27 Tote im Ärmelkanal

25. November 2021 10:03; Akt: 25.11.2021 10:12 Print

Franzosen werfen Boris Johnson Feigheit vor

Mindestens 27 Migranten sind bei einem Bootsunglück im Ärmelkanal gestorben. Der Streit um die illegalen Überfahrten belastet das Verhältnis zwischen Paris und London.

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Nach dem Tod von mindestens 27 Menschen im Ärmelkanal geben sich britische und französische Stellen gegenseitig die Schuld an der Katastrophe. Der britische Premierminister Boris Johnson mahnte zwar eine Zusammenarbeit an, zugleich forderte er aber Frankreich zu schärferen Kontrollen auf. Der Vorfall zeige, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichten, um Migranten von der gefährlichen Überfahrt abzuhalten. Hingegen warf die Bürgermeisterin der französischen Küstenstadt Calais, Natacha Bouchart, Johnson Feigheit vor. Der Premier übernehme keine Verantwortung, sagte Bouchart.

Boot ähnelte eher einem aufblasbaren Swimmingpool

Am Mittwoch war ein Boot mit 33 Migranten, die illegal nach Großbritannien einreisen wollten, im Ärmelkanal gekentert. Dabei starben 27 Menschen, darunter fünf Frauen und ein Mädchen, wie die französischen Behörden mitteilten. Vier mutmaßliche Schleuser wurden festgenommen. Nach französischen Angaben war es der bisher schlimmste Vorfall mit Migranten in der Meeresenge. Innenminister Gérald Darmanin sagte, das gebrechliche Schlauchboot ähnele eher einem aufblasbaren Swimmingpool für den Garten. Der Ärmelkanal zwischen Dover und Calais gilt als die verkehrsreichste Schifffahrtsstraße der Welt.

«Dies zeigt, dass die Banden, die Menschen in diesen gefährlichen Gefährten aufs Meer schicken, sich von nichts stoppen lassen», sagte Premier Johnson. Er bot an, die französischen Beamten bei den Kontrollen am Kanal zu unterstützen. In Nordfrankreich warten etliche Migranten unter widrigen Umständen auf eine Überfahrt nach Großbritannien. Wenn den Schleusern nicht deutlich gemacht werde, dass ihr Geschäftsmodell nicht mehr funktioniere, würden sie weiterhin die Leben von Menschen aufs Spiel setzen und «mit Mord davonkommen», sagte Johnson.

Auch Darmanin pochte auf ein härteres Vorgehen gegen die Schleuser, die er mit Terroristen und großen Drogenbossen verglich. «Das ist ein internationales Problem», sagte er. «Die Antwort muss auch aus Großbritannien kommen, wir müssen gemeinsam gegen Schleuser kämpfen.» Nötig sei ein koordiniertes Vorgehen auch unter Einbindung von Belgien, den Niederlanden und Deutschland.

Seit Jahresbeginn 1552 Schleuser festgenommen

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron verwies auf die gemeinsamen Anstrengungen mit Großbritannien, seit Jahresbeginn seien an der französischen Küste bereits 1552 Schleuser festgenommen und 44 Schleusernetzwerke zerschlagen worden. «Wenn wir nicht sofort unsere Anstrengungen verstärken, werden sich weitere Tragödien wiederholen.»

Im laufenden Jahr haben bisher mehr als 25.700 Menschen illegal den Ärmelkanal überquert. Das sind mehr als dreimal so viele wie im gesamten Jahr 2020. Erst im Juli hatten London und Paris ein neues Kooperationsabkommen vereinbart, um die wachsende Zahl der Migranten, die mit kleinen Booten über den Ärmelkanal nach England kommen, in den Griff zu bekommen. London sagte dabei 62,7 Millionen Euro zu, um die französischen Behörden zu unterstützen.

Kritik schlug Johnson aber auch im eigenen Land entgegen. Die menschenfeindliche Politik seiner konservativen Regierung sei für die Tragödie verantwortlich, betonten mehrere Politiker der oppositionellen Labour-Partei am Mittwochabend. Anstelle scharfer Asylgesetze müsse die Regierung humane und sichere Wege nach Großbritannien bieten.

