Ökologisch durch Luxemburg
14. Juni 2012 11:21; Akt: 14.06.2012 14:21 Print
Mit dem Rad zur Arbeit?
LUXEMBURG – Neue Radwege entstehen, immer mehr Leute radeln zum Spaß. Doch warum steigen im Alltag nur wenige aufs Rad? «L’essentiel Online» hat den Test gemacht.
Sind Sie schon einmal mit dem Rad zum Bahnhof gefahren? Dann kennen Sie das Dilemma, vor dem jeder steht, der sich dem zentralen Punkt der Stadt nähert: Gehe ich die Konfrontation mit nervösen Autofahrern oder anfahrenden Bussen auf dem dünnen roten Radweg ein? Oder weiche ich auf den Gehweg aus und benutze unberechtigterweise den Fußgängerraum? Da ist der Stress auf dem Sattel größer als der Spaß am Radeln.
Radfahrern ohne eigenes RadDas Leihsystem Veloh hat deutlich zum Aufschwung des Radelns in Luxemburg beigetragen: Etwa 4500 Nutzer besitzen ein Jahres-Abo für die Leihräder, hinzu kommen gut 1500 Tageskunden in den Sommermonaten. Die Hälfte der Nutzer radelt zu den Stoßzeiten, morgens, mittags und abends. Seit der Einführung hat sich die Zahl der Stationen von 25 auf 75 ausgedehnt. Fahrradfest am Sonntag in der Hauptstadt
Am kommenden Sonntag, 17. Juni, feiert die Hauptstadt das Rad: Von 11 bis 18 Uhr sind die Hauptstraßen der Innenstadt für den Autoverkehr gesperrt und rund um den Place de la Constitution (Gëlle Frau) steigt ein Fest rund ums Rad: Ein Fahrradorchester spielt, es gibt eine Bike-Show und einen Geschicklichkeitsparcours zum Mitmachen sowie viele Informationen rund ums Radfahren in Luxemburg.
Auf 600 Kilometern Radweg durchs ganze Land
Die Stadt Luxemburg gilt beim Radfahren landesweit als Vorreiter. Doch auch Bettemburg, Diekirch, Dudelange und Esch haben ein Konzept, um mehr Verkehrsteilnehmer auf das Rad zu locken.
Gust Muller, der für die Vëlos-Initiativ landesweit die Fahrradpolitik beobachtet, sieht die Fortschritte nicht auf der Straße: «In machen Städte werden zwar Konzepte für Radfahrer entwickelt, aber nur halbherzig umgesetzt. Also nur so lange wie sie nicht auf Kosten des motorisierten Individualverkehrs gehen. Zur Erklärung heißt es dann, dass ja sowieso niemand Rad fährt.»
900 Kilometer Radwege für Freizeitfahrer werden landesweit gebaut, 600 davon sind fertig. Und das muss nicht nur für die sonntägliche Fahrt zum Picknick interessant sein: «Wird dieses Netz überzeugend ausgebaut, ist es auf Dauer nicht nur für Freizeitfahrer, sondern auch für den Weg zur Arbeit interessant», meint Muller. So sei vorstellbar, dass die gut 15 Kilometer flache Strecke durch das Tal der Alzette zwischen Mersch, Walferdingen und Luxemburg-Stadt für den Weg zur Arbeit genutzt werden könnten.
Ein Radbeauftragter fürs Land?
Die Situation der Radfahrer müsse in den Alltag der Landesplanung besser integriert werden, fordert daher die Vëlos-Initiativ. Ihr Vorschlag: Im Infrastrukturministerium müsste es einen Beauftragten geben, der bei jedem Bauvorhaben nach der Situation von Fußgängern und Radfahrern schaut. Solches Personal müsse auch kleine Gemeinden fachlich unterstützen können, wenn diese Straßenbauvorhaben verwirklichen. Und von dort müssten auch Impulse an die Gemeinden ausgehen um der sanften Mobilität mehr Raum zu verschaffen. Im Ministerium scheiterten sie bisher mit ihrer Idee.
Ausbau heißt nicht immer Neubau, meint Gust Muller: «Wir haben ein extrem dichtes Netz geteerter Feldwege in Luxemburg. Man müsste sich die Arbeit machen, dieses einmal aufzulisten, davon die guten und direkten Verbindungen aussuchen und diese dann beschildern. Mit eventuell einigen Anschlüssen bis in die Ortschaften könnte so ein wunderbares Radnetz entstehen. Die Kosten betrügen zudem nur ein Taschengeld im Vergleich zum Neubau von Straßen und Wegen.»
Wer ganz auf umweltfreundliche Fortbewegung setzt und mit dem Rad zum Zug fährt, steht am Hauptbahnhof vor dem nächsten Problem: Wo stelle ich mein Rad ab? Wer nicht gerade mit dem Leihrad Veloh unterwegs ist, muss die Fahrradständer erst einmal finden, die gegenüber vom Bahnhof halb auf der Terrasse eines Bäckers angebracht sind. Oder er nimmt mit dem Bauzaun Vorlieb.
