Neonazis in Luxemburg

18. Juli 2013 14:37; Akt: 18.07.2013 14:50 Print

«Stammtisch-​​Rassismus ist weit verbreitet»

LUXEMBURG - In Luxemburg gibt es eine diskrete, aber aktive Neonazi-Szene. Wir haben mit einem Aussteiger über rechte Partys, Gewalt und Rassismus gesprochen.

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Organisierte Strukturen gibt es in der Luxemburger Neonazi-Szene noch nicht - einer der Gründe, warum jetzt ein Aussteiger in einem anonymen Blogpost auf die Problematik aufmerksam machen will. (Bild: DPA)

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Ein ehemaliger Rechtsextremer hat unter dem Titel «Näischt um Kapp & Näischt am Kapp - wie ich zum Nazi wurde» auf den Blogs von Jerry Weyer und Sven Clement einen zweiteiligen Erfahrungsbericht über seinen Ein- und Ausstieg aus der Neonazi-Szene in Luxemburg veröffentlicht. Er will damit nach eigener Aussage «Menschen davor bewahren, in die rechte Szene abzurutschen oder dazu bewegen, auszusteigen». Wir haben mit ihm über die zwar diskrete, aber durchaus aktive rechte Bewegung im Großherzogtum gesprochen.

«L’essentiel Online»: Du beschreibst in deinem Blogpost vor allem deine persönlichen Erfahrungen in der rechten Szene ohne auf Hintergründe und Strukturen einzugehen. Wie funktioniert die Szene in Luxemburg? Gibt es organisierte Strukturen?

«Aussteiger»: «Ein Grund, warum ich beschlossen habe, mich öffentlich zu äußern, war eine weitere Entwicklung der Szene zu verhindern. Im Moment ist sie wirklich nur locker organisiert. Es gibt kleine Gruppen von Leuten, die sich untereinander kennen. Es gibt aber nicht wirklich eine feste Struktur dahinter, wie etwa die NPD in Deutschland.»

Gibt es Kontakte zwischen der Szene in Luxemburg und Rechtsextremen im Ausland?

«Auf einigen Partys, auf denen ich war, waren ab und zu Leute aus Deutschland dabei. Die Luxemburger fahren auch mal zu Konzerten nach Deutschland oder Belgien. Es gibt auch ein Paar Franzosen aus dem nahen Grenzgebiet, mit denen ich selbst Kontakt hatte. Aber dass es Kontakte zu größeren Organisationen im Ausland geben soll, ist mir persönlich nicht bekannt.»

Die NPD ist in Trier recht aktiv. Auf ihren Treffen sind auch regelmäßig Rechtsextreme aus der Region präsent. Gibt es auf Luxemburger Seite Bestrebungen, Anschluss an ein solches Netzwerk zu finden?

«Ich weiß, dass der Luxemburger Pierre Peters oft in Trier war, aber über ihn herrschte zumindest in meinem Umfeld keine besonders hohe Meinung. Ich denke, er ist nicht besonders beliebt in der Szene.»

Wie schätzt du die Gewaltbereitschaft der rechten Szene in Luxemburg ein?

«Mir ist aus der Szene ein französischer Staatsbürger bekannt, der in Luxemburg wohnt. Er ist wohl in Frankreich schon ein paar Mal auffällig geworden. Waffen sind meines Wissens eher nicht im Spiel. Da wird eher viel Alkohol getrunken und wenn dann die falschen Leute am falschen Ort aufeinandertreffen...»

Hast du solche Zwischenfälle schon selbst mitgekriegt?

«In meinem Fall war es eher umgekehrt, ich war es nämlich, der vermöbelt wurde. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass bestimmte Leute in der richtigen Situation austicken können. Aber geplante Gewalt, das glaube ich eher nicht...»

In deinem Blogpost lässt du durchblicken, wie schwer der Ausstieg aus der Szene ist. Was waren deine Befürchtungen, als du dich distanzieren wolltest?

«Ich bin aus der Szene ausgestiegen, indem ich nach und nach den Kontakt mit den Leuten abgebrochen habe, weil ich es nicht gewagt habe, einen klaren Bruch zu machen und zu sagen: Es ist jetzt vorbei! Ich könnte mir vorstellen, dass es gegen Aussteiger Druck etwa in Form von Hetz-Posts auf Facebook geben könnte, oder dass Gerüchte im Umfeld des Aussteigers gestreut werden. Das könnte sogar bis hin zu körperlicher Gewalt gehen.»

Wie verbreitet ist rechtsextremes oder ausländerfeindliches Gedankengut deiner Einschätzung nach in Luxemburg? Hast du den Eindruck, dass diese Ideologien sich verstärkt ausbreiten?

