Leben im Unterwasser-Labor

29. Mai 2012 17:14; Akt: 29.05.2012 17:30 Print

«Der Klimawandel ist im Gang»

Die Aquarius Reef Base vor Florida ist für die Ozeane, was die ISS für das All ist. Der US-Biologe Joseph Pawlik über die Arbeit im einzigen Unterwasser-Labor der Welt.

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L’essentiel Online: Herr Pawlik, Sie sind Biologe auf der Aquarius Reef Base. Was genau ist Ihre Mission?

Dr. Joseph Pawlik: Wir studieren Schwämme an Korallenriffen. Dabei untersuchen wir verschiedene Komponenten wie Demographie, Sterblichkeit, Reproduktionsrate, Erkrankungen und grundsätzliche biologische Fragen. In einem größeren ökologischen Zusammenhang fragen wir: Was macht die biologische Vielfalt von Korallenriffen aus?


Wie wichtig ist die Station für Ihre Arbeit?

Sie ist äußerst wichtig. Wenn du von einem Boot aus in 30 Metern Tiefe arbeitest, hast du drei Stunden Tauchzeit am Tag. Du musst Sauerstoff mitnehmen und selbst mit einem Luftgemisch kannst du nur eine gewisse Zeit bleiben. Um der Tauchkrankheit vorzubeugen, musst du pausieren, bis du wieder ins Wasser kannst. In der Aquarius lebst du praktisch in der Tiefe: Dein erster Tauchgang dauert sechs Stunden, du machst drei Stunden Pause und tauchst wieder für drei Stunden. Das sind neun Stunden Arbeitszeit täglich – und für unsere Experimente brauchen wir viel Zeit.

Was war Ihr eindrücklichstes Erlebnis?

Der aufregendste Moment war, als wir Daten auslesen wollten und einer meiner Studenten sich umdrehte, weil er einen Schatten über sich sah. Ein gut neun Meter langer Walhai schwamm genau über uns und blieb eine Weile. Lustig ist: Das Gebiet von Key Largo ist ein weltweites Tauch-Mekka. Leute, die ihr ganzes Leben dort verbracht haben, haben noch nie einen Walhai gesehen. Sie wollten uns anfangs nicht glauben, aber wir hatten Kameras dabei und konnten es beweisen.

Warum ist das Unterwasserlabor vor Florida stationiert?

Das «Conch Reef» («Muschelriff») ist ein Schutzgebiet im «Florida Keys National Marine Sanctuary»: Niemand darf es betreten und dort einfach tauchen oder fischen. Das Riff liegt an einem Abhang und ist fast wie eine Klippe. Es wurde schon oft untersucht, ist gut bekannt und deshalb ein guter Ausgangspunkt für weitere Studien: Wenn man über die physische und chemische Ozeanographie Bescheid weiß, kann man besser weitere biologische Fragen klären. Außerdem liegt der Standort in der Nähe des Hafens, von dem aus wir die Station versorgen.

Das heißt, Sie kennen das Gebiet schon wie Ihre Westentasche?

Weil die Aquarius schon seit zwei Jahrzehnten dort ist, gibt es viele Langzeitstudien über das Gebiet. Wir haben neun Areale abgesteckt, in denen wir individuelle Schwämme seit 1997 beobachten. Wir kennen diese Schwämme beim Namen, haben Fotos von ihnen und umfangreiche Datenbanken angelegt.

Wie nützen Sie diese Daten?

Wer in seinen Garten geht und seinen Rosenbusch betrachtet, weiß, seit wann er da ist, wie schnell er wächst, wann er blüht und wann er stirbt. Wir können Organismen wie Schwämme erst untersuchen, seit Mitte des letzten Jahrhunderts mit dem Tauchen begonnen wurde. Wir haben also nicht dieselben Informationen über die Schwämme wie über Roschenbüsche. Dank der Aquarius konnten wir beispielsweise das Alter der Schwämme ermitteln.

Und, wie alt sind sie?

Wir haben herausgefunden, dass einige von ihnen über 200 Jahre alt sind. Bis dato wusste das niemand.

Sie erforschen seit mehr als zwei Jahrzehnten das Meer. Was denken Sie über den Klimawandel?

Die Zahl der Leute, die am Klimawandel zweifelt, wird mit jedem Monat kleiner. In der Forscher-Gemeinschaft ist diese Zahl ohnehin klein. Jeder, der Feldstudien macht, weiß, dass derzeit ein vom Menschen verursachter Klimawandel im Gang ist.

Sind Schwämme ein guter Indikator für Umweltverschmutzung?

Der Golfstrom fließt an den Florida Keys vorbei. Es gibt Anzeichen, dass Schwämme Probleme im Wasser anzeigen, aber nicht unbedingt Verschmutzung. Schwämme sterben, wenn die Wassertemperatur fällt. Korallen reagieren sensibler, weshalb die Schwämme Überhand nehmen.

Was ist das Problem mit den Korallen?

Vor allem Krankheiten und eine Serie von Wärmeschüben sind schuld an der Abnahme der Korallenbestände der letzten 30 Jahre. Hinzu kommen Schäden am Riff durch Stürme. Es gab in der Karibik früher auch viele schwarze Seeigel, die die Algen gefressen haben. 1982 starben alle innert sechs Monaten – womöglich durch eine aus dem Pazifischen Ozean eingeschleppte Krankheit. Seither geht es den Algen sehr gut, was wiederum den Korallen zu schaffen macht.

Spüren Sie auch Auswirkungen durch Fischerei?

Wir beginnen gerade erst, sie zu verstehen. Wenn man die Fische wegnimmt, entfernt man die Fressfeinde der Algen und Schwämme. Dadurch geht es den Korallen schlechter. In der Ökologie nennt man das einen indirekten Effekt. Wir machen gerade eine Karibik-weite Untersuchung der Riffe und haben bisher herausgefunden, dass dort, wo die Bevölkerung Fisch fängt – wie auf Jamaika oder Martinique – die Schwämme und Algen wild wuchern. In geschützten Gebieten werden sie im Zaum gehalten.

Dabei sind Schwämme kein Ersatz für Korallen, weil sie keine Riffe bilden, wenn sie sterben …

Das stimmt, aber sie tun etwas, was Algen nicht machen: Weil sie so lange leben und so gross werden können, bieten sie anderen Tieren einen Lebensraum: Fischen, Krabben, Hummern.

(L’essentiel Online / Philipp Dahm)