Vom Findel nach New York

31. Mai 2016 09:56; Akt: 31.05.2016 15:20 Print

Als die erste Billig-​​Airline in Luxemburg landete

LUXEMBURG - Eine isländische Airline leistete am Findel jahrzehntelang Pionierarbeit für den heutigen Billigflug-Krösus Ryanair. Ein Rückblick auf goldene Zeiten der Luftfahrt.

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Billige Preise und gnadenlose Effizienz: Das zeichnet die Billigfluggesellschaft Ryanair aus. Im Herbst landet der Branchenleader erstmals in Luxemburg – und weckt damit Erinnerungen an eine fast schon vergessene Ära. Denn das Großherzogtum leistet seit Jahrzehnten Pionierarbeit in Sachen Billigfliegerei. Die isländische Fluggesellschaft Loftleidir, die spätere Icelandair, bot zwischen den 50er- und 90er-Jahren spottbillige Langstreckenflüge zwischen Luxemburg und New York, später auch nach Orlando oder Chicago, an. Schon für 200 Dollar ging es von der Alzette an den Big Apple – die Konkurrenz verlangte in den 60er Jahren mehr als das Doppelte.

Dank der günstigen Preise nutzten viele US-Studenten die Flüge mit Loftleidir, um von Luxemburg aus den alten Kontinent zu erkunden. Das Image der «Hippie-Airline» war geboren. Auch Hillary Clinton und ihr Ehemann Bill quetschten sich in ihrer College-Zeit in die randvollen Bummel-Jets nach Europa. «Die Leute sind Schlange gestanden, um ein Flugticket zu ergattern», erzählt die frühere Loftleidir-Ticketverkäuferin Christiane Boffeler. «Manche campierten tagelang in ihren Schlafsäcken am Findel.» Wegen chronischer Verspätungen konnte der Flug nach Luxemburg mit Zwischenstopp in Reykjavik aber schon mal über 20 Stunden dauern. Doch die Passagiere hatten es ja nicht eilig – und an Bord der McDonnell-Maschinen schenkte die Crew unentwegt Cognac und Brandy nach.

Flug mit einer Loftleiðir-Stewardess von Reykjavík nach New York im Jahr 1967:

Der alte «Aérogare» als Tor zur Welt

Loftleidir, 1970 übrigens Gründerväter von Cargolux, war aber nicht der einzige Carrier, der vom Großherzogtum über den Großen Teich flog. Die betuchtere Klientel buchte bei Kooperationspartner Air Bahama Urlaubsflüge nach Nassau. International Caribbean Airways verband den Findel für einige Jahre mit Barbados, Luxair bediente die Route nach Johannesburg und im Kalten Krieg schickte Aeroflot in den alten Sowjet-Kisten nicht nur Urlauber auf Himmelfahrt von Moskau über Luxemburg nach Lima oder Havanna – auch der ein oder andere Geheimagent soll damals über den Findel gehuscht sein.

Die Luxemburgerin Martine Linster, in den 70er Jahren Mitarbeiterin der Air Bahama am Findel, erinnert sich an die damalige Aufbruchstimmung. «Es war eine aufregende Zeit, vielleicht die schönste Zeit in meinem Leben», sagt sie. Der alte Flughafen Luxemburg, bis 1975 in Betrieb, glich optisch eher einem Dorfbahnhof als einem internationalen Luftdrehkreuz – und doch kam er vielen Luxemburgern damals wie ein Tor zur Welt vor. Am alten «Aérogare» trafen sich neugierige Zaungäste, Hippies und die internationale Jetset-Community. Curd Jürgens, Brigitte Bardot, Dunja Rajter – sie alle spazierten über den Luxemburger Tarmac. Als sie in den dröhnenden Luftgiganten in den Himmel aufstiegen, ließen sie süßlichen Kerosinduft und Gesichter voller Sehnsucht zurück.

Cocktails, Modenschau und die Großherzogin

«Der Urlaub hat damals schon im Flugzeug begonnen», erzählt Georgette Kohn-Frisch, früher Stewardess für Air Bahama. «Fliegen, das war noch etwas Besonderes! Vor dem Start legten wir ‹Island in the Sun› von Harry Belafonte auf. Wir Stewardessen zogen uns dann später um und machten eine Modenschau am Gang. Dazwischen gab es Cocktails.» Auch Großherzogin Charlotte flog damals mit Air Bahama. «Eine höfliche, liebe, unkomplizierte Frau. Nur leider hat sie den ganzen Elf-Stunden-Flug geraucht», erzählt Kohn-Frisch mit einem Lachen.

Ende der 90er Jahre war es dann mit dem Übersee-Angebot am Findel vorbei. Icelandair zog sich nach jahrelangen Verlusten aus Luxemburg zurück, Air Bahama war da schon längst Geschichte. Inzwischen ist der Findel wieder stark im Aufwind – auch dank neuer Billig-Airlines wie Easyjet oder künftig Ryanair. Im Infrastrukturministerium werden hochtrabende Pläne für eine neue Langstreckenverbindung zwischen Luxemburg und New York gewälzt. . Die luxemburgische Luftfahrt – sie scheint noch einige Glanzperioden vor sich zu haben.

(Jörg Tschürtz/L'essentiel)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Marc am 03.06.2016 13:41 Report Diesen Beitrag melden

    Ech hun dei Zeit matgemacht als Douanier an der Passkontrol !1968

  • Tun78 am 04.06.2016 16:32 Report Diesen Beitrag melden

    Damals war die Entscheidung ob eine Fluglinie betrieben wird, vor allem eine politische Entscheidung. Heute, in Zeiten von privaten Fluggesellschaften, verzeihung, Airlines, muss sich eine Linie vor allem finanziell lohnen.

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  • Tun78 am 04.06.2016 16:32 Report Diesen Beitrag melden

    Damals war die Entscheidung ob eine Fluglinie betrieben wird, vor allem eine politische Entscheidung. Heute, in Zeiten von privaten Fluggesellschaften, verzeihung, Airlines, muss sich eine Linie vor allem finanziell lohnen.

  • Marc am 03.06.2016 13:41 Report Diesen Beitrag melden

    Ech hun dei Zeit matgemacht als Douanier an der Passkontrol !1968