IRONIE DES SCHICKSALS

17. August 2012 16:52; Akt: 17.08.2012 16:59 Print

Wenn ein Antisemit plötzlich Jude ist

Ein Rechtsextremist auf dem Weg der Selbsterkenntnis: Csanad Szegedi war Aushängeschild von Ungarns Rechtspartei und hetzte gegen Juden. Bis er erfuhr, dass er jüdischer Abstammung ist.

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Da war seine Welt noch in Ordnung: Der ungarische Rechtsaußen-Politiker und Antisemit Csanad Szegedi während der Wahl des neuen Europaparlamentspräsidenten Jerzy Buzek im Juli 2009 in Straßburg. Nach dem Ausschluss aus der Jobbik-Partei ist unklar, ob er seinen Sitz halten kann. (Bild: Keystone)

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Er war der neue Superstar der ungarischen Rechtspartei Jobbik. Hervorgetan hat sich unter anderem mit antisemitischen Sprüchen. Csanad Szegedi beschuldigte Juden, Ungarn «aufzukaufen». Er fluchte über das «Jüdischsein» der politischen Elite und behauptete, Juden entweihten nationale Symbole.

Was dann passierte, warf den Ultra-Nationalisten aus der Bahn. Szegedi erfuhr, dass er selbst jüdischer Abstammung ist. Erst versuchte er, dieses pikante Detail seiner Biografie vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen. Das hat nicht geklappt. Jetzt begibt er sich auf die Suche nach seinen Wurzeln.

Seine Großmutter ist Auschwitzüberlebende

Bereits im Juni hat Szegedi öffentlich bestätigen müssen, dass seine Großeltern mütterlicherseits Juden waren. Nach jüdischem Gesetz macht ihn dies selbst zum Juden – selbst wenn er nicht nach den Regeln der Religion lebt. Seine Großmutter ist eine Auschwitzüberlebende, sein Großvater war im Arbeitslager.

Seit dem Outing ist für Szegedi nichts mehr so, wie es einmal war. Der 30-Jährige wurde aus seiner Partei ausgeschlossen. Laut Nachrichtenagentur AP steht seine steile politische Karriere kurz vor dem Zusammenbruch.

Vorbild Nazi-Partei der Pfeilkreuzler

Landesweit bekannt wurde Csanad Szegedi 2007 als Mitglied der Ungarischen Garde, einer Gruppe schwarz uniformierter Männer mit gestreiften Flaggen, die sich auf die Pfeilkreuzler beriefen, eine Nazi-Partei, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs kurz Ungarn regiert und tausende von Juden getötet hat. Während des Holocaust kamen mehr als eine halbe Million ungarische Juden ums Leben. Die meisten von ihnen in Auschwitz. 2009 ist die Ungarische Garde verboten worden.

Damals war Szegedi schon Mitglied der Jobbik-Partei, die 2003 gegründet wurde und sich zur mächtigsten Kraft am rechten politischen Rand des Landes mauserte. Szegedi war bald eines der prominentesten Mitglieder der Partei. Seit 2009 sitzt er für die Partei im Europäischen Parlament.

Partei will Rücktritt aus Europaparlament

Es erstaunt also wenig, dass sich Szegedi gegen die Entdeckung seiner jüdischen Abstammung gewehrt hat. Während eines Gesprächs mit einem verurteilten Straftäter im Herbst 2010 erfuhr er davon. Der Straftäter konfrontierte Szegedi mit Beweisen zu dessen jüdischen Wurzeln. Szegedi bot dem Mann Geld an, das pikanterweise aus einem EU-Fonds stammt, sowie eine Stelle bei der EU, wenn er die brisanten Erkenntnisse für sich behalten werde. Von dem Treffen existiert eine Tonbandaufnahme.

Doch das Band kommt an die Öffentlichkeit, worauf Szegedi alle Parteiposten aufgibt und aus der Jobbik austritt. Der Partei reicht das noch nicht: Vergangene Woche hat sie ihn gebeten, auch seinen Posten beim Europäischen Parlament aufzugeben – laut Jobbik wegen der versuchten Bestechung, nicht wegen der jüdischen Wurzeln.


«Da dämmerte mir, dass meine Großmutter wirklich Jüdin ist»

Szegedi selbst hat sich offenbar vom ersten Schrecken erholt und scheint sich auf die Spuren seiner Vergangenheit zu begeben. Er habe lange Gespräche mit seiner Großmutter geführt, erzählte er in einem Interview. Sie hätten über die Vergangenheit der Familie als orthodoxe Juden gesprochen.

«Da dämmerte mir erst, dass meine Großmutter wirklich Jüdin ist», sagte Szegedi im Hir TV. «Ich fragte sie, wie es zu den Deportationen kam. Sie war in Auschwitz und Dachau und sie war die einzige Überlebende einer grossen Familie.»

«Er befindet sich im Prozess der Selbsterkenntnis»

Im August traf sich Szegedi mit Rabbi Slomo Koves von der orthodoxen Chabad-Lubawitscher-Gemeinde. «Als Rabbi ist es meine Aufgabe, jede Person zu empfangen, die in einer Krise ist, vor allem Juden, die erst jetzt ihr Erbe erkennen», sagte Koves. Szegedi nutzte die Gelegenheit und entschuldigte sich für Aussagen, in denen er die jüdische Gemeinschaft verletzt haben könnte. Außerdem versprach er, Auschwitz zu besuchen.

Koves sprach von einer schwierigen und spirituell anstrengenden Unterhaltung. «Szegedi befindet sich in einem schwierigen Prozess der Wiedergutmachung, der Selbsterkenntnis und des Lernens. Das sollte in unserem eigenen Interesse auf positive Art erfolgen. Ob dies passieren wird, liegt an ihm.»

(L'essentiel Online/ske)