Folgen des Brexits?

28. September 2021 17:44; Akt: 28.09.2021 17:51 Print

Britischen Tankstellen fehlen Lkw-​​Fahrer

Wegen des Mangels an Lastwagenfahrern und Panikkäufen ist vielen britischen Tankstellen der Sprit ausgegangen. Viele Briten wissen sich zu helfen: mit Galgenhumor.

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How it started – how it’s going: Der rote Bus der Pro-Brexit-Kampagne 2016 wurde der Krise 2021 angepasst. (Bild: Twitter)

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Die Briten und Britinnen mögen angesichts der langen Schlangen an den Tankstellen zwar die Geduld, aber nicht ihren Humor verlieren: «Wir haben keinen Treibstoff für diesen Bus. Aber das ist ok, wir haben ja auch keine Fahrer», heißt es etwa auf Twitter. Oder: «Das Verbot für Diesel- und Verbrennungsmotoren, das in Großbritannien für 2030 vorgesehen war, wurde auf diesen Mittwoch verschoben».

In den letzten Tagen haben sich vor den Tankstellen in Großbritannien riesige Schlangen gebildet, weil Konsumenten und Konsumentinnen befürchten, dass dem Land der Sprit ausgehen könnte. Seit Tagen kommt es zu Benzin-Panikkäufen – und mitunter zu Schlägereien unter genervten Wartenden.

Dabei gibt es «reichlich Treibstoff in den britischen Raffinerien», wie Tankstellenbetreiber wie Shell, BP und Esso erklärten. Aber es fehlen die Fahrer und Fahrerinnen zum Ausliefern.

Nach Brexit und Pandemie fehlen die Lastwagenfahrer

Tatsächlich fehlen im Land schätzungsweise 100.000 Lkw-Fahrer und -Fahrerinnen. Wegen des Brexits waren vor allem osteuropäische Fachkräfte abgewandert. Sie kommen wegen der Corona-Pandemie und der neuen strengen Einwanderungsregeln nach dem Brexit nicht wieder. Erschwerend kommt hinzu, dass wegen der Corona-Pandemie etliche Fahrstunden und -prüfungen verschoben wurden.

London hat nun Lastwagenfahrer der Armee in Bereitschaft versetzt. Diese sollten darauf vorbereitet werden, Tankstellen zu beliefern. Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng betonte, die Nachfrage werde in den kommenden Tagen auf ein normales Niveau zurückkehren. Trotzdem sei es richtig, Vorkehrungen zu treffen.

Dem Fernfahrermangel im Land sollen auch auch zeitlich befristete Visa Abhilfe schaffen. Für die drei Monate gültigen Bewilligungen haben viele Briten und Britinnen nur Spott übrig: Nach dem Ja zum Brexit habe man ausländischen Fahrern, die zu tiefen Löhnen gearbeitet hätten, die Türe gezeigt, und jetzt erwarte man, dass diese unter den gleichen Bedingungen und zeitlich befristet wiederkommen würden?

«Werden nicht zurückkehren, um Briten aus dem Mist zu helfen»

Es ist klar: Da auch in etlichen europäischen Ländern ein Mangel an Fahrern besteht, müssten britische Firmen doch sehr viel bieten, um ein attraktiver Arbeitgeber für wenige Monate zu sein. Oder wie es ein Vertreter der Federation of Dutch Trade Unions formulierte, die Lastwagenfahrer aus ganz Europa vertritt: «Die Arbeitskräfte aus der EU, mit denen wir sprechen, werden nicht für kurzfristige Visa zurückkehren, um Großbritannien aus dem Mist zu helfen, den sie selbst gebaut haben.»

So sehr drückt die Krise den Briten aufs Gemüt, dass sogar SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz am Montag von britischen Journalisten in Berlin gefragt wurde, ob Deutschland mit Lastwagenfahrern aushelfen könne. «Wir haben sehr hart daran gearbeitet, die Briten davon zu überzeugen, die Union nicht zu verlassen. Am Ende haben sie sich anders entschieden», meinte dieser süffisant lächelnd.

Ernten, was der harte Brexit säte?

Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng will über die Visa hinaus Wettbewerbsregeln außer Kraft setzen, damit die Branche gemeinsam gegen die Engpässe vorgehen und eine Grundversorgung an Benzin und Diesel organisieren kann. Das könnte zumindest den akuten Notstand an der Zapfsäule beheben, ist aber keine Lösung für andere Branchen.

