Phonebitch schreibt Buch

25. April 2012 10:23; Akt: 25.04.2012 14:17 Print

«Telefonsex dauert im Schnitt zwei Minuten»

LUXEMBURG – Phonebitch verdient sich mit Sex am Telefon ein Taschengeld. Mit «L’essentiel Online» spricht die Luxemburgerin über abstruse und schnelle Nummern.

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Die Wirklichkeit: Wenn Phonebitch am Telefon vorgibt, sich in Dessous zu räkeln, hängt sie in Wahrheit oft im Jogginganzug auf dem Sofa. Und ihr Freund lacht sich kaputt. (Bild: DPA)

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«L’essentiel Online»: Sie haben als Pseudonym den Namen Phonebitch gewählt. Klingt etwas abwertend...
Phonebitch: Das gehört bei dem Job dazu. Er wird ja in der Öffentlichkeit so wahrgenommen. Schließlich kommt das Wort Sex darin vor. Ich nehme die Tätigkeit mit Humor.

Wie viele Leute aus Ihrem Umfeld wissen, dass Sie an einer Sex-Hotline sitzen?
Zwischen fünf und zehn. Damit gehe ich auf keinen Fall hausieren, denn sonst höre ich sofort abfällige Kommentare. Ich gehe ja auch einem Hauptberuf nach und der Rest geht niemanden etwas an. Aber mein Freund weiß natürlich Bescheid.

Und wie reagiert er darauf?
Eigentlich gehe ich nicht ans Telefon, wenn er bei mir ist. Und wenn doch, dann muss er oft lachen. Weil er dann mitbekommt, wie ich mich in den tollsten Dessous beschreibe, auch wenn ich gerade im Jogging-Anzug auf der Couch hänge.

Wie sind Sie zum Telefonsex gekommen?
Das ist zehn Jahre her und war Zufall. Ich habe mit Freunden herumgealbert und aus Spaß meine Stimme verstellt. Da sagte ein Freund auf einmal: «Hey, du solltest das wirklich mal ausprobieren!» Kurze Zeit später habe ich mir dann bei der Post eine eigene Nummer besorgt und erste Annoncen aufgegeben. Das kann jeder, das ist echt leicht.

Wenn es technisch so leicht ist, was muss eine Telefonsex-Anbieterin denn noch können? Braucht sie besondere Talente?
Nein, jede Frau kann schauspielern und hat schon einen Orgasmus vorgetäuscht. Nur am Anfang war es schwierig, weil es mir so peinlich war.

Und die sexy Stimme? Muss man die nicht trainieren?
Ich hab’s nicht getan. Meine Stimme ist einfach so wie sie ist. Ich habe Glück gehabt.

Wie oft klingelt das Telefon bei Ihnen?
Das kommt ganz darauf an. Ich habe etwa 20 Stammkunden und viele Eintagsfliegen. Manchmal steht das Telefon auch zwei Stunden still. Bürohengste rufen in der Mittagspause an. Einer hat sogar seinen Job verloren, weil er jeden Abend um die gleiche Zeit eine Service-Nummer vom Büro aus angerufen hat. Abends und am Wochenende ist natürlich Hochkonjunktur. Vor allem samstags, wenn die Frauen einkaufen gehen, steht mein Telefon nicht still. Es sei denn, es kommt Fußball oder Formel 1. Aber kaum ist das Spiel abgepfiffen, klingelt’s wieder.

Trotz aller Anonymität gehen Sie mit Ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit. Seit 2005 führen Sie einen Blog, nun ist Ihr Buch erschienen. Warum schreiben Sie über Telefonsex?
Es ist einfach lustig! Aber ich möchte auch aufklären. Einige Männer kapieren nicht, dass ich eben nicht allzeit bereit bin. Der Verlag hat meinen Blog gelesen und mich kontaktiert. So kam es zu dem Buch.

Wer ruft Sie an?
Vom Polizisten über den Lagerarbeiter bis zum Bankangestellten. Ich habe den Verdacht, auch schon den ein oder anderen Abgeordneten am Telefon gehabt zu haben. Ich bin neugierig und habe die Telefonnummern vom Display notiert und im Internet nachgeprüft. Es könnte hinkommen. Auch ein Nachbar von mir ist unter meinen Kunden. Das weiß ich, weil ich am Telefon zunächst eine Sirene durch die Leitung hörte. Ein paar Sekunden später fuhr sie bei mir vor dem Haus vorbei. Aber ich weiß bis heute nicht, wer es ist und das ist auch gut so.

