Fotoprojekt

20. September 2018 15:39; Akt: 21.09.2018 08:17 Print

Fotograf wirft neues Licht auf Obdachlose

TRIER – Eigentlich möchte niemand sie wahrnehmen, doch ein Fotoprojekt rückt Obdachlose nun ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Für den guten Zweck.

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Als sie das erste Mal in die Lobby gekommen sei, mit ihren kaputten Turnschuhen und dem offensichtlichen «Straßenlook», hätten die Leute schon abfällig geschaut, gesteht Juliane Krähling. Aber dann, mit dem schicken Kostüm, den frisierten Haaren und dem professionellen Make-up, das wäre schon etwas ganz anderes gewesen, sagt sie im Interview mit Stern TV. Die 37-Jährige ist gelernte Dachdeckerin, lebt aber seit einigen Jahren auf der Straße. Seit kurzem habe sie zwar eine Wohnung, aber verbringe trotzdem immer noch einen Großteil ihrer Zeit in Triers Gassen und Parks, sagt Nina Petry, Marketing- und Kommunikationsleitung vom Caritas-Verband Trier. Krähling teilt ihr Schicksal mit fünf anderen Obdachlosen: Job verloren, Familie verloren, Schicksalsschläge, alles wird zuviel. Am Ende: sozialer Abstieg, finanzieller Ruin, Straße.

Aber nicht an diesem Montag, da werden die löchrigen Turnschuhe gegen schwarze Pumps getauscht, die abgewetzte Jeans gegen eine feine Anzughosen, der Bart kommt ab, die Haare werden frisiert, die Augen geschminkt, die Lippen betont. Im noblen Park Plaza Hotel warten 40 freiwillige Helfer auf die sechs Obdachlosen um sie herzurichten für einen besonderen Tag: ein Shooting mit einem professionellen Fotografen. Herauskommen sollen Bilder, für die andere bezahlen. Das Geld wiederum soll mal der Obdachlosenhilfe Trier zugute kommen. Edouard Olszewski wird die Bilder machen. Der 36-Jährige ist seit ein paar Jahren als selbstständiger Fotograf in der ganzen Großregion tätig, vorher war er fast zehn Jahre lang Banker in Luxemburg.

«Es geht darum, Stereotype aufzubrechen»

Vor ein paar Monaten kam ihm die Idee, dass er der Gesellschaft etwas zurückgeben wolle, nur wusste er nicht so recht wie oder was. Er und Petry kannten sich schon aus ihrer Zeit als Marketingleiterin vom Theater Trier, bevor sie im Sommer 2017 zur Caritas ging. Olszewski schlug ihr eine Zusammenarbeit vor, just in dieser Zeit war Petry auf der Suche nach einem Fotografen, der ihr bei der Umsetzung einer Idee helfen könnte. Sie war im Internet auf ein Foto-Projekt mit Obdachlosen gestoßen, auch dort wurden diese frisiert und gut angezogen abgelichtet (siehe Video). «Es geht darum, die Stereotypen im Kopf aufzubrechen», erklärt Olzewski. Wenn die Fotos fertig bearbeitet sind, werden sie der Stockfoto-Plattform gettyimages.com angeboten. «Jemand, der eines der Bilder kauft, sieht nicht, dass das Modell eine Stunde vor dem Shooting noch ein Obdachloser war», sagt er. Man könne Leute in ein paar Minuten so verwandeln, dass man ihnen ihr Schicksal nicht mehr ansehe.

«Wir hoffen, dass es den sechs Modellen einen Aufschwung für ihr Leben gibt», sagt Petry. Mehr Selbstbewusstsein, mehr Motivationskraft, um den schwierigen Absprung von der Straße zurück ins Leben zu schaffen. «Es ist sehr schwer aus der Obdachlosigkeit wieder herauszukommen, das hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem auch Alkoholsucht, Depressionen oder auch, wie gut es das Schicksal mit ihnen weiter meint.» Vielleicht schaffe es einer von diesen sechs aus dem Leben aus der Straße zurück in ein geregeltes Leben zu finden, so schätzt Petry. Aber dieser Tag werde den sechs Modellen wohl für immer im Gedächtnis bleiben: «Sie waren so berührt, da sind wirklich Tränen gefloßen. Einige meinten, dass sie sich schon lange nicht mehr so wertgeschätzt gefühlt haben.»

(sb/L'essentiel)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Trimi am 21.09.2018 08:11 Report Diesen Beitrag melden

    Et ass schons krass wei een alt rem eng Keier dei Obdachlos an der Gesellschaft brandmarkt. Wär et net besser gewiescht dat net ze erwähnen an einfach eng Behaptung an den Raum ze stellen dei nie opgefall wier. Dat doten ass neischt anescht wei onmoralesch Effekthascherei dei och nach belleg bezuelt ass. DeenFotograf soll sech schummen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Trimi am 21.09.2018 08:11 Report Diesen Beitrag melden

    Et ass schons krass wei een alt rem eng Keier dei Obdachlos an der Gesellschaft brandmarkt. Wär et net besser gewiescht dat net ze erwähnen an einfach eng Behaptung an den Raum ze stellen dei nie opgefall wier. Dat doten ass neischt anescht wei onmoralesch Effekthascherei dei och nach belleg bezuelt ass. DeenFotograf soll sech schummen