Antoine Deltour

09. Dezember 2016 07:30; Akt: 09.12.2016 07:40 Print

Sind Sie böse auf Luxemburg, Herr Deltour?

LUXEMBURG – Der ehemalige PwC-Angestellte, der am Montag erneut vor Gericht erscheinen muss, sprach mit «L'essentiel» über seine Einschätzung vor dem Berufungsverfahren.

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Antoine Deltour bereitet sich auf einen weiteren Prozess vor. (Bild: Editpress/Hmontaigu)

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Die drei Angeklagten im LuxLeaks-Prozess müssen ab dem 12. Dezember erneut vor Gericht erscheinen: Dann startet das Berufungsverfahren in der Causa, die weltweit Schlagzeilen machte. Zwei der Angeklagten, die Whistleblower Antoine Deltour und Raphaël Halet, waren in erster Instanz zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Beide hatten geheime Steuerabsprachen («Tax Rulings») großer Konzerne mit der Luxemburger Steuerverwaltung an die Öffentlichkeit getragen.

Wie geht es Ihnen vor ihrem Berufungsverfahren? Ich bin bereit, mich diesem neuen Prozess zu stellen. Ich hoffe darauf, freigesprochen zu werden, auch wenn ich weiß, dass das Gericht sehr wohl eine härtere Strafe verhängen kann.

Was hat Sie dazu angeregt, in Berufung zu gehen? Die Berufung ergibt sich aus dem Urteil selbst, das nicht logisch und nicht kohärent ist. Der Whistleblower-Status wurde zwar anerkannt, ebenso wie das allgemeine öffentliche Interesse an unserem Vorgehen. Aber das Gericht hat trotzdem diejenigen verurteilt, die es als Whistleblower sieht. Die Unterstützung aus der Zivilgesellschaft hat mich sehr berührt, aber auch der Brief, den mir 108 europäische Abgeordneten geschrieben haben. In Berufung zu gehen bedeutet meinem Vorgehen einen gemeinschaftlichen Sinn zu geben, um das allgemeine öffentliche Interesse zu unterstreichen.

Der französische Finanzminister, Michel Sapin, hat während des Prozesses von einem Schutz durch Frankreich gesprochen. Ist dabei etwas Konkretes herausgekommen? Es wurde tatsächlich eine konsularische Hilfe angeboten, ich wurde über meine Anwälte kontaktiert. Die solidarische Nachricht war willkommen, aber es ist nichts Konkretes dabei herausgekommen.

Haben Sie ein System anprangern wollen, indem sie Steuerdokumente ihres ehemaligen Arbeitgebers, PwC, veröffentlicht haben? Die aggressive Steueroptimierung ist in der Tat ein systematisches Problem. Ich bin aber kein Antikapitalist. Was ich kritisiere, hängt nicht mit dem Kapitalismus, sondern mit der Politik zusammen, die das Steuerwesen bestimmt. Ich denke, dass die Wirtschaft durch Gesetze geregelt werden muss. Das Gewinnstreben hat eine gewisse Wirksamkeit, aber wenn das die einzige Regel ist, dann wird das zur Gefahr. Ich wollte meinen ehemaligen Arbeitgeber nicht anprangern, denn man kann PwC nicht vorwerfen, dass sie Steuerberatung machen, das ist schließlich ihr Metier. Was ich wollte ist, die Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft aufdecken.

Als Sie die «Rulings» öffentlich gemacht haben, haben Sie daran gedacht, das diese legal sein könnten? Das kann man nicht so einfach sagen, ob Vereinbarungen legal sind oder nicht. Das ist eine Frage, die das Gericht beantworten muss. Die Europäische Kommission hat die Situation untersucht.

Werden Sie sich in Zukunft mehr politisch engagieren? Nein, ich habe nicht vor, mein aktuelles Engagement zu verändern. Ich strebe nicht danach und es gibt ein deutliches Risiko der Vereinnahmung. Mein Engagement war schon immer politisch unabhängig, ich stehe dazu. Ich habe von vielen verschiedenen Richtungen Unterstützung bekommen.

Werden Sie manchmal von Personen kontaktiert, die ebenfalls Dokumente veröffentlichen wollen? Ja, ich habe regelmäßig Kontakt zu Leuten, die Informationen haben und nicht immer wissen, wie sie diese öffentlich machen sollen. Sie brauchen einen Mittler, um Dinge sichtbar zu machen. Aber ich muss sagen, dass unter ihnen auch einige Paranoiker zu finden sind.

Empfinden Sie heute Feindseligkeit gegenüber Luxemburg? Nein, absolut nicht! Ich habe bürokratische Auswüchse entdeckt, die es woanders auch gibt. Luxemburg ist nicht das Problem, es gibt andere Länder und Hoheitsbereiche, die mehr oder minder die selben Praktiken anwenden. Es gibt viele Beispiele, die ich nicht aufzählen brauche, sie sind mitten in der Europäischen Union!

Könnten Sie eines Tages wieder im Großherzogtum arbeiten? Ich denke, dass es kompliziert wäre, wenn ich mich jetzt bewerben würde (lacht). Aber im Ernst, als Lothringer weiß ich sehr gut, welches Glück wir haben, dieses reiche Land in der Nähe zu haben.

(Joseph Gaulier/L'essentiel)

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