Wie verläuft ein typisches «Gespräch»?
Das ist ganz unterschiedlich. Viele Männer kennen mich ja. Ich stelle mich mit meinem Namen vor und frage, wer dran ist. Manche Männer rufen vier oder fünf Mal die Woche an, aber immer mit einem anderen Namen. Ich erkenne aber ihre Rufnummer. Dann fragen sie oft, was ich anhabe und so steigert man sich rein. Manchmal muss ich auch die Atmosphäre ein bisschen auflockern. Dann erzähle ich zum Beispiel, dass ich nackt bin. Ich lasse meiner Fantasie freien Lauf, aber oft spule ich auch einfach mein einstudiertes Programm von A bis Z ab. Nach zehn Jahren hat man das drauf.

Was ist an dem Klischee der Frau dran, die gleichzeitig bügelt und ins Headset stöhnt?
Das ist wahr. Ich mache den ganzen Haushalt nebenher. Ich bügle und putze. Wenn ich Geschirr spüle, dann kann ich das Geräusch des Wassers ja damit erklären, dass ich gerade in der Badewanne liege.

Wonach verlangen die meisten Männer?
Sie wollen sich Dinge vorstellen, die sie zuhause nicht bekommen. Analsex oder versaute Sachen. Am Anfang fand ich das oft befremdlich, aber jetzt ist das Routine. Nur wenn jemand sagt, ich soll zum Beispiel meine Stimme so verstellen, dass sie klingt wie die eines Kindes, dann lege ich sofort auf. Es gibt Sachen, die mache ich nicht. Aber so etwas passiert in einem von 1000 Fällen. Die Durchschnittsnummer dauert zwei Minuten.

Wie lukrativ sind so kurze Nummern für Sie?
Die Männer zahlen 2 Euro pro Minute. Ich bekomme 1,24 Euro. In einer Stunde sind das 75 Euro, das ist ein gutes Geschäft. Aber bei so kurzen Nummern ist es hart, überhaupt auf diese Stunde zu kommen. Zudem wird die Konkurrenz größer. Als ich angefangen habe, waren wir fünf oder sechs Frauen in Luxemburg, die Anzeigen geschaltet haben. Heute sind es Hunderte. Aber manche Kunden empfehlen mich auch diskret weiter. Einer hat meine Nummer auf öffentlichen Toiletten an die Tür geschrieben. Meine Kunden sind ziemlich alt. Viele wollen auch einfach nur quatschen oder erzählen von früher. Ich habe nichts dagegen. Kommt einer ins Reden, sehe ich Dollarzeichen blinken. Je länger, desto besser.

Werden Sex-Angebote im Internet die Nummer am Telefon verdrängen?
Mein Vorteil ist, dass viele meiner Kunden alt sind und kaum ins Internet gehen. Aber ich würde nie aufs Internet umsteigen oder etwas mit Bildern machen, wo ich erkennbar bin. Das ist ein absolutes Tabu.

Ist die Arbeit an der Sex-Hotline für Sie schon Prostitution?
Für mich ist es eher ein Job. Man gibt etwas von dem, was man gut kann und wird dafür bezahlt. Bei Männern ist es aber oft der erste Schritt. Sie wollen nach der Hotline dann vielleicht richtig ran.

Bieten Sie Ihre Dienste auch im Ausland an?
Nein, ich arbeite in Luxemburg in vier Sprachen, aber meistens auf Luxemburgisch. Ich habe mich erkundigt. Leider ist Telefonsex eine nationale Angelegenheit. Kunden aus dem Ausland zu haben, ist technisch nicht möglich. Aber Deutschland wäre schön. Hier ist der Markt schon sehr beschränkt.

Wie alt sind Sie und wie lange wollen Sie noch Telefonsex anbieten?
Für meine Kunden bin ich seit zehn Jahren 28. In Wahrheit bin ich Mitte 30. Ich mache so lange weiter, bis dann alle ins Internet abgewandert sind.

(Sarah Brock/L'essentiel Online)

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