Journalistin missbraucht

28. Juni 2012 17:43; Akt: 28.06.2012 18:06 Print

«Lieber Gott, mach, dass es aufhört»

Mitten auf dem Tahrir-Platz ist eine britische Journalistin von einer Horde Männer sexuell missbraucht worden. In einem Interview spricht sie über ihre Tortur.

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Als am Sonntag der Gewinner der ersten freien Präsidentenwahl in der Geschichte Ägyptens verkündet wurde, gingen einmal mehr Bilder der feiernden Massen auf dem Tahrir-Platz um die Welt. Doch abseits der Kameras spielten sich ungeheuerliche Szenen ab: Eine junge britische Journalistin wurde von einem Mob wild gewordener Männer sexuell missbraucht. Der Mut einiger weniger und eine waghalsige Verkleidungsaktion retteten ihr vermutlich das Leben.

Natasha Smith beschreibt ihren Horror-Trip auf ihrem Blog und in einem Interview mit CNN bis ins schrecklichste Detail: Die angehende Journalistin war mit Freunden in den Straßen Kairos unterwegs, um das historische Ereignis für ihre Abschlussarbeit zu dokumentieren, als sie in «Sekundenbruchteilen» von einer Gruppe aufgebrachter Männer weggezerrt wurde. «Sie begannen mir die Kleider vom Leib zu reißen, bis ich nackt war», schreibt Smith. Hunderte Männer, die sich «von Menschen in Tiere verwandelt hatten», begrapschten und belästigten sie sexuell massiv. «Ich dachte mehr als einmal, dass sie das nicht überleben wird», sagte Callum Paton, einer von Smiths Begleitern.

In Burka als verheiratete Ägypterin verkleidet

Eine kleine Gruppe von Männern versuchten zunächst erfolglos, die junge Frau ihren Peinigern zu entreißen und in Sicherheit zu bringen. Ein Zelt, in dem sie Zuflucht suchte, brach unter den Angriffen des Mobs zusammen. «Lieber Gott, mach, dass es aufhört», wiederholte sie immer wieder. Eine Ambulanz bahnte sich einen Weg durch die Menge und öffnete die Türen, fuhr aber aufgrund des Ansturms gleich wieder weg.

Smith, die immer noch splitternackt und barfuss war, konnte schließlich in ein Sanitätszelt gebracht werden. Dort wurde sie in eine Burka gesteckt und am Arm eines Ägypters, als dessen Ehefrau sie sich ausgeben musste, langsam weggeführt. Sprechen und weinen durfte sie nicht, um kein Aufsehen zu erregen. So gelang es ihr schließlich, dem wütenden Mob zu entkommen.

«Verheiratet, schwanger, jungfräulich?»

Die Tortur war damit aber noch nicht zu Ende. Im ersten Spital fragten sie die Ärzte, ob sie verheiratet, schwanger und noch Jungfrau sei. «Sie schienen über mein dreifaches Nein nicht erfreut», schreibt Smith. Schließlich weigerten sich die Ärzte, sie zu untersuchen. Selbst als sie später mit Unterstützung einer Angestellten der britischen Botschaft in ein privates Spital überführt wurde, lautete die erste Frage: Sind Sie verheiratet? «Natürlich die wichtigste Frage an das Opfer eines massiven sexuellen Übergriffs», schreibt sie mit Galgenhumor. Die Ärzte stellten keine inneren Verletzungen fest und schickten Smith darauf nach Hause.

Als sie tags darauf korrekt untersucht wurde, begriff sie erstmals, was das Erlebte mit ihr gemacht hatte: Sie zitterte und weinte, als die Ärztin ihren Körper berührte. Der Anblick von Gruppen ägyptischer Männer war ihr unerträglich und nachts hatte sie panische Angst, auch nur einem direkt in die Augen zu sehen. Unterwegs dachte sie: «Unter all den Männern, an denen ich heute vorbeigefahren bin, war bestimmt einer jener Hunderten letzte Nacht».

Sexuelle Übergriff auf westliche Journalistinnen

Smith befindet sich inzwischen wieder in Großbritannien. Auf ihrem Blog gibt sie sich kämpferisch. Ihre Kamera und alle ihre Bilder sind weg, aber sie will ihre Abschlussarbeit zu Ende führen, sobald sie dazu in der Lage ist. Selbst nach Kairo will sie zurückkehren. «Ich habe viel zu erzählen und werde das zu gegebener Zeit auch tun.» In der Zwischenzeit rät sie anderen, nicht denselben Fehler zu machen: «Ich war unkonzentriert und von der wundervollen Atmosphäre abgelenkt», schreibt sie.

Der Fall Natasha Smith erinnert an die schlimmen Erlebnisse der US-Journalistin Lara Logan, die im vergangenen Jahr ebenfalls auf dem Tahrir-Platz Opfer sexueller Gewalt wurde. Die ägyptisch-amerikanische Kolumnistin Mona Eltahawy machte ähnliche Erfahrungen auf einer ägyptischen Polizeistation.

(L'essentiel Online/kri)