Beirut

30. August 2018 21:17; Akt: 30.08.2018 21:21 Print

Mekka der Tanzwütigen, Metropole der Gegensätze

Muezzin-Rufe und Kirchenglocken, bettelnde Flüchtlinge und feiernde Nachtschwärmer – Libanons Hauptstadt besticht durch ihre Kontraste.

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Beirut, die Stadt der Gegensätze – dieses Klischee stimmt wirklich. Hier kommt niemand her, der einfach nur das Mittelmeerklima genießen und ein paar sorglose Tage verbringen will. Feiern lässt sich auch, klar, und das nicht zu knapp. Doch an jeder Ecke schreit die libanesische Hauptstadt danach, dass man sich mit ihrer wechselvollen Vergangenheit beschäftigt.

Auch fast drei Jahrzehnte nach dem Ende des Bürgerkrieges und zwölf Jahre nach dem Libanonkrieg zwischen der Hizbollah und Israel muss man nicht lange nach Hausfassaden mit Einschusslöchern suchen – auffälligste Mahnmale des Konflikts sind die Hochhausruine des früheren Holiday-Inn-Hotels im Zentrum der Stadt und The Egg, ein eiförmiger grauer Koloss, in dem früher mal ein Kino war. Stacheldraht-umzäunte Gebäude und patrouillierende Soldaten prägen das Straßenbild.

Operierte Schönheiten und syrische Bettler

Krass sind auch die Unterschiede zwischen Arm und Reich in der Metropole, in der es kaum eine Mittelschicht gibt. Auf den Straßen fahren komplett durchgerostete Schrottautos mit offenem Kofferraum neben getunten Sportwagen. In den noblen Restaurants sitzen Frauen der Oberschicht mit frisch operierten Nasen – Schönheits-OPs gehören hier zum guten Ton, und der europäische Besucher muss sich an die vielen stolz zur Schau getragenen Verbände im Gesicht erst gewöhnen.

Die Rufe der Muezzins sind allgegenwärtig. (Video: Mareike Rehberg)

Auf der Partymeile tanzen nachts die Feierwütigen auf dem Trottoir neben einer bettelnden Frau, die ihre schlafende Kinderschar notdürftig mit einer Wolldecke zugedeckt hat. Nicht wenige der Bettler sind syrische Flüchtlinge. Die 1,5 Millionen Syrer machen inzwischen ein Viertel der Bevölkerung aus, viele von ihnen leben in Zeltlagern bei Beirut und in der Bekaa-Ebene.

Und während im Hafen von Zaitunay Bay die Luxusjachten auf Hochglanz poliert werden, bedeckt ganz in der Nähe ein riesiges Transparent das frühere Saint-George-Hotel, auf dem in großen Lettern prangt: «Stop Solidere». Gemeint ist das libanesische Bauunternehmen, das vom 2004 ermordeten Ministerpräsidenten Rafiq al-Hariri gegründet wurde. Solidere hat nach dem Bürgerkrieg viele Grundstücke billig aufgekauft, Luxusbauten errichten lassen und so nach Meinung vieler Libanesen die Gentrifizierung der Stadt vorangetrieben.

Nabil ruft zum Gebet

In Beirut erlebt der Besucher außerdem, was es heißt, wenn 18 Religionsgruppen auf engstem Raum miteinander leben. Während aus der maronitischen St.-Georgs-Kathedrale die Predigt bis auf die Straße zu hören ist, empfängt uns nur wenige Meter weiter der freiwillige Touristenführer Nabil in der sunnitischen Mohammed-al-Amin-Moschee.

Er achtet penibel darauf, dass die Frauen unserer Gruppe nicht nur ihre Haare bedeckt halten, sondern auch alle Knöpfe ihrer Mäntel geschlossen haben. Nach einer schier endlosen Rede über die Vorzüge des Islam entschädigt uns Nabil mit einer Kostprobe seines Gesangs. Wobei: Der Ruf zum Gebet sei kein Gesang, betont der Muslim, sondern eine Performance.

Partynächte in Gemmayzeh

Am frühen Abend erwacht die Corniche, die Strandpromenade, die weite Teile der Stadt umgibt, zum Leben. Nicht weit entfernt von Militär-Beobachtungsposten hinter Stacheldraht treffen sich die Menschen auf dem breiten Trottoir. Kinder spielen Fußball, Fischer hoffen auf einen Fang, Jogger drehen eine Runde, Familien flanieren am Meer entlang und Liebespaare okkupieren die Bänke.

Wem dieses pulsierende Leben zu beschaulich ist, der macht nach einem ausgiebigen Mezze-Mahl und einer Verdauungs-Shisha das Ausgehviertel Gemmayzeh unsicher. Uns zieht es in den winzigen Club Hugo's in der Rue d'Armenie, einem Ausläufer der von den internationalen Party-Profis gehypten Gouraud Street.

Das Hugo's ist vielleicht so groß wie ein geräumiges Wohnzimmer und so brechend voll, dass wir Mühe haben, uns an all den Ladys in Hot Pants und freizügigen Tops vorbeizudrängen und die Bar zu entern. Getanzt wird auch zu internationaler musikalischer Stangenware, richtig Stimmung kommt aber auf, sobald libanesischer Pop ertönt. Die zuckenden Leiber schwappen bis aufs Trottoir hinaus und irgendwann können wir gar nicht anders, als mitzumachen bei diesem Tanz, der das Leben feiert, das hier noch kostbarer scheint als anderswo.

(L'essentiel)

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