Untote als Hype

26. Juni 2012 14:34; Akt: 26.06.2012 14:50 Print

Das große Zombie-Revival

Zombies sind in. Games wie «Lollipop Chainsaw» und «Dead Island» stellen lebende Tote in rauen Mengen zum Abschlachten bereit. Sind Zombies Symbole für eine Gesellschaft in der Krise?

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Sie sind nicht totzukriegen. In endlosen Reihen wackeln sie derzeit wie Frankenstein über die Bildschirme und lehren uns das Fürchten. Zombies und Untote bevölkern das Unterhaltungsuniversum wie selten zuvor; sie haben Auftritte in TV-Serien wie «The Walking Dead», Filmen wie «Land of the Dead» und warten auf ihr endgültiges Ende in Games wie «Dead Island», dem soeben erschienenen «Lollipop Chainsaw» und dem kommenden «ZombiU».

In den letzten drei Jahren sind rund 70 Zombie-Spiele erschienen, im ersten Halbjahr 2012 warten bereits in 7 Games Untote auf ihr endgültiges Ende. Seit dem ersten Zombie-Spiel «Entombed», das 1982 für den Atari 2600 erschien, wurden laut Mobygames über 200 Spiele mit lebenden Toten veröffentlicht – Spielerweiterungen wie «Call of Duty: Black Ops – Rezurrection» oder «ArmA 2 – DayZ» nicht mitgerechnet. Kaum ein Actiongame, das deshalb nicht eine Zombie-Erweiterung im Angebot hat.

Zombies als Kritik an der Gesellschaft

Zombies erobern aber auch die reale Welt, wie kürzlich in der «Daily Mail» zu lesen war: Demnach sah sich das britische Zentrum für Seuchenkontrolle dazu veranlasst, ein Statement mit dem Inhalt zu veröffentlichen, dass es kein Zombie-Virus gebe. Die Behörde meinte es ernst: Aufgrund eines brutalen Vorfalls in Miami, bei dem ein 31-Jähriger das Gesicht eines Obdachlosen auffraß, und weiteren Kannibalismus-Vorfällen, war im Internet vermehrt von einer bevorstehenden Zombie-Apokalypse die Rede. Die Furcht: Ein real existierendes Virus könnte die Menschen in Kannibalen und Untote verwandeln.

Zombies sind eine Metapher für Urängste der Menschen, weiß Petra Schrackmann, Spezialistin für Science-Fiction, Fantasy und Horror am Institut für Populäre Kulturen der Uni Zürich. «Sie stehen für die Angst des Menschen vor einer Vergiftung, die ihn die Kontrolle über sich selbst verlieren lässt», sagt sie. Zombies können deshalb auch als Metapher für den Identitätsverlust und die fremdgesteuerten Masse verstanden werden, was wiederum als Kritik an der Globalisierung interpretiert werden kann, wo Menschen immer weniger Kontrolle über ihr eigenes Leben haben.

Symbole für eine Welt in Veränderung

Gemäß Schrackmann steht der Zombie-Virus aber auch für die Angst vor globalen Seuchen, wie sie durch eine grenzenlose Gesellschaft möglich werden – Ängste wie diejenige vor der Schweine- oder Vogelgrippe. Nicht zuletzt dienten Zombie-Geschichten als Warnungen - zum Beispiel vor dem Konsum gefährlicher Drogen, der, wie im Fall des Gesichtsfressers, ebenfalls mit dem Kontrollverlust einhergeht.

Florian Lippuner vom Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich sieht noch einen weiteren Grund für die Beliebtheit von Zombie-Games: «Als Zwischenwesen stehen Zombies auch als Metapher für die Welt, in der sich Jugendliche zwischen dem Kind- und Erwachsensein befinden», sagt der Forscher. Lippuner betont zudem ebenfalls den Aspekt der Kritik an der Gesellschaft. Auf die Bedeutung von Zombies in Games angesprochen, hätten Jugendliche diese nicht selten mit Politikern oder Bankern verglichen. Im Kampf gegen die Zombies kann diesen wenigstens auf spielerische Weise eins ausgewischt und dadurch das Gefühl der Machtlosigkeit ansatzweise gemindert werden.

Mit der voranschreitenden Globalisierung und den gesellschaftlichen Umbrüchen ist deshalb mit weiteren Sagen aus dem Reich der Zombies, Vampiren und Untoten zu rechnen. Für den Egoshooter «Call of Duty: Black Ops 2» wurde auf jeden Fall bereits ein vollwertiger Zombie-Mode angekündigt.

(Jan Graber/L'essentiel Online)