«Wirkliche Rechtsextreme, also echte Neonazis, das sind in Luxemburg nur etwa 30 bis 40 Leute. Ich denke auch nicht, dass diese Zahl wirklich zunimmt. Aber dieser "Stammtisch-Rassismus", der ist in Luxemburg schon ziemlich weit verbreitet. Denn auch wenn der Kern der rechten Szene nie so groß war, gab es immer ziemlich viele Leute, also Sympathisanten, die unsere Meinungen geteilt haben. Das fängt bei Aussagen an wie "Ich kann beim Bäcker nicht mal mehr auf Luxemburgisch bestellen". Das ist schon etwas, was zunimmt.»

Es gibt ja eine Reihe von Gruppierungen in Luxemburg, die wegen ihrer ausländerfeindlichen Einstellung bekannt und vor allem auf Facebook sehr aktiv sind. Gibt es konkrete Verbindungen zur rechtsextremen Szene?

«Ich persönlich hatte mit den Leuten nichts zu tun, auch weil ich mich seit einigen Jahren von der Szene distanziert habe. Aber wenn ich mir diese Gruppen anschaue, dann taucht schon das ein oder andere bekannte Gesicht auf. Sie gehören aber nicht unbedingt zum harten Kern.»

In deinem Blogpost beschreibst du, wie du in der Schule und über die Musikszene Kontakt zur rechten Szene bekommen hast. Ist das etwas, das in Luxemburger Schulen verbreitet ist?

«Ich denke, dass auf diese Weise die meisten neuen Mitglieder der Szene angeworben werden. In letzter Zeit geschieht das zunehmend auch über Facebook-Gruppen. Ich selber kannte Leute, die aus quasi allen Schulen kamen, zum Beispiel auch aus dem LTC («Lycée Technique du Centre», Anm. der Red.), wo man so etwas nicht unbedingt als Erstes erwarten würde.»

Sind die meisten Mitglieder der Szene Schüler? Wie sieht der Altersdurchschnitt aus?

«Ich hatte mit Leuten zu tun, die heute zwischen 22 und 35 sein dürften. Einige Sympathisanten, die nicht wirklich zur Szene gehörten, waren so um die 40 Jahre alt. Es ist eher eine Jugendszene. Genau deshalb wollte ich auch an die Öffentlichkeit gehen und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es ein Problem gibt. Bevor jemand kommt, der die Sache richtig organisiert und es dann zu spät ist.»

(Michel Thiel / L'essentiel Online)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Géint all Form vun Extremismus! am 21.07.2013 09:38 Report Diesen Beitrag melden

    500'000 Awunner, daachsiwwer ronn 900'000 Mënschen hei am Land an dovun sin 30-40 Rietsextremisten (mol keng Partei). Virwat stellen vill Medien zu Lëtzebuerg (an déi suspekt Lobby-Grupp 'ASTI') et ëmmer nees esou duer, wéi wann mir een Rassismus-Problem hätten, wou mir dach an dem eenzegen Land op der Welt wunnen an dem mol keen d'Nationalsprooch schwätzen muss? Wéivill Leit hei am Land gehéieren dunn dem Lénksextremismus (mat 2 Parteien vertrueden), radikalen Islamismus oder fanateschen Anarchismus, etc. un? Dat sin dach definitiv vill méi, awer wahrscheinlech bréngen sie net souvill Lieser.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Géint all Form vun Extremismus! am 21.07.2013 09:38 Report Diesen Beitrag melden

    500'000 Awunner, daachsiwwer ronn 900'000 Mënschen hei am Land an dovun sin 30-40 Rietsextremisten (mol keng Partei). Virwat stellen vill Medien zu Lëtzebuerg (an déi suspekt Lobby-Grupp 'ASTI') et ëmmer nees esou duer, wéi wann mir een Rassismus-Problem hätten, wou mir dach an dem eenzegen Land op der Welt wunnen an dem mol keen d'Nationalsprooch schwätzen muss? Wéivill Leit hei am Land gehéieren dunn dem Lénksextremismus (mat 2 Parteien vertrueden), radikalen Islamismus oder fanateschen Anarchismus, etc. un? Dat sin dach definitiv vill méi, awer wahrscheinlech bréngen sie net souvill Lieser.

    • Ech vun Doheem am 04.08.2013 09:42 Report Diesen Beitrag melden

      Den Probleem ass jo dass Xenophobie an Lëtzebuerg "net-präsent" ass, ma ennert den Teppesch gekier get, an eeben net "ëffentlech" ass. Nemmen well et nach keng Organisatioun get, heescht daat na laang net dass net vill Leit sou Ideen am Kapp hunn, an soubaal sou eng Organisatioun optrett, se reegen Zousproch hät. Vum Titel hier giff ech drop schleissen dass den Kommentar do aus engem bestemmten Eck kënnt. Deenen kinnt een dann genee sou Vierwefen dass mobiliseieren geint Riets, net souvill Sympathien brengt, wei geint Islam an "Lenksextremer" ze wiederen :D

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