennen waren. Und deren Liebe zu einem erst 2019 vorgestellten Elektro-Erstling möglicherweise nicht an die Bedingung geknüpft ist, dass er in irgendeiner Weise progressiv oder zumindest anders ist.

Bestenfalls 270 Kilometer Reichweite

Um nicht in der Manier der enttäuschten Liebenden unfair zu werden: Hier die nüchternen Fakten zum neuen Mini Cooper SE, der ab November in Oxford vom Band läuft und ab März 2020 zu Preisen ab 39.500 Euro beim Händler stehen wird. Die Optik orientiert sich am konventionellen 3-Türer – auffällig anders sind nur die gelben Zierelemente und der geschlossene Kühlergrill. Der aus dem BMW i3 bekannte E-Motor mit 135 kW (185 PS) schickt seine 270 Nm an die Vorder- statt Hinterräder; der 0-auf-100-Sprint dauert 7,3 Sekunden.

Der Lithium-Ionen-Akku mit einem Brutto-Energiegehalt von 32,6 kWh ermöglicht eine für die «urbane Mobilität» geeignete Reichweite von 235 bis 270 Kilometern und ist tief im Unterboden platziert, sodass der Laderaum wie gehabt 211 bis 731 Liter fasst. Der Stromverbrauch beträgt nach dem aktuellen WLTP-Testzyklus 13,2 bis 15,0 kWh/100 km. Die Energierückgewinnung kennt zwei Stufen – in der höchsten soll die Verzögerung so stark sein, dass man das Bremspedal nur selten braucht. Per Schnellladung ist die Batterie innerhalb 35 Minuten zu 80 Prozent geladen. Die Anzeige- und Bedienelemente im Interieur sind «modellspezifisch». Serienmäßig dabei ist unter anderem eine Heizung mit Wärmepumpentechnik.

Das konservative Design und die Reichweite zu kommentieren, dürfte sich erübrigen. Dazu wird es wie immer Online-Leserkommentare geben, traditionell beginnend mit «Aber mein Tesla…», oder vielleicht werden diesmal auch die eigenständiger gestalteten und reichweitenstärkeren Konkurrenten vergleichbaren Formats genannt. Erwähnenswert ist vielmehr, dass ausgerechnet Mini vor 11 Jahren eine Elektroauto-Testflotte als Versuchsträger für den BMW i3 in Betrieb hatte.

Während der E-Mini wieder verschwand, kam mit dem i3 2013 ein Auto auf den Markt, das tatsächlich konsequent war – nicht nur in Sachen Design, sondern auch bezüglich Leichtbau- und Recycling-Materialien – und bis heute Emotionen schürt. «Is it love?» Das muss man freilich nicht mit Ja beantworten. Aber man kann. Kann man mit einem gewissen Hang zur Skurrilität wirklich!

Neues Level von «Go-Kart-Feeling»

Noch ist die Liebe zum neuen Mini Cooper SE aber nicht gekündigt. Das Rendez-vous auf der Straße steht ja noch aus, und viele Faktoren sprechen dafür, dass die Leidenschaft dann wieder entflammt: Etwa das Elektroauto-typisch direkt aus dem Stand verfügbare maximale Drehmoment. Die spezielle elektronische Hilfe, die das Durchdrehen der Vorderräder verhindert. Der tiefe Fahrzeugschwerpunkt – wenngleich die Karosserie wegen der Akkus im Unterboden um rund 18 Millimeter erhöht werden musste.

Und dann die noch bessere Achslastverteilung im Vergleich zum herkömmlichen Mini Cooper. All das könnte dem von der Marketingabteilung strapazierten «Go-Kart-Feeling» neue Relevanz geben. Ja, es könnte also wieder Liebe sein. Zwar erst auf den zweiten Blick, aber wie Psychologen versichern, ist man damit keineswegs schlechter für die Zukunft gerüstet.

(L'essentiel/Nina Treml)

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