Trier

19. Juni 2017 10:41; Akt: 19.06.2017 10:51 Print

«Wir können nicht mehr» -​​ Tierheim schlägt Alarm

Mehr als 200 Wildtiere hat das Trierer Tierheim seit April aufnehmen müssen, weil eine frühere Auffangstation geschlossen wurde. Die Helfer rufen um Hilfe.

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Die Erste Vorsitzende des Trierer Tierschutzvereins, Inge Wanken (l) und Tierheimleiterin Anna Jutz verarzten im Tierheim in Trier einen verletzten Raben. (Bild: DPA/Harald Tittel)

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Die Botschaft ist deutlich: «Wir können nicht mehr». Und: «So kann es nicht weitergehen.» Die erste Vorsitzende des Trierer Tierschutzvereins, Inge Wanken, und Tierheimleiterin Anna Jutz rufen um Hilfe – denn sie müssen seit April zusätzlich zu Haustieren noch Wildtiere versorgen. Rund 230 Tiere vom Marder über Fuchs bis Rehkitz hat das Trierer Heim seitdem aufgenommen. Der Grund für den Ansturm: Das Wildtierzentrum Wiltingen-Saarburg hat nach 28 Jahren zugemacht, weil die Betreiber die Arbeit ehrenamtlich nicht mehr schafften. Allein 2016 hatten Maria und Jürgen Meyer dort knapp 1300 Wildtiere versorgt.

Nun rufen besorgte Bürger im Trierer Tierheim an, wenn sie geschwächte Jungvögel, Igel oder Rehkitze finden – oder auf einen verletzten Fuchs stoßen. Fünf bis sechs Anrufe pro Tag seien die Regel. Bisher seien die Tiere meist an private Pflegestellen in Koblenz, Bad Neuenahr-Ahrweiler oder die Wildtierstation im saarländischen Eppelborn gebracht worden, sagt Jutz. «Das geht aber jetzt nicht mehr. Sie sind alle voll.» Das Tierheim Trier weiß nicht mehr, wohin. Zoos würden Wildtiere nicht nehmen, sagt Jutz.

Job in Luxemburg aufgeben für die Tiere?

Wie könnte das Problem gelöst werden? Das Ehepaar Meyer, das das Wildtierzentrum bisher betrieben hat, würde ja weitermachen – wenn es eine bezahlte Stelle gäbe. Denn Jürgen Meyer (54) hat das bisher im Doppeljob gemacht, er ist Maler und Lackierer in Luxemburg. «Wir schaffen diese Belastung nicht mehr», sagt seine Frau Maria Meyer (57). Ihr Mann würde die Stelle in Luxemburg aber aufgeben, wenn er im Wildtierzentrum hauptberuflich arbeiten könnte. Die Kosten für eine solche Stelle beziffern die Meyers auf 37.000 Euro.

Nach Ansicht von Wanken und Jutz wäre das die beste Lösung. «Die beiden haben die meiste Expertise.» Eine Finanzierung müsse doch über das Land oder die Gemeinden möglich sein. Das rheinland-pfälzische Umweltministerium erklärte, es habe bereits die Förderung einer Personalstelle mit bis zu 30 Prozent in Aussicht gestellt. Das Tierheim würde 10 Prozent des Gehaltes übernehmen, sagt Wanken. «Wenn sich nun noch Gemeinden beteiligen würden, müsste das doch gehen.» Jutz: «Im Saarland wird die Station im Eppelborn auch vom Land finanziert. Wieso geht das nicht bei uns?»

«Wildtiere haben keine Lobby»

«Wildtiere haben keine Lobby», sagt die Leiterin des Koblenzer Tierheims, Kirstin Höfer. Es sei «schlimm», dass man sich einfach darauf verlasse, dass sich im Land vor allem private Initiativen um Wildtiere kümmerten. Und: «Es ist klar, dass Tierschützer im Tierheim kein Tier ablehnen können.» Man müsse davon ausgehen, dass künftig noch mehr Wildtiere gefunden werden und in Not geraten: «Weil die Tiere immer mehr in die Städte kommen», sagt Höfer.

Umso wichtiger sei es, dass im Trierer Fall die Stelle für das Wildtierzentrum finanziert werde. «Ich sehe das Land in der Pflicht. Dass einem Land die Wildtiere egal sind, das finde ich beschämend.» Auch im Koblenzer Tierheim werden Wildtiere aufgenommen, allerdings meist nur erstversorgt. Danach gingen die Tiere meist an Pflegestationen in der Nähe. «Die sind aber jetzt voll», sagt Höfer.

Die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) sagt: «Für die Länder besteht grundsätzlich keine rechtliche Verpflichtung verletzte oder verwaist aufgefundene Wildtiere aufzunehmen und gesund zu pflegen oder dies zu fördern.» Für den Tierschutz seien die Kommunen zuständig. Trotzdem habe das Land in den vergangenen Jahren das Wildtierzentrum Wiltingen/Saarburg mit 30 Prozent der Unterhaltungskosten gefördert – und nun eine Förderung einer Stelle zusagt. «Ein Antrag wurde jedoch nicht eingereicht.»

Auf Kosten der Haustiere

Nach Angaben der Trierer Tierschützer ist an der Situation auch problematisch, dass das Ganze auch auf Kosten der Versorgung der Haustiere gehe. Vier von zehn Mitarbeiter seien zurzeit mit der Wildtierpflege beschäftigt: Die Tiere müssten abgeholt und teils zum Tierarzt gebracht werden. Auch nachts nehmen Wanken und Jutz Igel oder Jungvögel mit nach Hause, um sie zu füttern. «Da bleibt wenig Kraft mehr für Hundetraining oder anderes», sagt Wanken. «Wir müssen uns ja auch erst mal in die neue Materie einarbeiten», sagt Jutz (32). «Zum Beispiel: Woher bekomme ich Lämmer- oder Ferkelmilch?»

Und die Urlaubszeit steht bevor. Eine Zeit, in der in der Regel mehr Haustiere den Weg ins Tierheim finden, weil Besitzer sie abgeben oder aussetzen. Hinzu komme, dass zurzeit viele Katzenbabys geboren werden. «Gerade hat uns wieder jemand einen Karton vor das Tor gestellt», erzählt Jutz. Derzeit sind im Tierheim rund 80 Katzen, 50 Hunde sowie Ratten und Kaninchen untergebracht.

Wanken betont: «Die Grenze ist überschritten.» Sie hat ausgerechnet, dass ihre Mitarbeiter und ehrenamtlichen Helfer bis Mitte Juni rund 900 Stunden Zusatzarbeit wegen der Wildtiere hatten. Tierarztkosten eingerechnet, beliefen sich die entstandenen Extra-Kosten auf 17.400 Euro. «Das ist Geld, dass das Tierheim an anderer Stelle eingeplant hatte.» Und: Das Tierheim besitze eigentlich gar keine Betriebserlaubnis für Wildtiere. Aber das werde stillschweigend geduldet.

(L'essentiel/dpa)

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