Debatte in Luxemburg

13. November 2019 15:47; Akt: 13.11.2019 21:56 Print

«Wer von uns ist ein Rassist?»

LUXEMBURG – Niemand von uns ist ein Rassist. So oder so ähnlich denkt Corinne Cahen, Ministerin für Integration, und zeigt sich am Mittwoch im Angesicht der Realität schockiert.

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«In anderen Ländern ist die Lage nicht so katastrophal wie in Luxemburg»

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Luxemburg hat einen Ausländeranteil von 50 Prozent. Über den Grad der Integration aber sagt diese Zahl nichts aus. Denn das multikulturelle Luxemburg hat ein großes Problem: «Offen gesagt, unsere Zahlen sind besorgniserregend», sagte Michael O'Flaherty, Direktor der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) am Mittwoch. Im Auftrag der EU hat die FRA eine Studie zu Rassismus in Europa durchgeführt. In Luxemburg ist das Problem deutlich größer als im EU-Durchschnitt. Dieses Ergebnis kam schon 2018 ans Licht.

Die Konferenz Being Black in Luxembourg sollte am Mittwoch einen neuen Anlauf nehmen, um das Problem weiter zu erörtern. «Wir können das Problem nicht lösen, wenn wir es nicht sauber analysieren.» Darum brauche es im Nachgang zur europaweiten Studie auch Forschung, die sich konkret mit dem luxemburgischen Problem beschäftige, sagte O'Flaherty. Außerdem müsse der nationale Aktionsplan dringend umgesetzt werden, forderte er Luxemburgs Regierung auf.

« Ich bin schockiert »

«Ich bin schockiert», sagte Corinne Cahen, Ministerin für Integration, zu den Ergebnissen, vor allem aber zu der Schilderung von Mirlene Fonesca. Diese hat in Luxemburg geforscht und war selbst schon von Rassismus betroffen. Cahens Bestürzung darüber, dass Rassismus in Luxemburg real ist, ist Teil des Problems. Weiße Menschen gehen meist von ihrer eigenen Alltagserfahrung aus. In ihrem Leben spielt ihre Hautfarbe keine Rolle. Für «People of Colour» ist das aber anders. Die Schlussfolgerung weißer Politiker, die Gesellschaft hätte kein Problem mit Rassismus, ist aber ein Trugschluss. Die Wissenschaft hat dafür einen Begriff etabliert: Critical Whiteness. Er legt nahe, die eigene Farbenblindheit zu hinterfragen.

«Na, wer im Raum ist ein Rassist», fragt der Moderator. Niemand meldet sich. «Dann stelle ich Ihnen eine andere Frage: Welches war das letzte Buch, das Sie von einem schwarzen Autor gelesen haben?» Seine Frage zeigt, Rassismus muss nicht mit Drohungen verbunden sein, um Menschen zu benachteiligen.

Rassismus hat sich verändert, bestätigte der Präsident der europäischen Kommission gegen Rassismus, Jean Paul Lehners. An die Stelle von offenem, direktem Rassismus sei struktureller Rassismus getreten. Das bedeutet, die Hautfarbe spielt sehr wohl eine Rolle, etwa wenn es um die Frage geht, wer den Job bekommt, wer die Wohnung erhält, wer in den Club darf. «In anderen Ländern ist die Lage nicht so katastrophal wie in Luxemburg», sagte Lehners.

(Marlene Brey/L'essentiel)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Iluta Bluma am 13.11.2019 16:38 Report Diesen Beitrag melden

    Jeder, der kein Buch von einem schwarzen Autor gelesen hat, ist ein Rassist?!?

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  • Our People am 13.11.2019 17:26 Report Diesen Beitrag melden

    Der Typ wählt seine Bücher nach der Hautfarbe der Autoren aus? Ist das nicht rassistisch? Wäre es nicht weniger rassistisch das Buch ungeachtet der Hautfarbe auszuwählen ? Dieses ganze "critical whiteness" Thema hat weniger mit Wissenschaft als mit Ideologie zu tun und ist eine klassische Elfenbeinturmdiskussion die meistens von Weißen geführt wird und den PoC wenig weiterhilft. Ein Fortschritt wäre es tatsächlich z.B. Autoren nicht nach ihrer Hautfarbe zu kategorisieren sondern nach ihrer schöpferischen Leistung.

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  • Timon.lu am 14.11.2019 01:23 Report Diesen Beitrag melden

    Wéivill Lëtzebuerger an integréiert Migrante ginn duerch francophone Monolinguismus diskriminéiert?

Die neusten Leser-Kommentare

  • John Doe am 14.11.2019 14:24 Report Diesen Beitrag melden

    Zitat von Wikipedia: "Der daraus entstandene Begriff „Critical Whiteness“ ist keine einheitliche Theorie – verschiedene Gruppen, Autoren und Aktivisten benutzen ihn in unterschiedlicher Art und Weise." Also nur pseudowissenschaftliches Blabla. Im übrigen unterstelle ich dem Menschen der mit dem "Buchdingsargument" daher kommt, jetzt einfach mal Sexismus, da er nur Autoren (also männliche Menschen) erwähnt.

  • Modred am 14.11.2019 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Die Frage ist perfide. Das letzte Buch habe ich vor 9 Monaten gelesen. Und welche Hautfarbe der Autor hat, ist mir Latte. Aber wie steht es denn mit "Wann haben Sie zuletzt Musik von einem schwarzen Sänger gehört?" oder "Wann haben Sie zuletzt einen Film mit einem schwarzen Hauptdarsteller gesehen?". Denn die Antwort darauf ist "Gestern".

  • Christel am 14.11.2019 11:51 Report Diesen Beitrag melden

    Stelle fest: Die Grenzen sind offen. Es wird gottseidank kein Mensch von egal welcher Farbe/Nationalität gezwungen in Luxemburg zu leben. Nur möchten mittlerweiler zuviele Menschen in Luxemburg leben. Und das erzeugt Reibungen zwischen den Menschen und den Menschengruppen. Egal wie man das jetzt nennt.

  • Seltsam am 14.11.2019 09:18 Report Diesen Beitrag melden

    Schonn erstaunlech wann d'Majoritéit vun den Awunner soll vun enger Minoritéit rassistesch behandelt ginn.

  • Paula am 14.11.2019 08:27 Report Diesen Beitrag melden

    Ech wees net, op den Auteur vu mengem leschte Buch schwaarz oder wäiss ass. Dat as fir mech kee Critère fir e Buch auszewielen, an näischt wat ech géing recherchéieren. Oder sin ech elo gehalen, bei allem ze kucken, ob e Schwaarzen derhannert stécht? Ass dat net genau dat, wat Rassismus ausmécht?

    • Mabadou Cortez am 14.11.2019 12:56 Report Diesen Beitrag melden

      Richteg

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