Martin Walser in Luxemburg

08. Oktober 2013 16:19; Akt: 09.10.2013 05:47 Print

«Liebe ist die Herrschsucht der Frauen»

LUXEMBURG - Am Dienstag liest der deutsche Autor Martin Walser in der Abtei Neumünster aus seinem letzten Roman. Wir haben uns mit ihm über sein Werk und die Liebe unterhalten.

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Martin Walser, einer der bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit, liest am Dienstagabend in der Abtei Neumünster aus seinem Roman «Die Inszenierung».

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Mit Martin Walser holt das Institut Pierre Werner einen der bekanntesten deutschen Gegenwartsautoren nach Luxemburg. Am Dienstag, 8. Oktober 2013 um 20 Uhr wird er im Rahmen der Reihe «Autoren im Gespräch» in der Abtei Neumünster aus seinem neusten Roman «Die Inszenierung» (Rowohlt) lesen. Anschließend wird er sich mit dem Literaturkritiker Jörg Magenau über sein Leben und sein Werk unterhalten. Wir haben im Vorhinein mit Martin Walser gesprochen.

L’essentiel Online: Herr Walser, Ihr letzter Roman «Die Inszenierung» ist fast vollständig in Dialogform gehalten und weist auch sonst alle Merkmale eines klassischen abgeschlossenen Dramas auf, wie die Einheit von Raum, Handlung und Zeit. Warum haben Sie für einen Roman diese Form gewählt?

Martin Walser: «Ich wähle nie etwas. Es hat sich nie etwas anderes angeboten. Ich habe zwar ein bisschen undeutliche Figuren im Kopf gehabt, aber noch nichts sehr Deutliches. Dann habe ich angefangen zu schreiben und dann hat sich herausgestellt, dass die mich als Erzähler gar nicht wollen, dass die selber reden wollen. Und dann hab ich gemerkt, dass das eigentlich ganz schön ist, weil wenn man über eine Figur schreibt, dann beurteilt man sie schon. Wie man sie darstellt und so weiter. Jede dieser Figuren wollte selber sprechen und da hab ich gemerkt: Jede Figur muss und will, solange sie spricht, Recht haben. Daraus ist dann für mich ein ganz sympathisches Arbeitsprogramm geworden. Figuren zu schreiben, sprechen zu lassen und dafür zu sorgen, dass jede, solange sie spricht, Recht hat. Man hat ein anderes Arbeitsgefühl.»

Die Grundthemen des Romans, also Liebe, Leidenschaft, eine Dreiecksbeziehung, sind ja Themen, mit denen Sie sich in ihrem Werk schon des Öfteren beschäftigt haben. Was ist in diesem Roman anders?

«Diese durch den Erzähler entschiedene, sagen wir mal, Moralität, die fällt diesmal weg. In allen Romanen dieser Art kommt immer eine Figur ein bisschen schlechter weg als eine andere. Entweder ist sie dumm oder sie ist zu schön oder nicht schön genug oder was weiß ich. Wenn jede Figur, solange sie spricht, Recht hat, und es gibt keinen Text über diese Figur, dann müsste eigentlich beim Lesen der Eindruck entstehen, dass es keine Überlegenheit moralischer oder ästhetischer Art gibt, sondern dass alle gleichberechtigt sind.

Das ist, sagen wir mal, für die klassische Form des Liebesromans eher neu. Denn früher, als das noch Ehebruch hieß, da wurde ja auch meistens dieser Ehebruch bestraft. Sei es durch ein Unglück, sei es durch die Figur selber, durch irgendetwas. Das konnte nicht mehr stattfinden. Ich hab das dann auch parallelisiert durch Theatererwähnungen. Ich hab das die «Pistolendramaturgie» genannt, wenn sich immer einer erschießen muss, wie in der Stelle von Goethe, die ich da gebrauche. Dann hab ich eben auch das verabschiedet. Keine Bestrafungsdramaturgie mehr. Trotzdem musste ich eine Art Lösung finden, das ließ sich nicht vermeiden. Und die hat sich also so ergeben, dass diesmal nicht mehr der Mann entscheidet, sondern die Frauen.»

Der Hauptprotagonist, Augustus Baum, stellt in dem Roman fest, «die Liebe ist die Herrschsucht der Frauen». Was ist damit gemeint?

«Das ist sozusagen der Anfang seines Monologs, wenn er verlassen worden ist. Aber der geht noch ein bisschen weiter. Der entscheidende Teil des Monologs ist dann er, wo er sagt, eine glückende Liebe kann man gar nicht Liebe nennen, das ist eine Kalkulation, das ist ein Geschäftsakt. Und er kommt dann zu dem Wort, das er feiern will: Unglücksglück. Das ist die einzige Form von Glück, die er kennt.»

Der Kritiker Jörg Magenau, der Sie bei ihrer Lesung in Luxemburg begleitet, hat in dem Zusammenhang geschrieben, dass Liebe nichts anderes als eine Inszenierung sei, welche die Bereitschaft voraussetzt, an die selbst hervorgebrachten Illusionen zu glauben. Was halten Sie von dieser Aussage?

«Das sagt ja auch dieses Shakespeare-Wort, dass die ganze Welt eine Bühne ist. Alle unsere Empfindungen und Gefühle sind, wenn sie sich in die Wirklichkeit hineinbegeben, natürlich auch Inszenierungen. Es gibt nie eine Liebe als solche und ein Gefühl als solches in der Realisierung, da muss es inszeniert werden.»

(L'essentiel Online/Michel Thiel)

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