«Gravierende Defizite»

26. Februar 2016 10:40; Akt: 27.02.2016 10:55 Print

So gefährlich ist das AKW Cattenom wirklich

CATTENOM - Ein deutscher Gutachter kommt zu dem Schluss, dass das grenznahe Kernkraftwerk in keinster Weise internationalen Sicherheitsstandards genügt.

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Luxemburg und Deutschland sind in Sorge, Frankreich schert sich nicht: Das Pannen-AKW in Cattenom. (Bild: DPA/Christophe Karaba)

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37 Zwischenfälle hat es im vergangenen Jahr im Kernkraftwerk Cattenom gegeben – offiziell. Die meisten davon seien unbedeutend gewesen, hätten keine sicherheitsrelevante Bedeutung gehabt, sagte der Direktor der Anlage, Guy Catrix, diese Woche. Lediglich fünf dieser Zwischenfälle seien als Störung oder Abweichung vom Normalbetrieb eingeordnet worden. Seit langem gilt das Kernkraftwerk im französischen Cattenom, das aus vier Kühlwasserreaktoren besteht, als eine Pannenanlage.

Immer wieder kommt es zu Zwischenfällen und zu automatischen Abschaltungen einzelner Reaktoren. Luxemburg, Rheinland-Pfalz und das Saarland fordern seit Jahren die Abschaltung. Doch daran scheint der Betreiber der drittgrößten Atomanlage Frankreichs, der Energiekonzern EDF, noch lange nicht zu denken. Gerade erst wurde Cattenom, wo im vergangenen Jahr 36,8 Terawattstunden Strom produziert worden sind, für eine Laufzeit von weiteren zehn Jahren ertüchtigt. Doch selbst mit dann 40 Jahren am Netz soll laut Catrix noch nicht Schluss sein. Er sprach davon, dass Cattenom mindestens noch 30 Jahre, also bis 2046, Strom produzieren soll.

Keine doppelten Sicherheitsvorkehrungen

Die Grünen-Fraktion hat zum Pannenmeiler ein Gutachten in Auftrag gegeben. Auf 70 Seiten kommt der Sachverständige für Atomsicherheit, Manfred Mertins, zu dem Schluss, dass nach deutschen Standards Cattenom stillgelegt werden müsste. Es gebe gravierende Defizite gegenüber international geltenden Standards. So fehle es in Cattenom an doppelten Sicherheitsvorkehrungen für den Fall, dass ein Sicherheitssystem ausfalle. Dann, so Mertins, gebe es keine zusätzliche Sicherung mehr für den Fall, dass das Atomkraftwerk weiterläuft.

«Die sicherheitstechnische Auslegung des Atomkraftwerks Cattenom entspricht den Anforderungen, die in den 1970er Jahren der Sicherheit von Atomkraftwerken zugrundegelegt wurden», heißt es in dem Gutachten. In dieser Zeit wurde die Anlage geplant, 1979 mit dem Bau des ersten Reaktorblocks begonnen. Sieben Jahre später, am 13. November 1986, ging dieser in Betrieb. Die damals verwendeten Sicherheitsvorkehrungen entsprächen nicht mehr dem aktuellen Stand von Technik und Wissenschaft, sagt der Experte.

Nachrüstung nach Fukushima ungenügend

Mertins berücksichtigt in seinem Gutachten, dass Cattenom im Laufe der Zeit, vor allem nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima im Jahr 2011, nachgerüstet wurde. Doch diese Nachrüstungen hätten vor allem das betriebliche Sicherheitsmanagement, wie etwa die Alarmierung im Notfall, oder auch die Einführung digitaler Technik für den Betrieb der Anlage betroffen. Mehr Sicherheit und Schutz hätten diese Maßnahmen aber letztlich nicht gebracht. Mertins geht davon aus, dass sich eine Anlage wie Cattenom auch nicht mehr nachrüsten lässt, um auf den neuesten Stand der Sicherheitstechnik zu kommen. Wenn der Reaktor von außen, durch Erdbeben, Überschwemmungen oder abstürzende Flugzeuge, beschädigt werde und mehrere Teile des Notfallsystems ausfielen, gebe es keine Sicherheitsvorkehrungen mehr, um etwa eine Kernschmelze zu beherrschen.

Der Luxemburger Grünen-Abgeordnete im Europaparlament, Claude Turmes, zeigt sich in seinen schlimmsten Befürchtungen bestätigt: «Der Weiterbetrieb stellt eine nicht zu verantwortende Gefährdung der Menschen in der Region dar. Die von EDF geplante Laufzeitverlängerung für diesen Reaktor ist unverantwortlich.» Seine Parteikollegen in der Chamber reichten eine dringende parlamentarische Anfrage zu Cattenom an die Regierung ein. Gesundheitsministerin Lydia Mutsch und Umweltministerin Carole Dieschbourg forderten die französischen Behörden erneut auf, die Euratom-Richtlinie über nukleare Sicherheit umzusetzen.

volksfreund.de/L'essentiel


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