Einsatz bei MSF

15. Oktober 2021 07:56; Akt: 15.10.2021 08:01 Print

«Kliniken hatten aus Angst vor Covid geschlossen»

LUXEMBURG – Tessy Fautsch (40) hat von 2006 bis 2020 bei zahlreichen Missionen von Ärzte ohne Grenzen mitgewirkt. Vor einem Jahr kehrte sie aus dem Jemen zurück.

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Seit rund einem Jahr ist Tessy Fautsch aus dem Jemen zurück, die Erinnerungen an ihre Zeit bei «Ärzte ohne Grenzen» (Médecins sans frontières, MSF) werden aber wohl nie verblassen. Ihre Auslandseinsätze waren stets von vielen bewegenden Momenten geprägt. Seit 2006 ist sie in der ganzen Welt, unterwegs. Kaum hatte sie das für die Arbeit bei MSF erforderliche Diplom für tropische Medizin in der Tasche, zog es sie in Krisengebiete, Notfallzentren und Krankenhäuser von Ärzte ohne Grenzen. «Ich wusste schon immer, dass ich nicht mein Leben lang in einem Krankenhaus arbeiten möchte», erklärt die luxemburgische Krankenschwester, die inzwischen im Lycée Technique pour Professions de Santé (LTPS) die Krankenpfleger von morgen ausbildet.

Ihre Zeit bei MSF will die heute 40-Jährige aber keinesfalls missen, auch eine Rückkehr aufs Feld schließt sie nicht vollständig aus. «Als Krankenschwester will man helfen, das ist unsere Mission», erzählt Fautsch – wohlwissend, dass helfen nicht immer retten bedeutet. «Uns muss leider bewusst sein, – und das ist nicht nur bei MSF so, sondern auch hier in den Krankenhäusern – dass wir nicht immer jeden retten können.»

Man mache aber in Krisengebieten auch immer wieder die Erfahrung, dass ein Mensch unter beispielsweise luxemburgischen Bedingungen nicht hätte sterben müssen. «In Bangladesch kam es vor, dass ein Flüchtiger eine dreistündige Fahrt im Krankenwagen auf sich genommen hat, um zum nächsten Krankenhaus zu gelangen, nur um dort abgelehnt zu werden, weil er ein Flüchtling war», beschreibt Tessy Fautsch das schreckliche Schicksal dieser Menschen. Beim Versuch, diesen Menschen zu retten, seien sie weitere zwei Stunden in die nächste Provinz gefahren – Zeit, die der Patient nicht mehr hatte.

«Unser Material hing irgendwo in Flughäfen fest»

Für uns unvorstellbare Bedingungen herrschten auch bei ihrem bisher letzten Einsatz, im Jemen. «Aus Angst vor Corona haben Privatkliniken ihre Türen für zwei bis drei Wochen einfach geschlossen», erklärt die engagierte Luxemburgerin. Die beiden Covid-Zentren von MSF seien von Nicht-Corona-Patienten überlaufen worden. «Wir haben die Patienten, die nicht an Corona erkrankt waren, nicht abgewiesen, aber es war uns wichtig, dass sie schnellstmöglich woanders unterkommen, da bei uns das Risiko einer zusätzlichen Covid-Infektion einfach sehr hoch war.» Nach einigen Wochen hätten auch die Privatkliniken den Betrieb wieder aufgenommen.

Auch die Lieferung ihres Materials und der Medikamente habe sich durch die Einstellung des Flugverkehrs als schwierig erwiesen. «Unser Material hing irgendwo in Flughäfen fest oder musste alternativ per Schiff verfrachtet werden, was natürlich länger dauert», beschreibt Fautsch die coronabedingt erschwerte Lage. «Wir waren gezwungen lokal einzukaufen, was wir eigentlich nicht tun. Wir sind ja daran gewohnt, dass die ganze Logistik dahinter funktioniert.»

«Hätte niemals damit gerechnet, dass sie noch weiß, wer ich bin»

Auch vom Land selbst habe sie wegen des Krieges nicht viel gesehen. «Ich war in Aden, wo es den Umständen entsprechend ruhig war. Doch wir durften das Haus oder den Arbeitsplatz nicht verlassen – wenn wir von A nach B mussten, wurden wir gefahren. In den dreieinhalb Monaten meines Aufenthalts war ich zweimal aus», verrät die Luxemburgerin.

Um das Gespräch auf einer positiveren Note zu beenden, erzählt uns die heutige Lehrerin von einem Moment im Kongo – dem Ort, an dem sie ihren ersten Einsatz hatte – auf den sie gerne zurückblickt. Sie habe bei diesem ersten Mal auf dem Feld zusammen mit einem weiteren Pfleger einer Frau geholfen, ihre unterernährte Enkelin mit Pudermilch wieder aufzupäppeln, das während acht Monaten. «Als ich zwei oder drei Jahre später an diesen Ort zurückkehrte, erkannte die Frau mich wieder. Sie sah mich im Auto sitzen und hat mir zugewinkt. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass sie noch weiß, wer ich bin», erinnert sich Tessy Fautsch an den bewegenden Moment.

(Liz Mikos/L'essentiel)

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