Infiniti Prototype 10

24. August 2018 13:33; Akt: 24.08.2018 13:35 Print

Ein Auto aus der Zukunft

Die Vorstellung des Infiniti Prototype 10 in Pebble Beach öffnet in vielerlei Hinsicht Türen in eine neue automobilistische Zukunft. Der Concept Car ist Wegweiser als auch Vision.

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Das spektakuläre Showcar aus dem Stall von Nissans automobiler Luxus-Linie zeigt die ersten Ansätze einer grundlegend modernen Elektro-Architektur, die Infiniti bis zum Jahr 2021 auf den Markt bringen wird. In knapp drei Jahren will Infiniti den kompletten Fuhrpark elektrisch antreiben, entweder als Hybrid-Modell oder voll elektrisch. Die Vorstellung von Studien wie dem Prototype 10, seinem Vorgänger, dem Protoype 9, oder dem wahrhaft innovativen Infiniti Q Inspiration, ebnen den Weg zu einer Publikumsakzeptanz, die in Asien schon etwas weiter fortgeschritten ist als in Europa oder in den USA.

Der Prototype 10 ist das erste Konzept, für das der neue Designdirektor Karim Habib voll und ganz verantwortlich ist. Habib, bis Anfang vergangenen Jahres lange Zeit als der kommende Mann in BMWs Design-Abteilung gehandelt, soll die Design-Linie von Infiniti in grundlegender Weise auf neue Wege führen.

Ein Zeichen der Veränderung

Und schließlich ist die Enthüllung des Infiniti Prototypen während des Concours d'Elegance auf dem – in der zwischenzeitlich geheiligten – 18. Grün des Pebble Beach Golf Kurses ein Zeichen, dass sich die Marketinggewohnheiten der großen Automobilkonzerne verändern.

Man mag Habib und seinem neuem Team vorwerfen, dass eine realistischere – obgleich weniger spektakuläre – Interpretation eines modernen Sportwagens der Akzeptanz eines potenten E-Racers mehr geholfen hätte (welches von kleinen Batterien angetriebene Fahrzeug benötigt einen solch kolossalen Vorderwagen?). Aber der Aufmerksamkeitswert eines einsitzigen Sportwagens ist eben bedeutend größer als der einer perfekt-praktischen Kugel mit einer minimalen Antriebseinheit unter, na sagen wir mal, vier bis fünf Sitzen.

Emotionale Bindungen zwischen Autos und Fahrer

Für Karim Habib ist Infiniti ein neues, um vieles weiträumigeres Spielfeld als es München je war. Der Designer, der berühmterweise Wert auf emotionale Bindungen zwischen Autos und Fahrer legt, zog vor kurzem mit seiner Familie nach Tokyo. «Das Blatt Papier ist hier um vieles leerer,» sagte er in einem Interview. «Das erlaubt es mir, sehr kreativ zu denken. Die Idee, einer von vielen Faktoren zu sein, die die Marke neu beleben – das ist es, was mich vorantreibt.»

Man mag beklagen, dass das Balzverhalten von allzu vielen der neuen E-Car Hersteller auf reinen Phantasie-Projekten basiert. Während einige, weniger seriöse Neu-Produzenten gerne eine Hollywood-reife Karosserie vorstellen, bar jeglicher anwendbarer Technologie, aber ausgestattet mit – fiktiven – zig-tausend PS und galaktischen Fahrleistungen, die nie getestet werden, um sich selbst Medienpräsenz und Geldgeber aus Arabien oder Brunei zu sichern, hat Infiniti solche Augenwischerei nicht nötig. Das Know-How der Edelfirma gründet auf dem großen Reservoir an technologischem Elektro-Wissen von Nissan und Renault.

Das erlaubt der Marke, bei der Vorstellung des Prototype 10 den technischen Leistungscharakter ihres SuperRacers herunter zu spielen. Man spricht luftig vom «Performance Potenzial,» vom «Geist der frühen Roadster aus Kalifornien,» fortgeschrieben in der Ära der neuen elektrischen Leistungsträger im Automobilbereich. Sonst aber bleibt man gerne im vagen Bereich und spricht ungern über Antriebsstrang und Batterietechnologie.

Weder Fly-by-Night Mitspieler noch Phantasieprodukt

Für die breite Akzeptanz beim fahrenden Publikum sind sowieso andere, bodenständigere Project Cars bei Infiniti, Nissan und Renault zuständig. So konnte sich Karim Habib auf Bahnbrechendes beim Prototype 10 konzentrieren. Im Gegensatz zu den oben genannten Fly-by-Night Mitspielern jedoch ist der Prototype 10 kein Phantasieprodukt aus einem Videospiel, sondern eine komplett durchdachte und durchkonstruierte technologische Einheit, eine Vision und ein Wegweiser zugleich. Karim Habib und seine multi-kulturellen Design-Teams in Japan, Europa und Südkalifornien wollten keinen Paradiesvogel nach Pebble Beach bringen, sondern eine Studie im wahrsten Sinne und zur gleichen Zeit ein Planspiel über das, was schon möglich und was nur denkbar ist.

Zugegeben, ein Hype-Overkill war sicherlich nicht nötig bei einem Fahrzeug, das mehr wie ein Space-Age Torpedo aussieht als ein praktikables Elektromobil. So würde George Lucas wohl einen Mercedes Silberpfeil für den nächsten Star Wars Film designen lassen. Oder Will Smith das nächste «I, Robot»-Mobil.

Der Proto 10 ist ein Einsitzer, was einen möglichen Alltagsgebrauch von vorneherein ausschließt, jedoch die Tür weit öffnet für radikales Design. Die Linien sind wagemutig, die Sicken der markanten Seitenlinie tief geformt, und sie sollen – laut Infiniti – den Schock widerspiegeln, der vom sofortigen Krafteinsatz eines elektrisch angetriebenen Fahrzeugs resultiert. Der Unterboden ist flach und glatt, das Heck distinkt und verstärkt die Single-Racer Philosophie.

Man muss es Infiniti lassen, Concept können sie

Das minimalistische Cockpit des 10 liegt offen und symbolisiert die absolute Konzentration des Fahrzeugs auf den Fahrer. Anstatt eines Beifahrersitzes beherrscht ein durchgestylter Luftkanal die rechte Seite. Das Lenkrad hat keine mechanische Verbindung mehr mit dem Fahrwerk. Steer-by-Wire, design-mäßig gelöst. Man muss es Infiniti lassen, Concept können sie. Aber der Prototype 10 ist letztendlich eine stilistische Spielerei, wie sein Vorgänger auch, der Prototype 9, jener Retro-Open Wheeler, den Infiniti vor einem Jahr ebenfalls in Pebble Beach vorstellte.

Was, wie schon angedeutet, ein Zeichen ist, inwieweit sich die Aktivitäten der Marketingabteilungen moderner Automobilhersteller verändern. Waren die Project Cars und Studien früher die Hingucker auf den Automobilsalons und Auto Shows, verlegen sich die Hersteller heute mehr auf exklusivere Events mit vergleichsweise weniger Publikum, aber deutlich höherer Medienreichweite und gestiegenem Aufmerksamkeitsgrad. Goodwood, Villa d'Este, Pebble Beach ersetzen zunehmend Genf, Frankfurt oder Detroit. Selbst Volkswagen stellt dieses Jahr seine Produkte auf dem kalifornischen Golfplatz vor. Mal sehen.

(L'essentiel/Michael Köckritz)

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