Schmerz lass nach!

27. Dezember 2016 20:22; Akt: 27.12.2016 20:26 Print

Darum tut es so weh, wenn wir uns einen Zeh stoßen

Die Zehen dürften jene Körperteile sein, die wir uns am häufigsten stoßen. Und das tut auch noch besonders weh – aus gutem Grund.

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Sogar den vorsichtigsten Zeitgenossen passiert es von Zeit zu Zeit: Sie stoßen sich einen Zeh an. In einer Welt voller Tischbeine, Türschwellen und herumliegendem Spielzeug ist das schnell passiert und tut höllisch weh. Doch warum ist das so?

Um das zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, dass Schmerz eine Wahrnehmung ist. Das Gehirn spielt dabei eine entscheidende Rolle. Wie schlimm wir einen Schmerz empfinden, hängt davon ab, wie das Gehirn einen Impuls erfasst und darauf reagiert.

Schmerz ist sehr individuell

Einer der bedeutendsten Schmerzforscher der Welt, Allan Basbaum, vergleicht Schmerz mit Schönheit. «Es gibt nichts, das von sich aus schön ist», zitiert ihn Wired.com. «Und etwas, das in der einen Kultur als schön gilt, muss es anderswo nicht sein, selbst wenn es das gleiche Objekt ist. Beim Schmerz ist es gleich».

Das individuelle Schmerzempfinden ist eine vielschichtige Mischung aus Biologie, Psychologie und anderen Faktoren. Es kann beeinflusst werden von Dingen wie dem Gemütszustand, wie sehr man dem Schmerz Beachtung schenkt, von Erinnerungen an frühere schmerzhafte Erlebnisse, der Intensität des Impulses und woher er stammt.

Schmerz kann also eine ziemlich komplizierte Angelegenheit sein. Nicht so, wenn man sich den Zeh anstößt: Dann setzt ein kaum auszuhaltender Schmerz ein, der sich aber auch schnell wieder verflüchtigt. Und das ist gut so, denn dieser Schmerz ist eine biologische Warnung, die uns zwingt, augenblicklich mit etwas aufzuhören, das uns schadet.

Bündelung von Nerven

Wie heftig ein akuter Schmerz ist, hängt von der Art und der Dichte der Nerven in der verletzten Region ab. Zehen sind vollgepackt mit Nerven, die an ihren Enden sogenannte Nozizeptoren haben. Sie sind für die Auslösung von erstem Schmerz und Schutzreflexen verantwortlich. Wenn man sich einen Zeh anschlägt, werden viele dieser Nervenfasern aufs Äußerste stimuliert.

Diese Signale vom Zeh rufen im Hirn eine starke Reaktion hervor. Es schreit sozusagen ganz laut «aua!». Das liegt daran, dass jedes Körperteil in der Hirnrinde sein eigenes Areal für die Wahrnehmung eines Schmerzreizes hat. Für besonders sensible oder feinmotorische Körperabschnitte gibt es überproportional große Rindenareale, die entsprechend für größeres Schmerzempfinden sorgen. Und neben Händen, Lippen und Zunge gehören dazu auch die Füsse.

Frauen tut es mehr weh

Die Empfindlichkeit der Füsse könnte in der Evolution begründet sein. Zu Zeiten, in denen der Mensch barfuß ging und eine simple Infektion tödlich sein konnte, war es wichtig, sich möglichst keine Verletzungen an den Füssen zuzuziehen. Wer also viel sensorisches Feedback von seinen Füssen erhielt, konnte Verletzungen eher vermeiden und hatte dadurch einen Vorteil.

Den Schmerz wegen einem angeschlagenen Zeh empfinden aber nicht alle als gleich schlimm. Frauen leiden darunter noch mehr als Männer. Laut Basbaum haben sie nämlich eine geringere Schmerztoleranz als Männer. Ganz hilflos sind aber auch sie dem Schmerz nicht ausgeliefert.

So hat eine Studie ergeben, dass herzhaftes Fluchen den empfundenen Schmerz mildert. Allerdings sollte man zurückhaltend sein: Eine Folgestudie hat gezeigt, dass die Schmerzreduktion bei Personen, die im Alltag öfter fluchen, geringer ist, als bei jenen, die nur dann fluchen, wenn sie sich etwas angeschlagen haben.

(L'essentiel/jcg)