Johnson auf Intensivstation

07. April 2020 18:56; Akt: 07.04.2020 19:00 Print

Wer regiert jetzt in London?

Der erkrankte britische Premierminister Boris Johnson hat Dominic Raab beauftragt, ihn wo nötig zu vertreten. Viele fragen sich, was das genau heißt.

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Der britische Premier Boris Johnson liegt am Coronavirus erkrankt auf der Intensivstation des St Thomas' HoKrankenhaus in London. Bevor der 55-Jährige dorthin verlegt wurde, hatte er Außenminister Dominic Raab aufgetragen, ihn «wo nötig» zu vertreten. Da es keinen festen Stellvertreter für den Premierminister gibt, entscheidet dieser selbst, wer ihn vertritt.

Er werde sich an Johnsons Auftrag halten, wenn nötig, erklärte Raab am Montagabend. Allerdings ist bis jetzt unklar, ob der 46-jährige Raab damit bereits im Vollbesitz der Regierungsmacht ist. Er selbst scheint kein Interesse daran zu haben, dies klarzustellen, sondern spricht lieber vom «großen Teamgeist» im Kabinett.

Ein Boxer mit einem schwarzen Gürtel

Dabei wollte Raab, der als äußerst ehrgeizig beschrieben wird, schon immer ganz nach vorn – wohl aber nicht unter diesen Umständen. So hatte er sich letztes Jahr um den Vorsitz bei den Konservativen beworben, war aber ausgeschieden und hatte dann Johnson unterstützt. Der Dank war der Chefposten im Außenministerium.

Der Sohn eines tschechisch-jüdischen Flüchtlings, der 1938 ins Vereinigte Königreich gekommen war, trat nach seinem Jus-Studium in Oxford und Cambridge mit 26 Jahren in den diplomatischen Dienst ein. Sechs Jahre später wechselte er in die Politik und trat 2006 ins Außenministerium ein. Der zweifache Vater gilt als außerordentlich ehrgeizig – und sehr kämpferisch. In seiner Freizeit boxt er gern, und er hat den schwarzen Gürtel in Karate.

«Jeden Mittag bestellt er den gleichen Lunch»

Seit Montag leitet der 46-Jährige, der dem rechten Flügel der Tories zugerechnet wird, nun die Corona-Sondersitzungen des Kabinetts per Videocall. Beobachter wollen bereits einen anderen Führungsstil ausmachen: einen strengeren, kühleren und weniger humorvollen. «Etwas Stählernes, Maschinenhaftes wird Raab von früheren Mitarbeitern bescheinigt», schreibt die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». «Dazu passen seine funktionalen Essgewohnheiten. Jeden Mittag bestellt er den gleichen Lunch: ein Baguette mit Poulet und einen Caesar Salad, einen Fruchtsalat und ein Vitamin-Smoothie.»

Raab und die anderen Regierungsmitglieder haben im Kampf gegen die Pandemie eine kaum lösbare Aufgabe zu bewältigen, denn der staatliche Gesundheitsdienst NHS (National Health Service), der vor allem über Steuern finanziert wird, ist seit Jahren chronisch unterfinanziert und marode.

Sorgenkind NHS

Einem Bericht der Stiftung Health Foundation zufolge fehlen dem NHS mehr als 100.000 Mitarbeiter, darunter 44.000 Pflegerinnen und Pfleger. Der Brexit verschärfte das Problem zusätzlich. Zahlen des Nursing and Midwifery Council zufolge ging der Zustrom an Pflegekräften aus der Europäischen Union zwischen 2017 und 2018 um 87 Prozent zurück. Mehrere Tausend NHS-Mitarbeiter vom Kontinent kehrten Großbritannien seit dem Brexit-Referendum 2016 den Rücken.

Zu allem Unglück reagierte die britische Regierung zu Beginn der Krise mit einem Schlingerkurs. Wertvolle Zeit sei dadurch verstrichen, bemängelten Kritiker.

Niemand weiß, was Raab genau entscheiden darf

Johnson selbst gab sich hingegen noch in Isolation und vom Krankenbett aus kämpferisch. Mit seinen markigen Worten spricht Johnson vor allem den einfachen Mann an. «Der Premierminister ist jemand, der eine erstaunliche Energie und eine großartige Entschlossenheit hat», sagte Kabinettsminister Michael Gove im BBC-Interview. Gove selbst ist in Selbstisolation, weil ein Familienmitglied erkrankt ist.

Wie nun Johnsons Stellvertreter Raab, der auch einige Monate Brexit-Minister war, die Krise wohl managen wird? Vielleicht hilft ihm sein Ehrgeiz, auch den Kampf gegen das Coronavirus erfolgreich aufzunehmen. Einfach dürfte es nicht werden.

Erste Politiker wie der konservative Parlamentarier Tobias Ellwood hinterfragten bereits, was der 46-jährige Raab denn nun genau entscheiden dürfe. Und der konservative Politiker Michael Heseltine glaubt, dass Raab «durch die Einsamkeit des Jobs auf die Probe gestellt wird». Raab sei jetzt von vielen Menschen umgeben, die «glauben, dass Boris Johnson schnell wieder zurückkommen wird, und die sowieso ihre eigenen persönlichen Vorstellungen haben».

(L'essentiel/gux/sda)

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