Sekten-Drama

19. Oktober 2012 16:24; Akt: 19.10.2012 16:38 Print

Ex-​​Mitglied berichet über Sex-​​Sekte

Diktatorische Strukturen, Privatbordell in Texas, Rudelbumsen: Ein ehemaliges Mitglied berichtet, wie sich Peter Bruncks Sekte radikalisiert hat.

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Ein luxuriöses Anwesen in der Dominikanischen Republik, ein riesiges Waffenarsenal, ein Toter und rund zehn verhaftete deutsche Staatsbürger – das ist alles, was von der Sekte «The Academy for Future Health» (AFFH) übrig ist. Es ist ein einziger Scherbenhaufen.

L'essentiel Online konnte mit einem engen Familienmitglied des Sektenführers Peter Brunck sprechen. Dieser gibt Einblick ins Innere einer Sekte, die bis anhin als «Black Box» galt – also als weitgehend unbekannt. Hans F.* war jahrelanges Mitglied der AFFH und bewirkte im Jahr 2006 die Zerschlagung der Sekte, als er die Machenschaften Bruncks seinen Jüngern offenbarte. Seine Aussagen belegt Hans F. mit Dokumenten und Sitzungsprotokollen, die L'essentiel Online vorliegen.

Diktatorische Strukturen

Die zentrale Aussage von Hans F.: Peter Brunck war meist sexuell getrieben. Seine weiblichen Jünger «wollte er von innen heraus heilen», deshalb habe er wiederholt, systematisch und exzessiv sexuelle Handlungen mit ihnen vollzogen. Zudem wollte er die Menschen beherrschen. Die ihm hörigen Personen gaben dabei alles auf: Job, Häuser, Familien. Nicht selten übergaben sie Brunck ihr ganzes Vermögen.

Brunck zog diktatorische Strukturen auf. Er prophezeite den Weltuntergang und gab sich als Einzigen aus, der einen Weg zur Erlösung wisse. Die Mitglieder der Gruppe wurden immer mehr von der Außenwelt abgeschnitten. Alle Informationen erhielten sie von ihm. Gegenteilige Meinungen wurden nicht geduldet.

Bruncks Privatbordell in Corpus Cristi

Bruncks Absichten zeigten sich exemplarisch in einem Haus in der Stadt Corpus Christi im US-Bundesstaat Texas: Ein Sektenmitglied, Ellen Z., kaufte dort ein Haus, das Brunck als Bordell diente. Die Frauen, die darin lebten, waren seine Sexspielzeuge, die er «von innen heraus zu heilen» versuchte. Ellen Z. hatte für dieses Haus ihr Geschäft verkauft und ihre ganze Existenz in Deutschland aufgegeben.

Die AFFH war vor allem in Deutschland aktiv. An Vorträgen, Seminaren und Veranstaltungen rekrutierte die Sekte neue Mitglieder. Durch seine illusorischen Heilversprechungen lockte Brunck aber auch Schwerkranke an, die hofften, von ihm gerettet zu werden.

Interpol-Fahndung wegen eines Todesfalls

Anfang der 00er-Jahre lebte Brunck mit der Sekte in Südafrika. 2002 musste er das Land fluchtartig verlassen. Er wurde wegen Mordverdacht von Interpol gesucht, setzte sich in die Karibik ab und fand im Anwesen «La Mulata III» in Sosua in der Dominikanischen Republik sein neues Refugium. Grund für die Fahndung war der Tod einer «Patientin» in Deutschland.

Die HIV-Infizierte Mirka D. hatte sich in Bruncks Behandlung begeben und ist wenig später verstorben. Ihre Familie hatte daraufhin Anzeige gegen den «Allheiler» erstattet. Laut Hans F. ist der Mann, der am Montag bei der Stürmung des Anwesens in Sosua gestorben ist, der Ex-Ehemann von Mirka D.

