Wiener Kaffeehäuser

11. März 2018 20:58; Akt: 11.03.2018 21:02 Print

Das geröstete Paradies

Mokka, Melange oder ein Schalerl Gold? Keine andere Stadt kann sich mit solch einer traditionsreichen Kaffeekultur brüsten wie Wien.

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Schon Stefan Zweig wusste Wien für seine Kaffeehäuser zu schätzen. In seiner Autobiografie «Die Welt von Gestern» schwärmt der Schriftsteller 1942 zu Recht, dass das Wiener Café eine Institution besonderer Art darstellt. Eine, «die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist».

Seit den Tagen von Stefan Zweig hat sich in der Donau-Metropole natürlich einiges getan. Geblieben ist der Gang der Wiener ins Café. Leute eben, die zum Alleinsein Gesellschaft suchen.

Anders als in einem gewöhnlichen Lokal, so Zweig, ist es in den Kaffeehäusern Wiens durchaus üblich, dass ein Gast, der nur einen Kaffee bestellt hat, eine halbe Ewigkeit an seinem Tisch sitzen bleiben darf. Auch das hat sich nicht geändert.

Kaffee-Vokabular

Für einen Zugereisten wie mich eine wunderbare Entschleunigung vom hektischen Alltag also. Beim Streifzug entlang berühmter und weniger berühmter Cafés in der momentan «oaschkalten» Hauptstadt Österreichs entlarve ich mich allerdings als blutiger Anfänger in Sachen Kaffeegenuss.

«Einen Espresso, bitte», sage ich im Café Korb, nachdem mir der Herr Ober seine bestimmt 20-minütige Nichtbeachtung geschenkt hat. Er trägt Fliege und Frack und schaut mir tief in die Augen. «Anen Kurzan, meinen Sie, net?», bellt er schließlich. Kleinlaut pflichte ich ihm bei.

In Wien kommen Kaffee-Aficionados auf ihre Kosten. Und wie überall im Leben ist das richtige Vokabular auch hier von Vorteil. Es gibt den Einspänner, das Schalerl Gold mit Sahne, den kleinen oder großen Braunen, die berühmte Wiener Melange oder den Fiaker, ein Mokka im Glas mit viel Zucker und einem Stamperl Sliwowitz. Und halt eben: «Anen Kurzan.» Orientierung gibt es hier.

Kaiser Franzl

Das besagte Café Korb im ersten Bezirk unweit der majestätischen Wiener Hofburg ist ein im 50er-Jahre-Stil eingerichtetes Künstler-Café, das auf eine lange Geschichte zurückblicken darf. Zur Eröffnung schaute 1903 niemand Geringeres als Kaiser Franz Josef vorbei.

Seit knapp 20 Jahren gehört das Café Susanne Widl, eine Wiener Grand Dame und früheres It-Girl aus den 80ern. Die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek nannte Widl einst die dämonische Schönheit, eine Schutzheilige des Cafés Korb. Leider kriege ich an diesem Tag nur Fotos von ihr zu sehen, die Femme fatale glänzt durch Abwesenheit.

Literaten und Revoluzzer

Unweit vom Korb liegt direkt an der schmucken Herrengasse das Palais Ferstel und im Erdgeschoss das Café Central, der Inbegriff des Wiener Traditionscafés. Hier tummelten sich um 1900 berühmte Denker und Revolutionäre.

Unter den Centralisten, wie die späteren Promis in Anlehnung an das Café genannt wurden, finden sich historische Persönlichkeiten wie Lenin und Trotzki, aber auch große Schriftsteller wie Franz Kafka und Robert Musil. Auch Sigmund Freud, Vater der Psychoanalyse, war hier zu Gast. Das Palais Ferstel ist im Jahr 1860 im Neo-Renaissance-Stil erbaut worden, wenige Jahre danach wurde das Café Central eröffnet.

Heute wird das berühmte und riesige Kaffeehaus mit seiner prächtigen Säulenhalle vor allem von asiatischen Touristen heimgesucht. Doch wer weiß, vielleicht sitzt hier unter den Gästen schon der nächste Kafka und schlürft seinen Kaffee. Von der Schweiz aus können Sie das Café Central zumindest virtuell inklusive Klaviermusik erleben, dafür klicken Sie hier.

Über weitere Cafés, von historisch bis modern und elegant bis ranzig, lesen Sie in der Bildstrecke.

(L'essentiel)

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