Rheinland-Pfalz

16. September 2020 12:17; Akt: 16.09.2020 12:33 Print

Zirkus-​​Tiger gehen in der Südwestpfalz in Rente

MAẞWEILER – Ein Dompteur gibt wegen mangelnder Auftritte seine Großkatzen in eine Auffangstation. Die beiden Geschwister dürfen nun ihren Ruhestand dort verbringen.

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Getestet und für gut befunden - jedenfalls von Jill und Sahib. Gemächlich streifen die beiden Sibirischen Tiger im Süden von Rheinland-Pfalz durch ihr neues Revier. Die zentnerschweren Raubtiere sind die jüngsten Zugänge der von der Tierschutzstiftung Vier Pfoten betriebenen Auffangstation Tierart. Ein Zirkusdompteur, der wegen Corona kaum noch Auftritte hatte, trennte sich vor kurzem von den Großkatzen. Nun tigert das Paar über das Areal in Maßweiler. «Sie haben sich gut eingelebt und genießen ihr etwa 1000 Quadratmeter großes Außengehege», sagt Tierpfleger Christopher Nunheim.

Nach Drill und Applaus im Chapiteau führen die 13 Jahre alte Jill und ihr ein Jahr älterer Halbbruder nun ein ruhigeres Leben, sind sozusagen im Ruhestand. Rente für Raubtiere ist in der Natur nicht vorgesehen - in freier Wildbahn gehen Löwe, Tiger und Elefant nie in Pension. Anders sieht das für Vierbeiner aus dem Zirkus aus, die durchaus Unterkunft in Tierparks und Heimen finden - zum Beispiel in Rheinland-Pfalz und in Baden-Württemberg. In Karlsruhe eröffnete im vergangenen Jahr Europas erste Altersresidenz für Elefanten.

Wildtierverbot im Zirkus fehlt

Seniorenheime für Zirkustiere - wäre das eine Lösung? «Das würde wohl nicht viel ändern, da die Tiere im Zirkus leider bis ins hohe Alter arbeiten müssen», sagt Nunheim. Wären sie dazu nicht mehr in der Lage, verschwänden sie oft auf dubiose Art und Weise. Zudem gebe es weit über 100 Zirkusbetriebe in Deutschland. «Kapazitäten in dieser Größenordnung zu schaffen, ist nahezu unmöglich», meint der Tierpfleger. Zudem hätten die Besitzer von solchen «Heimen» nichts davon. «Nein - was fehlt, ist ein Verbot von Wildtieren im Zirkus.»

Ähnlich sieht es die Naturschutzorganisation WWF (World Wide Fund For Nature). «Das Halten von Wildtieren im Zirkus verfolgt rein wirtschaftliche Interessen», sagte Artenschutzexperte Arnulf Köhncke. «Wir sind gegen Wildtiere in Zirkussen, weil diese im Unterschied zu gut geführten Zoos keinen Beitrag zum Artenschutz leisten.»

Voll ausgelastet mit den Raubkatzen

Mit dem Geschwisterpaar sind die Gehege für Raubkatzen bei Tierart vorerst voll belegt. Neben Jill und Sahib leben die Tigerdamen Cara und Varvara in Maßweiler. Cara hatte es im vergangenen Jahr zu einiger Berühmtheit gebracht, als dänische Ärzte ihr einen Goldzahn einsetzten. Beim Herumkauen auf Spielzeug hatte sie sich zuvor das Beißwerkzeug kaputtgeknabbert. Als «Raubtier mit Goldzahn» wurde das 130 Kilogramm schwere Bengal-Tiger-Weibchen bekannt. «Der Zahn brach leider nach einigen Monaten unter der Krone ab», sagt Nunheim.

