Polen

28. Januar 2018 12:20; Akt: 28.01.2018 12:21 Print

Undercover-​​Video über Neonazis schockt ein Land

Ein Video zeigt Hakenkreuze, Hitlergrüsse und Nazi-Uniformen. Vielen scheint bewusst zu werden, dass Polens Politik die rechtsextreme Szene im Land zu lange tolerierte.

Szenen aus dem heimlich aufgenommenen Video von der Geburtstagsfeier zu Ehren Hitlers (Video:TVN24).

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Das Ganze wirkt unfreiwillig komisch, wenn sich die Männer die Hosen herunterziehen und in ihren Slips auf der Waldlichtung stehen, bevor sie in ihre Nazi-Uniformen schlüpfen.

Ein heimlich gedrehtes Video, das letztes Jahr aufgenommen und jetzt vom Sender TVN24 veröffentlicht wurde, gibt in Polen zu reden. Es zeigt Neonazis, die anlässlich einer Geburtstagsfeier zu Ehren Adolf Hitlers zusammenkommen. Vor brennenden Hakenkreuzen machen sie übereifrig den Hitlergruß und singen Nazihymnen vor dem Konterfei des deutschen Maßenmörders. «Er hatte die Vision, sein Volk zu vereinen», schwelgt ein Redner. «Und die NSDAP unter Hitler propagierte Familienwerte, Mutterschaft, Vaterschaft, Achtung und Ehre!»

«Ein politischer Schock»

Wie viele Teilnehmer diese «Feier» besuchten, ist auf den Aufnahmen nur schwer auszumachen. Sicher ist, dass sie alle dem legalen Verein «Stolz und Moderne» angehören. Dass sie in ihrer Gesinnung längst nicht allein dastehen, macht der Bericht von TVN24 deutlich: Ein Journalistenteam des Privatsenders begleitete polnische Hitler-Anhänger monatelang mit versteckter Kamera – auch an Konzerte oder Versammlungen.

Der Beitrag löste im Land einen «politischen Schock» aus, wie der ARD-Korrespondent Olaf Block berichtet. Polen war vom Naziregime brutal terrorisiert worden. Von sechs Millionen Todesopfern waren 90 Prozent polnische Juden und 10 Prozent christliche Polen.

Politik schaute eher wohlwollend zu

Dass es eine Neonazi-Szene im Land gibt, dessen waren sich zwar viele bewusst, spätestens seit dem sogenannten Unabhängigkeitsmarsch vom November 2017, als einschlägige Gruppierungen Banner wie «Reinheit des Blutes» oder «Weißes Europa» umhertrugen.

Doch da nationale Töne und Patriotismus weit verbreitet und von der rechtskonservativen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit PIS gerne befeuert werden, tat die politische Elite die Rechtsextremen als harmlose Randerscheinung ab. Mehr noch: Sie «schaute eher wohlwollend auf Exzesse wie die Verbrennung einer Judenpuppe mit langen Schläfenlocken und schwarzem Kaftan auf dem Breslauer Rathausplatz», wie die «Tageszeitung» schreibt.

Justizminister singt mit verurteiltem Neonazi

Der Beitrag von TVN24 hat nun aber eine Diskussion entfacht, die bis ins Parlament dringt. Am Donnerstag will man hier den Umgang mit dem Rechtsextremismus im Land diskutieren. Auch die Justiz wurde aktiv: Anfang Woche wurden fünf Mitglieder des Vereins «Stolz und Moderne» festgenommen. Ihnen wird «Propagierung faschistischer oder kommunistischer Ideologien» vorgeworfen. Da sie dies aber in einem abgelegenen Waldstück taten, dürfte die Klage zahnlos bleiben.

Das wäre Wasser auf die Mühlen der Opposition: Sie wirft der konservativen Regierung schon lange vor, Neonazis nur unzureichend zu verfolgen. Ein unlängst aufgetauchtes Video erhärtet diesen Vorwurf: Es zeigte den heutigen Justizminister mit seinem Stellvertreter, wie sie mit einem aktenkundigen Neonazi die Nationalhymne Polens singen.

(L'essentiel/gux)

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