Keine Konversionstherapien

18. Januar 2019 19:50; Akt: 18.01.2019 19:51 Print

New York verbietet «Umerziehung» für Gays

Als 15. US-Staat hat New York Konversionstherapien bei homosexuellen Minderjährigen verboten. Europa tut sich noch schwer mit einem solchen Schritt.

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Die LGBTQ-Organisation Human Rights Campaign spricht von einem «monumentalen Tag für Fairness und Gleichheit». Auslöser ist ein Gesetz, das der Staat New York am Dienstag erlassen hat, wonach sogenannte Konversionstherapien bei homosexuellen Minderjährigen verboten werden.

Damit ist es nun in 15 Staaten der USA verboten, Minderjährige mittels Therapien zur Heterosexualität «umzuerziehen». Vor allem in evangelikalen und freikirchlichen Kreisen hält sich der Glaube, Homosexualität entspreche nicht der Norm und sei therapierbar.

«Ein kritisches Gesundheitsrisiko»

In New York wurde der Entscheid auch deshalb so stark bejubelt, weil zuvor elf Vorstösse dieser Art von den Republikanern abgelehnt worden waren, noch bevor es zu einer Abstimmung gekommen wäre. Erst seit diesem Jahr haben die Demokraten die Mehrheit im Parlament.

Die American Psychological Association hatte bereits 2009 in einem Bericht die Konversionstherapie kritisiert. Sie basiere auf der Fehleinschätzung, Homosexualität sei eine geistige Störung. Dieses Konzept sei vor 35 Jahren schlüssig widerlegt worden. Dennoch durchgeführte Therapien stellten ein «kritisches Gesundheitsrisiko für Lesben, Schwule, Bisexuelle oder Transgender» dar. Die möglichen Folgen seien «Verwirrung, Depression, Sucht oder Selbstmord.»

Vom Umfeld gedrängt

Diesen Eindruck teilt Roman Heggli von der Schweizer Bürgerrechts- und Selbsthilfeorganisation Pink Cross: «Der Versuch einer Konversion führt in späteren Jahren zu einem Trauma, das der Betroffene in erneuten Therapien verarbeiten muss», sagt er auf Anfrage von 20 Minuten. Er findet vor allem bedenklich, dass die betroffenen Minderjährigen, die eine solche Therapie anstreben, zumindest unterschwellig vom Elternhaus oder dem unmittelbaren Umfeld dazu gedrängt würden.

Auch weil viele selbsternannte Heiler – darunter der deutsche Arne Elsen, der auch schon in der Schweiz gastierte – diese «Umpolungen» anbieten, liegen keine verlässlichen Zahlen vor. Bei anerkannte Psychotherapeuten seien diese Behandlungen weitgehend verpönt, so Heggli.

Interpellation von 2016

So hat die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) mit Sitz in Bern im Juni 2016 eine Stellungsnahme zu «Umpolungstherapien» veröffentlicht, die laut Mediensprecherin Aurélie Deschenaux noch immer gültig sei. Darin ist zu lesen: «Die FSP distanziert sich von ‹Therapien› und Verfahren, die darauf abzielen, die sexuelle Ausrichtung von Homosexuellen zu ändern – seien diese nun minderjährig oder erwachsen.» Und weiter: «FSP-Mitglieder, die solche ‹Therapien› anbieten oder durchführen, geraten in Konflikt mit der FSP-Berufsordnung.»

Anlass für das Schreiben der FSP war eine Interpellation von Rosmarie Quadranti. Die BDP-Nationalrätin hatte 2016 den Bundesrat aufgefordert, Konversionstherapien zu verbieten. Die Antwort des Bundesrats war ausweichend, wie der «Tages-Anzeiger» berichtete: «Namentlich» seien dem Bundesrat keine solchen Organisationen bekannt, und die Strafbarkeit könne nur im Einzelfall durch ein Gericht beurteilt werden.

«Eine strafbare Handlung»

Für Quadranti ist die Angelegenheit damit noch nicht vom Tisch, wie sie gegenüber 20 Minuten sagt: «Solche Therapien müssen explizit verboten und unter Strafe gestellt werden. Dies deshalb, weil sie in der Regel mit dem Einverständnis der Eltern passieren und insbesondere von selbsternannten ‹Heilern› durchgeführt werden. Man muss genau diesem Kreis klarmachen, dass das eine strafbare Handlung ist.»

Konkrete Zahlen hat auch Quadranti nicht, aber «jede Therapie ist eine Therapie zu viel». Zudem findet sie ein Verbot solcher Therapien nur bei Minderjährigen, wie es in New York nun in Kraft tritt, unzureichend: «Auch bei Volljährigen, die sich ‹freiwillig› einer solchen Therapie unterwerfen, muss davon ausgegangen werden, dass sie in einem Umfeld aufgewachsen sind, wo Homosexualität als etwas Verwerfliches dargestellt wird. Erwachsene müssen also auch in diesem Alter vor sich selber geschützt werden.»

Schweiz hinter Europa

Dennoch tun sich die Schweiz und weite Teile Europas – Konversionstherapien verbieten lediglich Großbritannien und Malta – schwer mit einem Verbot. Das erklärt sich Nationalrätin Quadranti folgendermaßen: «Ich denke, es ist nach wie vor ein Tabuthema. Man möchte wahrscheinlich nicht, dass öffentlich wird, wie häufig man sich noch im ‹Heilen› versucht.» Sie wird die Problematik aufmerksam weiterverfolgen, denn: «Gerade die Schweiz sollte hier dringend vorwärtsmachen.» Diese Therapien würden «unsägliches Leid» verursachen und seien «einer Schweiz des 21. Jahrhunderts unwürdig».

Michael Sieber von der Freikirche ICF Schweiz beantwortete eine Anfrage von 20 Minuten mit dem folgenden Statement: «ICF bietet keine Konversionstherapien an. In unseren Celebrations und Angeboten, speziell auch in der Seelsorge, geht es darum, dass Menschen mit jedem Hintergrund Jesus Christus persönlich erleben können. Das ist unser Kerngebiet. Wir sehen keinen Sinn darin, dass der Rechtsstaat Therapien verbieten sollte für Menschen, die ihre homoerotischen Empfindungen ablegen wollen. Das widerspricht den authentischen Erfahrungen vieler Menschen, die das bereits persönlich erfahren haben. Des Weiteren wäre ein solches Verbot unverständlich einseitig und würde der gängigen Praxis widersprechen, dass Geschlechtsumwandlungen oft finanziell unterstützt werden oder dass sexuelle Orientierungsänderungen in Richtung Homosexualität mehr und mehr gefördert werden.»

Die weiteren angefragten Freikirchen waren nicht für eine Stellungnahme verfügbar.

(L'essentiel)

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