Corona-Pandemie

21. Juni 2020 17:10; Akt: 21.06.2020 17:24 Print

Die Hilflosigkeit Obdachloser in Corona-​​Zeiten

Obdachlose sind in der Corona-Krise wegen ihrer gesundheitlichen Konstitution besonders gefährdet. In Deutschland werde das noch immer zu wenig gesehen.

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Das Zeltlager ist aus den mittlerweile abgebauten Container-Winterquartier für Wohnungslose hervorgegangen. (Bild: DPA/Oliver Dietze)

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Eine Handvoll Obdachloser hat in Mainz hinter einem Plakat mit der Aufschrift «Guter und bezahlbarer Wohnraum für Alle» seit Wochen ein Lager aufgeschlagen. «Keine Anmeldung, keine Arbeit. Keine Arbeit, keine Anmeldung, keine Wohnung», sagt einer der Männer. «Und dann auch noch Corona», fügt der 43-Jährige hinzu, der vor dem Beginn der Pandemie auf dem Bau gearbeitet hat. Das aus dem Container-Winterquartier für Obdachlose hervorgegangene kleine Zeltlager auf städtischem Grund ist auch eine Art Protestcamp: «Hier hat die Stadt Mainz Obdachlosenunterkunft geschlossen und Menschen auf die Straße gesetzt!», steht auch auf dem Plakat.

Der Mainzer Sozial- und Gesundheitsdezernent Eckart Lensch (SPD) widerspricht: Die Stadt habe den Männern schon einige Male Unterkünfte angeboten – erfolglos. «Sie wollen keine Hilfe annehmen.» Sozialmediziner Gerhard Trabert vom Verein Armut und Gesundheit schlägt der Stadt die Einrichtung einer alternativen Wohnmöglichkeit vor nach dem Vorbild einer von der Diakonie betreuten kleinen Containersiedlung in Wiesbaden.

Keine Schutzräume oder Wohnmöglichkeiten

Wohnungslose Menschen seien aufgrund häufig vorliegender chronischer Erkrankungen und einer Multimorbidität - also das gleichzeitige Bestehen mehrerer Krankheiten - besonders gefährdet, sich mit dem Coronavirus zu infizieren und dann auch einen schweren Krankheitsverlauf zu erleiden, sagt Trabert. «Andererseits stellen sie auch eine Infektionsquelle dar, da es keine Schutzräume, Isolationsmöglichkeiten, Wohnmöglichkeiten und intensive medizinische Versorgungsmöglichkeiten gibt.»

Jürgen Michel von Koblenzer Verein Die Schachtel, einem Treffpunkt für alleinstehende Wohnungslose und Menschen in sozialen Notlagen, sagt: «Die Abwehrkräfte sind deutlich geringer.» Und viele hielten auch nicht genug Abstand, wenn sie sich in den Innenstädten träfen. Die Schlafplätze in Wohnheimen reichten auch nach wie vor nicht aus, weil weiterhin Abstandsregeln berücksichtigt werden müssten. Er schätzt die Zahl der wohnsitzlosen Menschen im Raum Koblenz auf 500 bis 600. Etwa jeder Zehnte von ihnen – also 50 bis 60 -– lebe auf der Straße. Rund 150 Obdachlose lebten schätzungsweise in Mainz, sagt Lensch. Für etwa 100 gebe es Heim-Plätze.

Die Obdachlosen aus den Zelten in Mainz hatten zuletzt in den seit mehr als zehn Jahren immer im Winter aufgestellten Containern an gleicher Stelle gewohnt. Wegen des Coronavirus waren die sechs bis sieben Container mit jeweils maximal vier Plätzen 2020 länger stehen geblieben als sonst. Normalerweise würden sie Ende März abgebaut, sagt Lensch. Weil dies in diesem Jahr mit dem Lockdown zusammengefallen wäre, seien die Container noch bis zu den Lockerungen im Mai stehen geblieben. Zuletzt durften sie wegen der Ansteckungsgefahr aber nur noch von zwei Bewohnern genutzt werden.

« Keine Toilette, keine Dusche, nur Katzenwäsche, und höchstens zwei Stunden am Stück schlafen. »

Allerdings habe die Stadt in den letzten Wochen einen Wachdienst beauftragen müssen, weil es «in relevanter Zahl» zu Gewalttaten und Drogenproblemen gekommen sei. «Das war ein Riesenproblem ab April.» Die Mehrzahl der Auszüge habe dann aber gut geklappt, genauso wie die der gut 30 Obdachlosen, die vorübergehend in einem Business-Hotel in der Oberstadt untergebracht waren, das für den touristischen Betrieb und Tagungen geschlossen war.

Der Geschäftsführer der Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen gGmbH, zu der das Hotel gehört, Jörg Greis, spricht von einer «win-win-Situation.» In dem komplett renovierten Hotel seien keinerlei größere Schäden entstanden. Den Obdachlosen habe die Zeit im Hotel sichtlich gut getan. Sie seien zur Ruhe gekommen, hätten sich entspannen können und seien schnell nicht mehr von anderen Gästen zu unterscheiden gewesen. Das Projekt habe gezeigt, dass Menschen, wenn sie zur Ruhe kommen, auch eigen Ressourcen mobilisieren können, sagt Trabert. Mehr als zehn hätten vom Hotel in eine Wohnung und noch einmal fast genauso viele in Wohnheime oder -projekte vermittelt werden können.

Ganz anders im Lager Am Fort Hauptstein. «Keine Toilette, keine Dusche, nur Katzenwäsche, und höchstens zwei Stunden am Stück schlafen», beschreibt der 43 Jahre alte Obdachlose den Alltag. Einer müsse immer bei den Zelten bleiben und auch nachts Wache halten, damit nichts gestohlen werde. Ab und zu brächten Anwohner Wasser, etwas zu essen oder Holz zum Kochen. Strom etwa für die Handys bekommen sie von einem Generator -– ebenfalls eine Spende.

Container als Überlebenshilfe im Winter

«Die Container sind wichtig für das Überleben im Winter», sagt Sozialdezernent Lensch. Manchmal bildeten sich unter den Bewohnern aber auch hierarchische Strukturen und einige versuchten etwas mit Gewalt durchzusetzen. «Das ist keine Dauerlösung.» Trabert schweben dagegen einige feste Container auf einem anderen städtischem Gelände in der Nähe zahlreicher Hilfseinrichtungen an der Zitadelle vor – als feste Wohnmöglichkeit mit einer Art Nutzungsvertrag, zunächst für vier bis fünf Menschen und einen Notfall. In Wiesbaden habe die Diakonie damit gute Erfahrungen gemacht.

(L'essentiel/dpa)

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