Vor wenigen Tagen war Cara nun erneut beim Zahnarzt - das dänische Team prüfte den abgebrochenen Fangzahn. «Nach einer Wurzelbehandlung konnte er verschlossen und glatt geschliffen werden. Cara darf nun auch wieder große Knochen bekommen», erzählt Eva Lindenschmidt, die stellvertretende Betriebsleiterin der Station. Auch Jill und Sahib seien dabei in Narkose untersucht worden. Bis auf eine Art Überbein am Gelenk (Jill) und mögliche Nieren-Probleme (Sahib) seien die Tiger altersgemäß bei guter Gesundheit, meint die Diplom-Biologin.

Bedrohte Tierart

An diesem Augusttag steht Tigerweibchen Jill in ihrer ganzen Streifenpracht regungslos am Zaun des Geheges. Keine Bewegung zeichnet sich am 180 Kilogramm schweren Körper des Raubtiers ab. Die Großkatze ist eine imposante Erscheinung - ebenso wie Sahib, der 210 Kilogramm wiegt. «Beim Futter kann man grob mit drei bis sieben Kilogramm Fleisch pro Tier und Tag rechnen», erzählt Nunheim. Das Fleisch erhält Tierart von einem speziellen Futtermittelhändler.

Weltweit ist die Lage ernst für die größte Raubkatze der Welt. Vor 100 Jahren gab es etwa 100.000 Tiger, heute leben in 13 Staaten noch schätzungsweise rund 3900 Exemplare in freier Wildbahn. Die wegen ihrer Verbreitung im Amur-Becken auch Amur-Tiger genannten Tiere werden von der Weltnaturschutzunion IUCN als «stark gefährdet» eingestuft. Im Kampf um die letzten freien Tiger gilt eine Konferenz in Russland 2010 als Meilenstein. Damals einigten sich 13 Staaten auf Schutzzonen für die Großkatzen. Hollywood-Ehrengast Leonardo DiCaprio («Titanic») spendete damals eine Million US-Dollar zur Unterstützung.

Serie löst Hype aus

In Deutschland nutzte zuletzt die Netflix-Serie «Tiger King» über exzentrische Großkatzen-Liebhaber den Tiger als exotische Kulisse. Branchenangaben zufolge soll es eine der derzeit am meisten gestreamten Serien weltweit sein. Der Hype in den sozialen Netzwerken war enorm. Den Rahmen der True-Crime-Miniserie bildet die Geschichte, wie Joe Exotic - der Besitzer eines privaten Zoos im US-Bundesstaat Oklahoma - wegen versuchten Mordes vor Gericht landete.

«Solche Serien machen mich traurig», sagt Nunheim. «Es erschüttert mich immer sehr, zu sehen, wie diese Tiere ausgenutzt werden.» Erbost sei er darüber, was in anderen, teils eigentlich modernen Ländern als Standard gelte, und wie schlecht die Tierschutzgesetze dort seien. «Es ist ein trauriger Fakt, dass die zweitgrößte Tigerpopulation der Welt in Texas lebt», meint der Tierpfleger. «Auch hier ist es mehr oder weniger normal, dass ein Tier, das keinen Gewinn mehr bringt oder aus anderen Gründen unerwünscht ist, einfach verschwindet.»

(L'essentiel/DPA)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • en letzebuerger am 16.09.2020 17:05 Report Diesen Beitrag melden

    Tolle Strategie. Erst stellen wir fest dass es keine Kapazitäten gibt , um alle Zirkustiere aufzunehmen, und dann sollen wir ein Verbot der Tiere im Zirkus erlassen.

  • Pia am 16.09.2020 13:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jo ass typesch vu Mënschenhand gemaach OUNI Häerz a Verstand :(

Die neusten Leser-Kommentare

  • en letzebuerger am 16.09.2020 17:05 Report Diesen Beitrag melden

    Tolle Strategie. Erst stellen wir fest dass es keine Kapazitäten gibt , um alle Zirkustiere aufzunehmen, und dann sollen wir ein Verbot der Tiere im Zirkus erlassen.

  • Pia am 16.09.2020 13:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jo ass typesch vu Mënschenhand gemaach OUNI Häerz a Verstand :(