Bradley Manning

04. Juni 2013 11:43; Akt: 04.06.2013 11:55 Print

Wie kam Manning an die Informationen?

Die Ankläger zeichnen ihn als Verräter, die Verteidiger als Menschenfreund. Die Frage, warum er Zugang zu den Geheiminformationen erhielt steht im Raum.

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Bradley Manning hat den ersten Prozesstag als Angeklagter in Amerikas wichtigstem Militärjustizfall seit Jahrzehnten gefasst über sich ergehen lassen. Wie Gerichtsreporter berichten, sass der 25-jährige Obergefreite der US Army in einer dunkelgrünen Ausgangsuniform ruhig auf seinem Stuhl im Gerichtssaal des Stützpunkts Fort Meade in Maryland. Der schmächtige Datenanalyst habe unscheinbar gewirkt, beinahe bubenhaft.

Wahrscheinlich konnten viele der rund 40 Zuschauer im dichtbesetzten Gerichtssaal den Menschen Manning nur schwer mit der Person in Übereinstimmung bringen, die der Ankläger, Hauptmann John Morrow, in seinem Eröffnungsplädoyer zeichnete. Morrow stellte Manning als Spion dar, der seine Kameraden an die Gegner verraten habe. «Dies ist der Fall eines Soldaten, der Hunderttausende von Dokumenten sammelte und sie auf das Internet kippte, wo sie den Feinden zugänglich waren.» Morrow will zum Beispiel beweisen, dass eine von Manning heruntergeladene Datenbank mit Personendaten von allen 74’000 US-Soldaten im Irak beim Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden auf Interesse stieß.

Zunehmend Mühe mit dem Kriegsdienst

Mannings Verteidiger David Coombs entwarf ein völlig gegenteiliges Bild des Angeklagten. Manning sei «jung, naiv und von guten Absichten geleitet» gewesen, sagte er. Laut Coombs ist Manning «kein typischer Soldat», eher ein Menschenfreund, der mit dem Kriegsdienst im Irak zunehmend Mühe bekundet habe. Nachdem am Heiligen Abend 2009 eine von Rebellen gelegte Bombe ein Auto mit einer irakischen Familie tötete, seien bei Manning innere Konflikte aufgebrochen. In der Folge habe er mit der Veröffentlichung der Daten «die Welt zu einem besseren Ort machen» wollen.

Die Persönlichkeitsprofile sind von entscheidender Bedeutung, weil niemand den Faktenhintergrund bestreitet. Bradley Manning hat auf seinem Posten in Bagdad während sechs Monaten rund 700’000 Geheimdokumente heruntergeladen, darunter Videos von US-Angriffen auf irakische Zivilisten, militärische Pläne und Botschaften sowie eine Viertelmillion diplomatische Depeschen. Die Frage ist, ob ihm bewusst war, dass er damit den Feinden der USA half. Die Anklage behauptet: ja. Nach ihrem Willen soll die Richterin, Oberst Denise Lind, Manning der Spionage für schuldig erklären. Tut sie das, droht dem WikiLeaks-Informanten eine lebenslängliche Freiheitsstrafe.

In den USA weniger populär

Erstaunlicherweise hat Manning darauf verzichtet, ein Geschworenengericht zu verlangen. Beobachter glauben, dass eine Jury ihn womöglich milder beurteilen würde als die Einzelrichterin Lind. Zudem hat der Angeklagte 10 der 22 Anklagepunkte eingestanden - und das, ohne mit den Anklägern einen Deal auszuhandeln. Manning scheint darauf zu hoffen, dass die Richterin ihn als Whistleblower anerkennt und «bloß» zu 20 Jahren Knast verurteilt.

Von der amerikanischen Öffentlichkeit kann Manning auf wenig Zuspruch hoffen. Der WikiLeaks-Informant hat zwar Anhänger unter den Gegnern des von den USA geführten Antiterrorkriegs. Am Montag demonstrierten rund drei Dutzend von ihnen vor dem Eingang zu Fort Meade gegen das Militärgerichtsverfahren. Generell ist Manning in seinem Heimatland aber weniger populär als in Europa. Beispielsweise fand im Herbst 2011 eine Mehrheit von fast 40 Prozent der Leserinnen und Leser des britischen «Guardian», Manning verdiene den Friedensnobelpreis. Im gleichen Jahr belegte der Obergefreite in einer informellen Umfrage des US-Magazins «Time» bloß Platz 173 auf einer Liste der 204 einflussreichsten Menschen.

Unstet und aufbrausend

Der auf drei Monate angesetzte Prozess wird Amerikanern vielleicht die Möglichkeit bieten, Bradley Manning besser kennenzulernen. Einiges können sie auch im Dokumentarfilm «We Steal Secrets» - Wir stehlen Geheimnisse - erfahren, der dieser Tage in die US-Kinos kommt. Darin porträtiert der Filmemacher Alex Gibney den WikiLeaks-Gründer Julian Assange und dessen nun angeklagten Datenzulieferer. In seinen Recherchen habe er Manning als «sehr schmächtigen, verweichlichten jungen Burschen» kennengelernt, sagte Gibney im Interview mit dem NPR-Radio. «Er war schon früh ein Computergeek, und er hatte viele kulturelle Schwierigkeiten mit dem Militär.» Laut Gibney stammten die Probleme unter anderem davon her, dass Manning schwul war und nach den damals herrschenden Regeln nicht zu seiner Homosexualität stehen konnte, ohne aus der Armee ausgeschlossen zu werden. Manning sei unstet und aufbrausend gewesen.

Gibney wundert sich, warum Manning dennoch Zugang zu den Geheimnissen der USA erhielt. Seine Antwort: Die Army brauchte den «Whiz Kid». Mehrmals hätten die zuständigen Kommandanten erwogen, Manning auszuschließen. Doch dann habe man ihn immer wieder zurückgeholt, weil er zu wertvoll gewesen sei. «Man brauchte unbedingt gescheite, fähige Leute. Und so war man willens, über Bradleys psychische Probleme hinwegzusehen.»

(L'essentiel Online/Martin Suter)

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