Toter Lukaschenko-Kritiker

04. August 2021 11:02; Akt: 04.08.2021 11:06 Print

Wurde Schischow von Holzblöcken gestoßen?

Nach dem Tod von Witaly Schischow in Kiew steht der Verdacht im Raum, dass die belarussische Geheimpolizei zugeschlagen hat. Der KGB wäre nicht das erste Mal in Kiew tätig.

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Man fand Witaly Schischow (26) am Dienstag unweit seiner Wohnung, erhängt in einem Park der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Freunde hatten den 26-jährigen belarussischen Exilanten und Aktivisten am Vortag vermisst gemeldet, als er von seiner regelmäßigen Joggingrunde nicht zurückgekehrt war.

Von seinem Handy, das bei Schischow entdeckt wurde, seien noch mehrere Anrufe getätigt worden, sagen seine Freunde. Nahm jemand ab, seien sie gleich wieder beendet worden.

Prellungen und gebrochene Nase

«Es gibt keinen Zweifel, dass dies eine geplante Operation belarussischer Sicherheitskräfte ist, um eine Person zu liquidieren, die eine echte Gefahr für das belarussische Regime darstellt», schrieb Schischkows Flüchtlingshilfsorganisation «Belarussisches Haus der Ukraine» am Montag auf Telegram, als Polizeihunde noch nach dem 26-Jährigen suchten.

Jetzt, wo es Gewissheit über seinen Tod gibt, wiederholt die Organisation: Hinter der Operation stecke die belarussische Geheimpolizei, die einen Regierungskritiker und damit eine Gefahr für das Regime in Minsk eliminiert habe.

«Witaly stand unter Beobachtung. Davon wurde die ukrainische Polizei in Kenntnis gesetzt. Auch wurden wir wiederholt von lokalen Quellen und unseren Leuten in Belarus gewarnt, vor allerlei Provokationen, von einschließlich Entführung und Liquidierung», heißt es weiter.

Von Holzblöcken gesprungen?

Die ukrainische Polizei kündigte an, wegen Suizids und «als Suizid verschleierten Mordes» zu ermitteln. An einer Pressekonferenz in Kiew veröffentlichte sie Fotos von drei übereinander gestapelten Holzblöcke, von denen Schischow sprang oder gestoßen wurde.

Die Polizei bestätigte, dass Schischows Leiche Verletzungen aufwies: Einen Kratzer an der Nase, eine Wunde an der Lippe und eine Verletzung am Knie. Spuren etwa von Schlägen seien keine gefunden worden. Die Autopsie werde dies abschließend klären.

«Er geht uns auf den Sack»

Der Verdacht, der Geheimdienst von Machthaber Alexander Lukaschenko könnte hinter dem Tod des Aktivisten stehen, kommt nicht von ungefähr.

Minsk machte in jüngster Zeit Schlagzeilen mit Entführungen von Kritikern im Ausland: Die belarussischen Olympia-Athletin Kristina Timanowskaja sucht gerade Schutz in der polnischen Botschaft in Tokio. Auch die erzwungene Ryan-Air-Landung mit Regierungskritiker Roman Protassewitsch an Bord liegt noch nicht lange zurück.

Wie der Apparat dabei vorgeht, veranschaulicht der Fall von Pawel Scheremet. Der Journalist war ein gnadenloser Kritiker Lukaschenkos und lebte ebenfalls in der Ukraine, als er 2016 auf dem Weg zur Arbeit Opfer einer Autobombe wurde. Geklärt wurde der Mord über Jahre nicht.

Lukaschenko finanzierte Morde mit 1,3 Millionen

Erst dieses Jahr gelangte eine Audioaufnahme aus dem Minsker Hauptsitz des Geheimdiensts von 2012 an die Öffentlichkeit.

Darauf ist der damalige Chef des weißrussischen KGB zu hören, wie er Pläne zur Beseitigung von vier Gegnern des weißrussischen Regimes bespricht: «Wir sollten uns um Scheremet kümmern, der uns auf den Sack geht. Wir legen eine Bombe und so weiter, damit man von dieser miesen Ratte nicht einmal mehr Hände und Beine einsammeln kann.» Die Aufnahme macht auch deutlich, dass die Morde von Machthaber Lukaschenko finanziert wurden, der dafür 1,3 Millionen Dollar bewilligt hatte.

«Als wären sie sein Eigentum»

Vor diesem Hintergrund wundert nicht, dass belarussische Aktivisten selbst im Exil den langen Arm des Lukaschenko-Regimes fürchten. Lukaschenko wolle «Vergeltung üben», er jage belarussische Bürgerinnen und Bürger, «als wären sie sein Eigentum», waren Reaktionen auf Schischows Tod.

Maria Hurtado, Sprecherin des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, fordert eine vollständige und unabhängige Untersuchung der Todesumstände des Aktivisten.

(L'essentiel/gux)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Valchen am 04.08.2021 15:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vun Waat dann soss? Eng Alu Leeder as ze opfälleg am Bésch! ;-((

Die neusten Leser-Kommentare

  • Valchen am 04.08.2021 15:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vun Waat dann soss? Eng Alu Leeder as ze opfälleg am Bésch! ;-((