Sprachwissenschaft

16. Juli 2019 08:38; Akt: 16.07.2019 08:47 Print

Beeinflusst die Sprache unser Denken?

Die Theorie, dass die Sprache das Denken bestimmt, gilt als widerlegt. Das heißt aber nicht, dass sie keinen Einfluss darauf hat.

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1931 lenkte der Linguist Edward Sapir die Aufmerksamkeit seiner Leser auf den Satz «Der Stein fällt». Wer eine indogermanische Sprache wie Deutsch oder Englisch spricht, erfasst diesen Vorgang mit zwei Begriffen, dem des Steins und dem des Fallens. Ganz anders, so Sapir, sei das bei den Sprechern von Nootka, einer Sprache, die von Ureinwohnern an der Westküste Kanadas gesprochen wird. Sie würden so etwas wie «Es steint herunter» sagen und hätten daher keinen allgemeinen Begriff des Fallens, der für beliebige Objekte verwendet werden kann. Daraus schloss Sapir, dass ihr Denken anders funktioniere als das von (beispielsweise) Europäern.

Noch sehr viel weiter ging in den 1950er-Jahren Sapirs Schüler Benjamin Lee Whorf. Die Hopi, ein Volk in Arizona, hätten in ihrer Sprache keine grammatischen Elemente, die die Zeit bezeichnen, behauptete er. Das zeige, dass ihnen jeglicher Zeitbegriff fehle. Ein Hopi würde daher den Satz «Morgen ist ein neuer Tag» nicht verstehen, denn für ihn sei jeder neue Tag wie «die Rückkehr derselben Person, etwas älter, aber immer noch mit den Eigenschaften von gestern». Überhaupt bestimme bei jedem Menschen die Struktur seiner Muttersprache, wie er denke und die Welt wahrnehme.

Über das Ziel hinaus

Diese als sprachliches Relativitätsprinzip oder Sapir-Whorf-Hypothese bekannte Sichtweise gilt heute als überholt. Whorf wird nicht mehr ernst genommen, seit der Linguist Ekkehart Malotki 1983 detailliert nachwies, dass die Hopi-Sprache sehr wohl über Zeitbestimmungen verfügt.

Und auch der auf den ersten Blick merkwürdige Satz «Es steint herunter» ist von unserem «Es regnet» gar nicht so verschieden. Dass die Nootka-Sprecher den Sachverhalt anders ausdrücken, bedeutet noch lange nicht, dass sie ihn auch anders wahrnehmen. Auch Sapir dürfte also zu weit gegangen sein. Dennoch scheint es Einflüsse der Sprache auf das Denken zu geben, wenn auch deutlich schwächere.

Männliche und weibliche Brücken

Die Psychologinnen Lera Boroditsky und Lauren Schmidt baten Testpersonen deutscher und spanischer Muttersprache, auf Englisch Gegenstände zu beschreiben, deren Bezeichnungen in den beiden Sprachen das jeweils entgegengesetzte grammatische Geschlecht haben. So ist etwa die Brücke auf Spanisch männlich (el puente), während der Apfel weiblich ist (la manzana). Dabei stellte sich heraus, dass Brücken für die Deutschsprachigen groß, stark und bedrohlich waren, während die Spanischsprachigen sie als schön, elegant und zerbrechlich empfanden. Es schien, als würde das Geschlecht der Brücke in ihrer jeweiligen Muttersprache den Probanden männliche beziehungsweise weibliche Assoziationen nahelegen.

Äpfel namens Patrick und Patricia

Um diesen Befund zu bestätigen, ersannen Boroditsky und Schmidt ein weiteres Experiment. Sie brachten den Testpersonen Eigennamen für die Gegenstände bei und überprüften anschließend, wie gut sie sich daran erinnern konnten. Es zeigte sich, dass die Deutschsprachigen den Apfel leichter im Gedächtnis behielten, wenn er Patrick hieß, die Spanischsprachigen dagegen, wenn er Patricia genannt wurde.

Universalität des Denkens

Diese und ähnliche Untersuchungen zeigen, dass die Muttersprache unser Denken in eine bestimmte Richtung lenken kann. Daraus folgt aber nicht, dass sie uns geistige Beschränkungen auferlegt. Es mag schwer sein, philosophische Werke in die Sprache eines steinzeitlichen Volkes in Papua-Neuguinea zu übertragen, doch unmöglich ist es nicht. Die nötigen Begriffe können entlehnt oder aus bereits bestehendem Wortmaterial geprägt werden. Grundsätzlich lässt sich jeder Gedanke in jeder Sprache denken.

(L'essentiel/Rolf Maag)

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