Kniffliger Fall

22. Mai 2018 15:42; Akt: 22.05.2018 15:42 Print

Tödlicher Angriff in Kandel kommt vor Gericht

KANDEL - Rund ein halbes Jahr nach dem gewaltsamen Tod von Mia wird am 18. Juni in Landau der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter beginnen. Der Fall ist juristisch kniffelig.

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Der Mord an einer Jugendlichen im pfälzischen Kandel hatte Ende 2017 in ganz Deutschland großes Entsetzen ausgelöst. Nach den bisherigen Ermittlungen wurde die 15-jährige Mia wenige Tage nach Weihnachten in einem Drogeriemarkt von ihrem Ex-Freund erstochen, der zu diesem Zeitpunkt als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling galt. Später stellte sich heraus, dass er deutlich älter ist. Das Gericht sieht ihn für den Prozess aber zunächst als Jugendlichen an. Was das bedeutet und welche weiteren Punkt in dem am 18. Juni beginnenden Prozess wichtig sind - hier einige Fragen und Antworten:

Warum ist das Alter des Angeklagten strittig?

Der mutmaßliche Täter selbst hatte sein Alter mit 15 Jahren angegeben, er war nach seiner Ankunft in Deutschland als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aufgenommen und betreut worden. Nach der Tat wurde Zweifel daran laut, ob er tatsächlich erst so jung ist. Die Staatsanwaltschaft gab deshalb ein Gutachten in Auftrag. Als Ergebnis kam heraus, dass er zum Zeitpunkt der Tat mindestens 17 Jahre und sechs Monate alt war, wahrscheinlich aber schon 20 Jahre alt war. Auch damit gilt er im strafrechtlichen Sinne nicht als Erwachsener.

Warum wird nun nach Jugendstrafrecht verhandelt?

Das Gericht hat entschieden: In dubio pro reo - im Zweifel für den Angeklagten. Sie geht davon aus, dass der Angeklagte zum Zeitpunkt der Tat womöglich doch noch nicht 18 Jahre alt war und sieht ihn zunächst als Jugendlichen ein. Wie das Gericht am Dienstag mitteilte, ist ein ergänzendes Gutachten zum Alter des Angeklagten in Arbeit. Auch wenn nach derzeitigem Stand zunächst einmal nach Jugendstrafrecht verhandelt werden soll, könnte das Gericht auch noch zu einer anderen Einschätzung kommen, was das Alter das Angeklagten betrifft.

Warum ist die Alterseinstufung wichtig für den Prozess?

Wird nach Jugendstrafrecht verhandelt, gelten andere Regeln. Anders als bei einem erwachsenen Angeklagten ist die Hauptverhandlung dann nicht öffentlich - sprich, Presse und Zuschauer müssen draußen bleiben. Auch für das Strafmaß ist wichtig, welches Recht angewendet wird: Wird ein Erwachsener wegen Mordes verurteilt, bekommt er in der Regel eine lebenslange Freiheitsstrafe. Erkennt das Gericht zudem eine besondere Schwere der Schuld, ist eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren praktisch ausgeschlossen. Ein Jugendlicher (14 bis 17 Jahre) kann maximal zu zehn Jahren Haft verurteilt werden. Für Heranwachsende im Jugendstrafrecht (18 bis 20) beträgt die Höchststrafe bei Mord zehn Jahre Gefängnis, erkennt das Gericht eine besondere Schwere der Schuld, sind maximal 15 Jahre Haft möglich.

Was genau war passiert?

Der Anklage zufolge war der junge und mutmaßlich aus Afghanistan stammende Mann eifersüchtig und wollte sich an seiner Ex-Freundin rächen, weil sie sich einige Wochen zuvor von ihm getrennt hatte und dann mit einem anderen Jungen befreundet gewesen sein soll. Er soll am 27. Dezember in einem Drogeriemarkt plötzlich ein Messer gezogen und sieben Mal auf Mia eingestochen haben. Ein Stich in die Herzgegend war tödlich. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Heimtücke und niedrige Beweggründe vor, wie das im Juristendeutsch heißt - das sind rechtlich gesehen Merkmale für einen Mord und nicht etwa für einen Totschlag.

Wie sieht der Zeitplan für den Prozess aus?

Am 29. August könnte nach der bisherigen Planung die 2. Strafkammer (Jugendkammer I) des Landauer Landgerichts das Urteil verkünden, dann ist der letzte Prozesstag vorgesehen. Nach dem Auftakt am 18. Juni sind weitere zwölf Verhandlungstermine angesetzt. Der Zeitplan kann sich im Prozessverlauf aber auch noch einmal ändern.

Warum hat der Fall die Menschen so sehr bewegt?

Die Umstände des Verbrechens sind außergewöhnlich - Täter und Opfer sind sehr jung, zudem haben die Brutalität und der Tatort mitten in einem Drogeriemarkt für Entsetzen gesorgt. Auch die Herkunft des mutmaßlichen Täters spielt eine Rolle - in Kandel ist es seit der Tat immer wieder zu Demonstrationen linker und rechter Gruppierungen gekommen.

(L'essentiel/dpa)

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