«Markus P. lügt…»

Die Aktivitäten in der Schweiz hatten laut Hans F. nur einen Grund: Geld. Die AFFH habe hunderttausende Euros von wohlhabenden Schweizern als Spenden erhalten. Geld floss aber auch durch den Verkauf von «medizinischen Apparaten».

Auch hier spielt ein Schweizer eine zentrale Rolle: Markus P. Dieser hatte das Mitos Revolution Gerät entwickelt. Dass Markus P., wie er behauptet, keine führende Rolle in der AFFH innegehabt haben soll, bezeichnet Hans F. als Lüge. Die Dokumente stützten seine Aussagen.

«… den religiösen Wahn hat er nicht mitgemacht»

An der ordentlichen Mitgliederversammlung der Sekte am 5. Mai 2006 in Augsburg ist P. mit 27 Stimmen zum dritten Vorstandmitglied gewählt worden. «Markus P. war in der obersten Riege mit dabei», sagt Hans F. Nach seinen Aussagen hat der Schweizer den «religiösen Wahn» der AFFH aber nie mitgemacht. Er habe vor allem die finanziellen Chancen in der Organisation gesehen.

Die Firmen Vision 99 GmbH und die Healing Sphinx GmbH, die für die Herstellung der «medizinischen Apparate» gegründet wurden, habe Markus P. von Brunck abgelöst und versucht, sie rentabel zu machen. «Er war ein integrer Geschäftsmann mit gutem Gespür. Am Schluss hat sich sein Engagement aber nicht ausbezahlt.» Die Firmen kamen nie auf einen grünen Zweig.

«Rudelbumsen»

2006 kam es zum Bruch. In diesem Jahr trat Markus P. aus der Sekte aus. Grund waren die Enthüllungen von Hans F. Dieser hatte erfahren, dass seine Frau mit dem Sektenführer und engen Familienmitglied Peter Brunck sexuelle Beziehungen unterhielt. Hans F. erfuhr weiter, dass nicht nur seine Frau, sondern viele Mitglieder der AFFH sich zu sexuellen Gruppenerlebnissen trafen – «Rudelbumsen», wie es genannt wurde.

An einer Mitgliederversammlung im selben Jahr kam es dann zum Knall. Hans F. enthüllte die Sexpraktiken des Sektenführers. «Rund 25 Personen hielten dann noch zu ihm, nämlich diejenigen, die bei seinen Orgien mitmachten. Die anderen rund 75 Personen wandten sich ab und verließen die Gruppe», erzählt F. Unter ihnen auch Markus P. Er wandte sich mit einem Schreiben an seine AFFH-Freunde und verkündete seinen Austritt.

«Sie waren psychisch am Ende, kaputt»

Was dann passiert ist innerhalb der Gruppe, lässt sich nur grob skizzieren. Deutlich scheint jedoch, dass sich die AFFH auf ihrem Anwesen in Sosua immer mehr zurückzog und sich radikalisierte. Nicht zuletzt deutet das enorme Waffenarsenal der Gruppe darauf hin. «Seine Jünger waren ihm komplett hörig, sie haben alles getan, was er von ihnen verlangte. Jetzt ist einer von ihnen sogar für ihn gestorben.»

Hans F. hatte in den letzten sechs Jahren immer wieder Kontakt zu Personen, die aus der Gruppe ausschieden. «Diese Menschen waren psychisch am Ende, kaputt. Zudem waren sie komplett verarmt, mussten von Sozialhilfe leben – auch Schweizer. Viele von ihnen werden nie mehr gesund.»

Der «Allheiler» Peter Brunck ist ebenfalls in der Realität angekommen. Er sitzt laut Nachbarn im Gefängnis in der Dominikanischen Republik. Verletzt wurde er bei der Schießerei nicht. Auch seine Getreuen sind hinter Gittern. «Der Schlange wurde der Kopf abgeschlagen», sagt Hans F.

(L'essentiel Online/Adrian Eng)

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