Schock-Autor Altmann

21. November 2012 11:58; Akt: 21.11.2012 15:32 Print

«Ich will kein ambulanter Tränensack sein»

Andreas Altmann schreibt übers Reisen, schockierte 2011 aber mit einem Werk über brutale Gewalt in seiner Familie. Wie das zusammenpasst, erklärt der Autor am Mittwoch in Luxemburg.

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Autor Andreas Altmann verbindet Luxemburg mit einem Versprechen, das er einem Mann in einer Kneipe vor zehn Jahren gegeben hat. (Bild: Nathalie Bauer)

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«L'essentiel Online»: Ihr Buch «Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend» ist im letzten Jahr eingeschlagen wie eine Bombe. Haben Sie jemals bereut, so intime Details über Ihr Schicksal als Kind und Jugendlicher im bayerischen Altötting veröffentlicht zu haben?

Andreas Altmann, Autor: «Nein. Ich habe mir 14 Bücher und 50 Geo-Reportagen Zeit gelassen. Ich musste das Thema erst als Schreiber in den Griff bekommen, damit ich nicht klinge wie ein ambulanter Tränensack. Selbstmitleid geht nämlich gar nicht, das kann kein Buch tragen. Ich habe das Buch über die Gewalttaten meines Vaters und der Kirche vor allem aus Rache geschrieben. Deshalb habe ich auch Klarnamen genannt, mich vor das Grab der Täter gestellt und in den Himmel gespuckt – sinnbildlich natürlich.

Der Rechtsanwalt des Verlages hat sich alle heiklen Stellen herausgeschrieben. Aber die Täter von damals haben nur eine Chance: Dass der Hype um das Buch abebbt und danach sieht es derzeit nicht aus (Anm. der Red.: Die Taschenbuchausgabe steht noch immer auf Platz 19 der Spiegel-Bestseller-Liste).»

Welche Reaktionen haben Sie auf das Buch bekommen?

«In meinem Verlag nennen wir das Werk das «Scheißbuch», aber nur wegen des zu langen Titels. Schließlich haben sich einige daran eine goldene Nase verdient, wir haben fast 100 000 Exemplare verkauft. Bei den Lesern kommt es an, sie lesen meine, aber auch ihre eigene Geschichte. Ich habe Unmengen Mails bekommen, mindestens 1400.

Das zeigt, dass ich kein Einzelschicksal erlitten habe, sondern meine Geschichte Ausschnitt einer Zeit ist, in der Gewalt an Minderjährigen nicht verboten war. Es erscheint heute unglaublich. Damals hätte mich das Jugendamt doch ausgelacht, wenn ich versucht hätte, Hilfe wegen meines schlagenden Vaters zu bekommen.»

Können Sie denn anderen Opfern von Gewalt helfen?

«Ich reagiere auf jedes Schreiben und sage den Leuten, sie sollen dranbleiben und stark sein. Das klingt wie eine Binsenweisheit, junge Menschen denken oft, man könnte solch ein Trauma schnell verarbeiten. Es ist aber furchtbar anstrengend. Viele haben mir auch geschrieben, dass sie bei der Aufarbeitung gescheitert sind. Ich hatte also nur Glück, dass es bei mir mit dem Schreiben geklappt hat, das ist kein Verdienst.»

In Ihrem aktuellsten Buch «Gebrauchsanweisung für die Welt» beschreiben Sie, wie Sie auf Reisen gefährlichen Situationen entkommen konnten. Suchen Sie auch unterwegs immer Extreme?

«Nein, ich liebe magische Momente und diese sind oft denkbar unspektakulär. Aber es gibt auch Szenen, in denen ich Glück hatte, dass ich davongekommen bin. Denn was gibt es Schöneres als einen Schuss zu hören und zu spüren, dass man nicht getroffen wurde? Thrill habe ich schon extrem gern.»

Sie nennen das Werk «Gebrauchsanweisung». Gehört es ins Gepäck all jener Leser, die lernen wollen, wie man gut reist?

«Der Titel ist vielleicht etwas pompös. Ich kann das Reisen niemandem beibringen. Es wäre anmaßend, das zu glauben. Ich möchte sie schubsen und mit der Sehnsucht nach dem Entdecken vergiften. Es ist wie ein Tanzkurs, du lernst die Schritte und wenn du dann Musik hörst, fügt sich alles intuitiv.»

Eines Ihrer Rezepte ist, nicht immer die Wahrheit zu sagen… Warum dürfen Sie das?

«Ich werde gut dafür bezahlt, dass ich die Wahrheit herausfinde. Ich will bloßstellen und Böses entlarven. Und dazu muss man schwindeln. Wenn ich von Neo-Nazis oder einem Islamisten wissen will, was er wirklich denkt, dann muss ich in eine Rolle schlüpfen und so tun, als wäre ich mit dem einverstanden, was er sagt. Nur dann löst er sich und erzählt frei.»

Fühlen Sie sich nach den schlechten Erfahrungen in Ihrer Heimat und dem vielen Reisen irgendwo zuhause?

«Sicher, in Paris. Ich bin ein widerlicher Ästhet und frankophil. Deshalb. Und ich will mich mit der Welt versöhnen, da kann ich mich nur da aufhalten, wo es wirklich schön ist.»

Haben Sie auch Luxemburg schon auf seine Schönheit getestet?

«Ja, ich bin vor fast zehn Jahren zu Fuß von Berlin nach Paris gelaufen und habe in Luxemburg Halt gemacht. Ich habe noch ein Versprechen zu einem Luxemburger offen. Denn ich war ohne Geld unterwegs und habe mich überall durchgeschnorrt. In einer Kneipe bin ich einem Mann begegnet, der mir sagte, ich sollte das machen, was er sein Leben lang versäumt hatte.»

(Interview: Sarah Brock/L'essentiel Online)

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