Proteste in Belarus

14. August 2020 11:30; Akt: 14.08.2020 11:30 Print

«Sie schoben mir eine Granate in die Hose»

Bei den Protesten in Belarus nahmen Sicherheitskräfte willkürlich Tausende Menschen fest. Jetzt kommen einige wieder auf freien Fuß. Sie berichten von schweren Misshandlungen.

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Nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis in Weißrussland haben viele Menschen in dem von blutigen Protesten erschütterten Land von schwersten Misshandlungen berichtet. In Videos schilderten Frauen und Männer, dass sie kaum ernährt und in engsten Zellen stehend zusammengepfercht worden seien.

Viele Bürger zeigten – nur in Unterwäsche bekleidet – ihre mit Platzwunden und großen blauen Flecken von Schlägen übersäten Körper. Mehrere Entlassene mussten sofort ins Krankenhaus gebracht werden. «Sie haben alle festgenommen, alle geschlagen, Mädchen, Jungen, Kinder, die 15, 14, 13 Jahre alt waren», sagte einer der Freigelassenen, der nur seinen Vornamen Sergej angab.

«Unterschreib, Schlampe»

Frauen schilderten nach der Freilassung aus dem Gefängnis auf der Okrestin-Straße in Minsk unter Tränen, dass sie geschlagen worden seien. In Zellen mit vier Betten seien 35 Frauen gewesen, sagte eine Freigelassene dem Portal tut.by. «Sie haben mit schrecklicher Brutalität zugeschlagen», sagte sie. «Überall war viel Blut.»

Eine 20-jährige berichtet gegenüber BBC, dass sie nicht an den Protesten teilgenommen habe, «aber ich wurde von den Sicherheitskräften dennoch zu Boden geworfen und in einen Bus verfrachtet». Im Gefängnis habe sie ein Protokoll unterschreiben musste, ohne zu wissen, was darin stand. Als sie fragte, ob sie das Papier nicht erst durchlesen könne, habe ihr ein Sicherheitsbeamter geantwortet: «Ich sage dir, Schlampe, unterschreibe schnell! Sonst werde ich dich vergewaltigen und für weitere 20 Tage in die Zelle stecken.» Nachdem sie signiert hatte, habe sie gehofft, auf freien Fuß zu kommen. Das geschah allerdings erst 24 Stunden später.

Weiter berichtet sie von ihrer zweitägigen Haft, in der sie keinerlei Nahrung erhalten habe. Und: «Eines der festgenommenen Mädchen bekam ihre Periode. Sie bat um Toilettenpapier. Es hieß, sie solle halt ihr T-Shirt nehmen. Erst später brachte eine Frau etwas Papier. Sie war unsere Heldin.»

«Sie schoben mir eine Granate in die Hose»

Ein 25-Jähriger, der sich an den Protesten beteiligt hatte, berichtet, dass neben der regulären Bereitschaftspolizei auch die Anti-Terror-Spezialeinheit Almaz Leute von der Straße weg mitgenommen habe. «Ich hatte einen Rucksack mit Atemschutzgeräten und Masken dabei. Als sie ihn entdeckten, sagten sie: ‹Aha, schau an. Das ist einer der Organisatoren der Proteste›.» Er habe abgestritten, dass der Rucksack ihm gehöre. «Sie schlugen mich während einiger Minuten und fragte wieder, ob das mein Rucksack sei. Als ich verneinte, führten mich drei Soldaten der Spezialeinheit um die Ecke eines Shoppingzentrums. (…) Sie zeigten mit eine Granate. Sie würden den Stift entfernen und sie mir in die Hosen stecken, sagten sie. Ich würde in die Luft gesprengt und sie würden sagen, dass ich einen selbstgebastelten Sprengsatz dabei gezündet hätte. ‹Niemand wird etwas beweisen können und wir sind fein raus.›»

Als er erneut verneinte, hätten die Männer genau dies getan: «Sie schoben mit die Granate in die Hose und rannten weg.» Den Stift hatten die Männer nicht entfernt, das Ganze war wohl als eine Art Scheinhinrichtung gedacht. «Sie kamen zurück, sagten, dass ich ihnen frech gekommen wäre und schlugen mich wieder. Sie schlugen mich in die Lendengegend, ins Gesicht. Ich musste den Rucksack mit meinen Zähnen zum Kastenwagen tragen. Sie schlugen mich mit bloßen Händen weiter ins Gesicht. Verlor ich den Rucksack, schlugen sie weiter. Jetzt habe ich abgebrochene Zähne.»

Freilassungen und Entschuldigung des Innenministers

Mittlerweile hat Präsident Alexander Lukaschenko, der als «letzter Diktator Europas» bezeichnet wird, die Freilassung von Gefangenen angeordnet. Die Freigelassenen wurden von Hunderten Verwandten und Freunden vor einem Gefängnis in der Hauptstadt Minsk mit Nahrungsmitteln, Wasser und Decken in Empfang genommen.

Innenminister Juri Karajew entschuldigte sich, dass bei den Protesten gegen Fälschung der Ergebnisse der Präsidentenwahl vom Sonntag auch viele Unbeteiligte festgenommen worden seien. So etwas passiere, meinte er. Bis zum Morgen sollten mehr als 1000 der insgesamt rund 7000 Gefangenen freigelassen werden.

Es war das erste Mal seit Tagen, dass der Machtapparat unter Lukaschenko einlenkte. Tausende hatten auch am Donnerstag seinen Rücktritt gefordert, nachdem er sich zum sechsten Mal zum Sieger der Präsidentenwahl hatte erklären lassen. Lukaschenkos Sprecherin kündigte eine Rede des Präsidenten an das Volk für Freitag an.

(L'essentiel/SDA/gux)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • anonym am 14.08.2020 14:19 Report Diesen Beitrag melden

    Diese Festnahmen und Misshandlungen von unschuldige Menschen machen mich sprachlos. Allerdings handeln diese Polizisten auf druck der Regierung, werden womöglich für diese Drecksarbeit gut bezahlt. Diese Diktatur muss beendet werden, NIEMAND DARF SICH DAS RECHT NEHMEN ÜBER ANDERE ZU BESTIMMEN. Ich hoffe die Menschen werden psychologisch geholfen ♥

  • Georges Grof am 14.08.2020 15:43 Report Diesen Beitrag melden

    O merde, daat si jo Franseisch Verhältnesser! Wor de Lukaschenko bei de Macron an d'Leier?

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  • Georges Grof am 14.08.2020 15:43 Report Diesen Beitrag melden

    O merde, daat si jo Franseisch Verhältnesser! Wor de Lukaschenko bei de Macron an d'Leier?

  • anonym am 14.08.2020 14:19 Report Diesen Beitrag melden

    Diese Festnahmen und Misshandlungen von unschuldige Menschen machen mich sprachlos. Allerdings handeln diese Polizisten auf druck der Regierung, werden womöglich für diese Drecksarbeit gut bezahlt. Diese Diktatur muss beendet werden, NIEMAND DARF SICH DAS RECHT NEHMEN ÜBER ANDERE ZU BESTIMMEN. Ich hoffe die Menschen werden psychologisch geholfen ♥