Polizeipanne in Berlin

30. August 2020 19:46; Akt: 30.08.2020 19:52 Print

Demonstranten ziehen erneut in Richtung Reichstag

Nach der Demonstration am Samstag ziehen die Demonstranten am Sonntag erneut in Richtung Reichstags-Treppe.

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Am Samstag fand in Berlin eine Groß-Demonstration der Corona-Skeptiker statt. Ein Teil der Demonstranten führte den Protestzug auch am Sonntag weiter. So versammelten sich am Sonntagmorgen 2000 Menschen zu verschiedenen Kundgebungen, teils bewilligte, teils unbewilligte Veranstaltungen.

Laut «Bild» ist die Stimmung unter den Demonstranten aufgeheizt gewesen. Am Mittag habe die Polizei durchgreifen müssen, da die Menschen zu eng beieinander gestanden seien. Die Polizei drohte erst per Lautsprecher mit Festnahmen, dann wurde umgesetzt: «Entfernen Sie sich, oder Sie werden festgenommen!» Demnach sei es zu mehreren Festnahmen gekommen.

Rückblick auf Groß-Demonstation am Samstag

Die losstürmenden Demonstranten können es zunächst kaum fassen, wie leicht sie zum Zentrum der Demokratie vordringen. Zu Dutzenden rennen sie am Samstagabend gegen 19 Uhr auf das imposante Reichstagsgebäude in Berlin zu, überklettern Absperrgitter oder stoßen sie um, laufen die Treppen zum Besuchereingang auf der Westseite hoch und stehen jubelnd und kreischend auf dem Absatz vor den verschlossenen Glastüren, hinter denen ein Pförtner sitzt. «Wahnsinn, Wahnsinn», schreit ein Mann in einem der Videos, die sich schnell im Internet verbreiten.

Hunderte Menschen stehen schließlich triumphierend auf der großen Treppe. Es sind Männer und Frauen, Junge und Ältere sind dabei, es ist keine einheitliche Szene. Viele sind wohl einfach spontan mitgerannt, wie in den Videos zu sehen ist. Einige Männer schwenken die schwarz-weiß-rote Fahne des deutschen Kaiserreichs, ein Symbol der Reichsbürger-Szene, die die Bundesrepublik ablehnt. Auch deutsche, russische, amerikanische Fahnen und Transparente sind zu sehen, so wie schon zuvor an der russischen Botschaft, wo es eine Versammlung der Reichsbürger gab.

Die Demonstranten filmen sich gegenseitig. «Wir sind das Volk» ist zu hören, aber auch rechtsextreme Beschimpfungen und der bekannte Schlachtruf dieser Szene: «Widerstand». Von hinten ruft ein Mann: «Wir sind friedlich, wir sind friedlich.» Zwischen Eingang und aufgeheizter Menge stehen in diesem Moment nur noch drei Polizisten, die ihre Schlagstöcke schwenken und die Menschen auf Abstand halten. Schließlich eilen von den Seiten zahlreiche weitere Polizisten herbei, sprühen Pfefferspray in die Menge und drängen sie die Stufen hinunter.

Fast 40.000 demonstrierten in Berlin

Knapp 40.000 Menschen aus ganz Deutschland hatten nach ersten Schätzungen der Polizei vom Samstag weitgehend friedlich auf der Straße des 17. Juni gegen die Corona-Politik demonstriert. Insgesamt waren laut Polizei noch deutlich mehr Demonstranten bei weiteren Veranstaltungen in der Innenstadt unterwegs.

Zwar hielten sich viele nicht an die Mindestabstände zum Infektionsschutz, aber die Stimmung in der recht bunten Menge der Demonstranten aus ganz Deutschland blieb friedlich. Am Nachmittag griffen dann Reichsbürger und Rechtsextremisten aus einer großen Menschenmenge vor der russischen Botschaft die Polizei mit Stein- und Flaschenwürfen an. Die Bilder von dem Sturm auf die Treppe vor dem Reichstag überdecken am Samstagabend und Sonntag aber alles andere.

Videos der Szenen werden im Internet mehr als eine Million Mal aufgerufen. Im Stundentakt äußern sich – abgesehen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) – Spitzenpolitiker. Der Bundespräsident meldet sich, was bei Demonstrationen sonst eher nicht üblich ist. Frank-Walter Steinmeier teilt mit: «Reichsflaggen und rechtsextreme Pöbeleien vor dem Deutschen Bundestag sind ein unerträglicher Angriff auf das Herz unserer Demokratie.» Für den Montag hat er einige der Polizisten zu einem Treffen eingeladen. Der Präsident und Hausherr des Bundestags, Wolfgang Schäuble (CDU), fordert eine schnelle Aufarbeitung.

Warum die Aufregung über einen Vorfall, bei dem es keine Gewalt und keine Verletzten gab, so groß ist, erklärt Innenminister Horst Seehofer (CSU), der vom «symbolischen Zentrum unserer freiheitlichen Demokratie» spricht. «Dass Chaoten und Extremisten es für ihre Zwecke missbrauchen, ist unerträglich.» Auch die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel nennt die Vorfälle «inakzeptabel».

Polizei wurde von Demonstranten am Reichstag überrascht

Der Demonstrations-Veranstalter Michael Ballweg von der Stuttgarter Initiative Querdenken distanziert sich von den Krawallmachern und Rechtsextremisten. Querdenken sei eine friedliche und demokratische Bewegung. Die Schuld sehe er beim Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD). «Warum ist er nicht in der Lage, das Gebäude zu schützen?»

Nun ist für die konkrete Einsatztaktik vor Ort weniger ein Innensenator als die Polizei zuständig. Warum die Berliner Polizei, die den ganzen Tag lang 3000 Beamte aus verschiedenen Bundesländern dirigierte, ausgerechnet vor dem Reichstag so peinlich überrascht und überrannt wird, erklärte sie am Sonntag zunächst nicht.

Polizeisprecher Thilo Cablitz hatte am Samstagabend nur gesagt: «Wir können nicht immer überall präsent sein, genau diese Lücke wurde genutzt, um hier die Absperrung zu übersteigen, zu durchbrechen.» Innensenator Geisel ging gar nicht erst näher auf die gravierende Panne ein. Er sieht sich bestätigt, weil er vor demonstrierenden Rechtsextremisten gewarnt hatte. Die Polizei habe «diesen Spuk schnell beendet», erklärt er dann. «Die Einsatzkräfte waren unmittelbar vor Ort.»

Ganz so überzeugend sehen das offenbar nicht alle. Der SPD- Fraktionsgeschäftsführer Carsten Schneider kündigte an: «Ich werde morgen eine Sondersitzung des Ältestenrates beantragen, um die Pläne zur Errichtung einer Sicherheitszone zu überprüfen und für eine schnelle Umsetzung zu sorgen.»

Bei den Demonstrationen gegen die Corona-Politik wurden demnach am Samstag 33 Polizisten verletzt. 316 Menschen seien festgenommen worden. 131 Menschen wurden angezeigt wegen Angriffen auf Polizisten, Widerstandes, Gefangenenbefreiung, Beleidigung, Körperverletzung und Verstößen gegen das Waffengesetz. Zudem ahndete die Polizei 255 Ordnungswidrigkeiten.

(L'essentiel/sda/lub)

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