Millionen für Radwege
Am Hauptbahnhof stößt das Konzept der Stadtentwickler für die grüne und sportliche Fortbewegung auf seine Grenzen. Und dennoch: «Vor gut fünf Jahren war jedes Rad im Straßenverkehr noch eine Überraschung. Seither hat sich die Situation deutlich verbessert», meint Gust Muller, als Vorsitzender der Lëtzebuerger Vëlos-Initiativ der oberste Repräsentant der Radfahrer des Landes. Und fügt direkt hinzu: «Aber es fehlt noch einiges. Wir hätten gern eine gute Verbindung zwischen der Oberstadt und dem Bahnhof. Es gibt zwar einen Fahrradstreifen, der ist aber für eine Hauptverkehrsachse deutlich zu schmal.»
Seit 2007 hat die Hauptstadt Millionen locker gemacht, um die Fortbewegung auf zwei Rädern zu fördern: 3,5 Millionen sind in den Ausbau von Radwegen und Ampeln geflossen, 600 000 Euro hat die Stadt für den Ausbau des Leihsystems Veloh (siehe Infokasten) hinzugeschossen. Für drei Millionen Euro ist im Petrusse-Tal auf der vielleicht schönsten Radverbindung durch den Park zwischen Hollerich und dem Grund eine Brücke gebaut worden. 7,5 Millionen Euro kostet der Lift im Pfaffenthal, der Radfahrern eigentlich bereits 2011, nun aber frühestens 2014 die atemraubende und gefährliche Steigung der Côte d'Eich ersparen soll.
Zahl der Radfahrer in 5 Jahren verdreifacht
Die (finanziellen) Anstrengungen der Stadt zeigen Erfolge: Immer mehr Bewohner und Arbeitende steigen aufs Rad, wie die Ergebnisse der ständigen offiziellen Zählungen an 12 Punkten in der Stadt zeigen: Nicht einmal ein Prozent der Wege durch die Hauptstadt wurden 2007 mit dem Rad zurückgelegt, 2011 waren es immerhin 3,5 Prozent. Das ehrgeizige Ziel lautet: 2015 soll jeder zehnte Weg in der Stadt auf zwei Rädern zurückgelegt werden. Zum Vergleich: In der dänischen Hauptstadt Kopenhagen geschehen 40 Prozent der Wege auf zwei Rädern. Landesweit sollen bis 2020 ein Viertel aller Wege unmotorisiert zurückgelegt werden.
Doch wer die Zahlen genau betrachtet, sieht deutliche Unterschiede: So trauen sich in Sommermonaten nur etwa 80 bis 100 Wagemutige pro Tag mit dem Rad an den Bahnhof, wie die Zählungen ergeben. Auf sicheren und gut ausgebauten Strecken wie dem zweispurigen Radweg über die Passerelle beim Gericht sind es im Tagesschnitt fünf Mal so viele. Hier sollte man nicht unterschätzen dass über die Passerelle fast alle Radfahrer erfasst werden, was im Umfeld des Bahnhofs unmöglich ist. Über die rote Brücke auf den Kirchberg radeln im Sommer täglich gar 550 bis 650 Radfahrer pro Tag – und im Winter immerhin noch um die 350.
Ausbau für Tram kommt Radfahrern zu Gute
Daraus will die Stadt ihre Lehren ziehen: «Ich bin der Meinung, schon jetzt findet jeder, der gern mit dem Rad fahren will, eine gute Strecke quer durch die Stadt. Aber das gilt vor allem für diejenigen, die sowieso gern Radfahren. Für Ängstlichere müssen wir noch mehr Anstrengungen unternehmen», erklärt Francois Bausch.
Statt eines weißen Strichs auf der Fahrbahn soll es mehr echte Radwege an den zentralen Achsen der Stadt geben.
Und was auf den ersten Blick überraschend erscheint: Auch die Tram könnte für Radfahrer entscheidende Fortschritte bringen. Nicht nur verschwindet dann der Großteil der Busse von den gefährlichen Achsen wie zwischen Innenstadt und Bahnhof. Auch soll der Umbau ab 2014 genutzt werden, um den Bahnhofsvorplatz, die Avenue de la Liberté sowie die Adolphe-Brücke im gleichen Vorhaben fahrradfreundlich auszubauen.
Auch am Bahnhof können Radfahrer auf bessere Bedingungen hoffen: Dort wo jetzt gebaut wird, sollen an der Nord- und Südseite des Bahnhofs Fahrradkäfige mit jeweils 40 Stellplätzen aufgestellt werden.
(Sarah Brock/L'essentiel Online)