Scharfe Zuwanderungsregeln seit Brexit

Vor allem die britische Innenministerin Priti Patel steht wegen der wachsenden Zahl an Migranten unter Druck. Konservative Kreise und Medien sprechen von einer Krise. Allerdings ist die Zahl der Flüchtlinge, die in Großbritannien Asyl beantragen, deutlich niedriger als in anderen europäischen Ländern. Patel hatte angekündigt, die Überfahrten zu beenden. Nach dem Brexit führte die Regierung scharfe Zuwanderungsregeln ein. Noch aber hat Patel kein Mittel gefunden, die Migration über den Ärmelkanal zu stoppen. Zuletzt kündigte sie erneut eine Verschärfung der Asylregeln an.

Am Mittwoch war das Wasser im Ärmelkanal recht ruhig, auch deshalb wagten nach Ansicht von Experten viele Migranten die Überfahrt. Der französische Innenminister Darmanian sagte, 255 Menschen hätten England erreicht, 671 seien noch in Frankreich gestoppt worden. In Frankreich seien 580 Polizisten an der Küste im Einsatz gewesen.

(L'essentiel/DPA/bre)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • wuffel am 25.11.2021 10:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieso wollen denn alle nur nach England???? Sie haben es soweit geschaft aber nein alle wollen sie nach England. Weil das Sozialsystem in England so gut ist wenn man weiss wie man sich anlegt! Und das kennen die meissten dort sehr gut. Wohnung bzw. Haus wird gestellt, sogar das Auto gewusst wie. Das englische Sozialsystem ist zu sozial!!

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  • Jos am 25.11.2021 16:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die wichtigere Frage wäre doch, wer diese Menschen sind und wer sie in die EU gelassen hat. Die Zeltlager bei Calais sind jedenfalls eine Schande. Entweder sind sie legal in Frankreich, dann haben sie doch eine Arbeit oder werden vom Staat mit dem Minimum versorgt. Oder sie sind illegal in Frankreich, dann sollten sie ausgewiesen werden. So oder so, niemand hat automatisch ein Recht darauf, mit seinem Schlauchboot in England aufgenommen zu werden. Aber man will sich ja nicht die Finger verbrennen und sich unbeliebt machen. Deshalb lässt man alles in einer Grauzone in der Schwebe und hofft darauf, dass sich das "Problem" so oder anders von selbst löst.

  • kaa am 25.11.2021 15:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    och wann gutt bezuelt, verstinn ech nett firwatt Frankräich d‘Drecksarbecht, genannt border control fir d‘UK mecht?? Bestätigung dass d‘Land hannert de wäissen Klippen vun Dover halt méi schlau ass wéi kontinental Europa?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Jos am 25.11.2021 16:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die wichtigere Frage wäre doch, wer diese Menschen sind und wer sie in die EU gelassen hat. Die Zeltlager bei Calais sind jedenfalls eine Schande. Entweder sind sie legal in Frankreich, dann haben sie doch eine Arbeit oder werden vom Staat mit dem Minimum versorgt. Oder sie sind illegal in Frankreich, dann sollten sie ausgewiesen werden. So oder so, niemand hat automatisch ein Recht darauf, mit seinem Schlauchboot in England aufgenommen zu werden. Aber man will sich ja nicht die Finger verbrennen und sich unbeliebt machen. Deshalb lässt man alles in einer Grauzone in der Schwebe und hofft darauf, dass sich das "Problem" so oder anders von selbst löst.

  • kaa am 25.11.2021 15:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    och wann gutt bezuelt, verstinn ech nett firwatt Frankräich d‘Drecksarbecht, genannt border control fir d‘UK mecht?? Bestätigung dass d‘Land hannert de wäissen Klippen vun Dover halt méi schlau ass wéi kontinental Europa?

  • wuffel am 25.11.2021 10:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieso wollen denn alle nur nach England???? Sie haben es soweit geschaft aber nein alle wollen sie nach England. Weil das Sozialsystem in England so gut ist wenn man weiss wie man sich anlegt! Und das kennen die meissten dort sehr gut. Wohnung bzw. Haus wird gestellt, sogar das Auto gewusst wie. Das englische Sozialsystem ist zu sozial!!

    • packtiech am 25.11.2021 12:17 Report Diesen Beitrag melden

      ehhh Mann hier tut man doch auch was für Menschen, welche die hohen Miet- und Energiepreise nicht mehr bezahlen können lolllllllll

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