Dabei sind es fast alle, die dringend auf die Lkw-Fahrer und -Fahrerinnen angewiesen sind: Supermärkte können ohne sie ihre Regale nicht füllen, Spielzeug-Hersteller fürchten um das Weihnachtsgeschäft und einigen Pub-Ketten geht das Bier aus.

«Von der Logistik zum Gastgewerbe, von Kultur zum Bausektor fürchte ich, kann man nun sehen, wie die Regierung erntet, was sie mit einem harten Brexit gesät hat», sagte der Londoner Bürgermeister, Sadiq Khan von der Labour-Partei. «Man kann nicht fünf Jahre lang über die EU und EU-Bürger und -Bürgerinnen herziehen und dann erwarten, dass sie zurückkommen und uns aushelfen.»

Brexit als «Lord Voldemort der britischen Politik»

Glaubt man der Regierung in London, ist der Mangel an Lkw-Fahrerinnen und -Fahrern ein globales Problem und in Ländern wie Polen noch deutlich schlimmer als auf der Insel. In Polen sind indessen keine ähnlichen Schwierigkeiten zu beobachten wie in Großbritannien.

Das Thema Brexit wird auf der Insel inzwischen mit spitzen Fingern angefasst. Weder die Regierung noch die Opposition scheinen sonderlich interessiert daran, eine Debatte über den Zusammenhang zwischen dem Austritt aus dem Binnenmarkt und wirtschaftlichen Verwerfungen im Land führen zu wollen. Brexit-Gegner Andrew Adonis, der für die Labour-Partei im Oberhaus sitzt, sprach bereits in Anlehnung an den Bösewicht der Harry-Potter-Romane, dessen Name als Tabu gilt, vom «Lord Voldemort der britischen Politik».

Ist diese britische Krise also auf den Brexit zurückzuführen? Jein, meint dazu die «NZZ». London müsse sich den Vorwurf gefallen lassen, auf die sich schon seit längerer Zeit ankündigenden Engpässe zu spät reagiert zu haben. «Der europäische Binnenmarkt mit seiner Personenfreizügigkeit kann, dank seiner Größe besonders rasch und flexibel sektorielle Engpässe in einzelnen Ländern ausgleichen», schreibt die Zeitung. «Von diesem automatischen Ausgleichsmechanismus hat sich Großbritannien im Januar 2020 durch den Brexit abgekoppelt. Dem hätte die Regierung durch flexiblere Übergangsbestimmungen Rechnung tragen sollen.»

Dennoch seien Schlangen vor britischen Tankstellen oder leere Regale in Supermärkten «noch lange kein Beweis dafür, dass der Brexit ein Fehler war. Sie sind vielmehr ein lästiges Übergangsphänomen, weil Produktionsprozesse, Lieferketten und Arbeitsmärkte sich nicht schnell genug an die neuen Bedingungen anpassen können.» Die britische Wirtschaft werde das nach einer gewissen Zeit in den Griff bekommen.

(L'essentiel/gux/AFP/DPA)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Valchen am 29.09.2021 06:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Well, my British friends! Ech kann Méch nach gudd erreneren wei Ech mam Zuch duurch den Tunnel sin, wei Däer zu beiden Seiuten stungr matt Schelder: “ (EU)Polacks out!” den Cammioneuren énnert Nues ze Haalen! “Be careful what you wish for!” ;—//

  • Karl am 29.09.2021 08:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Boris sagte ja, es werde alles wunderbar!!!……………… Fc.

  • Michi am 28.09.2021 21:12 Report Diesen Beitrag melden

    fannen den Artikel gut :D daat deet deenen gudd op der Panz

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  • Valchen am 29.09.2021 06:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Well, my British friends! Ech kann Méch nach gudd erreneren wei Ech mam Zuch duurch den Tunnel sin, wei Däer zu beiden Seiuten stungr matt Schelder: “ (EU)Polacks out!” den Cammioneuren énnert Nues ze Haalen! “Be careful what you wish for!” ;—//

  • Michi am 28.09.2021 21:12 Report Diesen Beitrag melden

    fannen den Artikel gut :D daat deet deenen gudd op der Panz