Coppa delle Alpi

13. Dezember 2019 18:41; Akt: 13.12.2019 18:51 Print

«Wie Asterix nach einem Schluck Zaubertrank»

Bei der Rallye Monte Carlo ist der Mini 1967 mit Fahrer Rauno Aaltonen über sich hinausgewachsen. Nun hat er bei der «Coppa delle Alpi» noch einmal echte Größe bewiesen.

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Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung. Und zwar für die Anwohner in der Via IV Novembre von Brescia genau wie für mich. Denn noch herrscht Ruhe im Park Fermé auf der Piazza und die Heimatstadt der berühmten Mille Miglia schlummert einen gemütlichen Winterschlaf. Doch nur ein paar Stunden später ist es mit dem friedlichen Morgen vorbei: 50 Oldtimer aus den Jahren 1937 bis 1970 starten zur Winter-Ausgabe der Mille Miglia – nur dass es diesmal nicht nach Süden in die Hauptstadt geht, sondern nach Norden: «Coppa delle Alpi» nennen die Veranstalter das eisige Abenteuer und treiben die Teilnehmer vier Tage lang über die letzten offenen Alpenpässe der Saison durch Südtirol, Österreich, Deutschland und die Schweiz.

Und mittendrin im illustren Feld aus Ferrari, Fiat, Aston Martin, Lagonda, Lancia und Jaguar knurrt ein feuerrroter Underdog, der es der Sportwagenelite unter ähnlichen Bedingungen vor über 50 Jahren schon einmal gezeigt hat: Ein Mini Baujahr 1965, wie ihn Rauno Aaltonen bei der Rallye Monte Carlo als 1967 als erster ins Ziel geprügelt hat, wuselt zwischen dem edlen Altmetall herum und ich sitze bei diesem Gipfelsturm am Steuer.

«Der Jeep Renegade wirkt wie ein Hummer»

Das ist einfacher gesagt als getan. Denn schon im normalen Classic Mini fühlt man sich wie in einer Sardinenbüchse, und wenn man vorher durch einen Überrollkäfig klettern muss und dann von Fünfpunkt-Gurten in Rennschalen eng wie ein Schraubstock gezurrt wird, ist das dem Komfort nicht eben dienlich. Und an die neue, alte Perspektive aus so einem Kleinwagen muss man sich auch erst einmal wieder gewöhnen: Die Jeep Renegade der Carabinieri jedenfalls wirken aus dem Mini betrachtet wie ein Hummer. Aber das hier ist keine Sonntagsfahrt, sondern der Mini ist auf der Mission Gipfelsturm – zumindest, wenn der Motor mal warm ist und der Drehzahlmesser über die 3000er-Marke klettert.

Grip dagegen ist kein Problem. Erstens, weil wenig Schnee liegt und die mitgeführten Ketten nicht zum Einsatz kommen. Und zweitens, weil die winzigen Reifen grobe Stollen haben, die sich tapfer in den schmierigen Asphalt krallen. Und was dem Mini an Kraft fehlt, macht er mit Kaltschnäuzigkeit wieder weg: Platz ist in der kleinsten Lücke und manchmal sogar in einer Haarnadelkurve.

Überholen wird zum Kinderspiel und wo die anderen in ihren schnellen Ferrari oder schweren Lagonda in jeder Kurve dreimal umgreifen müssen, schnurrt der Mini einfach durch – und erweist sich dabei als überraschend stabil. Kein Wunder: Wo es kaum Gewicht gibt, drängt auch keine Fliehkraft nach außen – und gemessen am aktuellen Mini ist der Rennwagen ein Nichts von gerade mal 620 Kilo.

Unglaubliche 110 PS zerren an den Rädern

Heute ist das Go-Kart-Feeling nicht viel mehr als ein Marketing-Versprechen. Doch wer einmal in einem Classic Mini aus den Sechzigern durch die Alpen stürmt, der weiß, worauf sich dieses Versprechen stützt. Das mag auch daran liegen, dass dieser Mini alles andere als ein Hänfling ist. Serienmäßig gab's für den Morris Minor Cooper S, wie der Mini damals offiziell hieß, maximal 70 PS. Doch den Vierzylinder hier unter der Haube hat der legendäre Mini-Tuner Swift in den Fingern gehabt, so dass der 1,3 Liter nun mit um die 110 PS an den Rädern zerrt.

So wirkt der kleine Engländer wie Asterix nach einem Schluck aus der Pulle mit dem Zaubertrank und wird zum feuerroten Kugelblitz. Und weil es keinen Blitz gibt ohne Donner, brüllt der Vierzylinder überraschend laut. Draußen hört sich das ganz schön imposant an, drinnen klingt es viel gröber und rauer und nach fünf Minuten dröhnt es im ganzen Wagen – denn unter Last knurrt der Brite so metallisch, wie der grobe Bohrer beim Zahnarzt.

Und jede Passfahrt, wenn man im Eifer des Gefechts die Gänge bis weit über 6000 Touren dreht und den Fuß nur in den ganz engen Haarnadeln vom Gas nimmt, klingt wie eine Wurzelbehandlung am Weisheitszahn. Nur dass hier Adrenalin fließt statt Blut und dass der Schweiß nicht von der Angst kommt, sondern von der Wärme, die das kleine Kraftwerk da vorne unter der stupsnasigen Haube produziert.

Dem Kleinen kann man einfach nicht böse sein

Bei aller Hetzerei muss man gehörig aufpassen, dass der Ofen nicht irgendwann ganz aus ist. Und so eisig die Kälte bei den wenigen Pausen in die Knochen kriecht, so gut tut sie den Motoren. Wo die Oldtimer sonst bei den Rallyes gerne mal zu kochen beginnen, ist die Überhitzung bei dauerhaften Minusgraden ein eher nebensächliches Problem. Einen Ausfall muss also glücklicherweise keiner riskieren. Wenn uns einer ausbremst, dann sind es allenfalls die Carabinieri, die im Winter nicht ganz so cool sind wie im Sommer und die Verkehrsregeln etwas weniger großzügig auslegen.

Nach vier Tagen, fast 1000 Kilometern, mehr Kurven als zwischen Brescia und Rom und mehr Höhenmetern, als man sie bei zehn Mille Miglias zusammen bekommt, knattert der Mini die letzte Steigung und erreicht das Ziel im Skiort Ponte di Legno. In der offiziellen Wertung landet der Mini im Mittelfeld, aber bei den Zuschauern, bei den anderen Teilnehmern und sogar bei den Carabinieri des offiziellen Begleittrupps ist er der Sieger der Herzen – dem Kleinen kann man einfach nicht böse sein. Einmal mehr hat der Mini, wie damals auf der Monte, vor der gewaltigen Bergkulisse wahre Größe bewiesen.

(L'essentiel)

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