Statistik und Realität

29. September 2012 14:16; Akt: 29.09.2012 19:51 Print

Lügen nach Zahlen...

LUXEMBURG - Mit Statistiken kann man bekanntlich Alles und sein Gegenteil beweisen. Ein Spezialist erklärt uns im Interview, inwiefern man Zahlen glauben sollte.

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Statistiken spielen heutzutage in fast allen Bereichen der öffentlichen Kommunikation eine wichtige Rolle. Doch was sagen sie eigentlich aus? (Bild: stock.xcng)

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Professor Doktor Gerd Bosbach, ist Inhaber des Lehrstuhls für Statistik und Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Fachhochschule Koblenz und Autor des Buches «Lügen mit Zahlen - Wie wir mit Statistiken manipuliert werden». Er gilt als eminenter Kritiker, was den Umgang mit Statistiken in Medien und Politik betrifft. Er war am Freitag auf Einladung des nationalen Statistikamts Statec in Luxemburg zu Gast, um einen Vortrag zu diesem Thema zu halten. Im Interview erklärt er gegenüber L’essentiel Online, worauf man beim Umgang mit Statistiken achten sollte.

L’essentiel Online: Herr Bosbach, es gibt das Zitat «Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe». Was ist an dieser Aussage dran?

Gerd Bosbach: Das Zitat wird übrigens immer fälschlicherweise Winston Churchill zugeschrieben, wurde ihm aber wahrscheinlich von den Nazis in den Mund gelegt. Trotzdem enthält es einen Kern Wahrheit, was Statistiken angeht. Wir brauchen ständig Zahlen in unserer Welt, um Informationen weiterzugeben. Doch diejenigen, die uns diese Zahlen geben, wollen etwas mit diesen Informationen erreichen. Sie wollen uns zum Beispiel etwas verkaufen und wollen uns deshalb gute Zahlen geben. Oft werden schlechte Zahlen also schöngefärbt.

Woran erkennt man, ob man einer Statistik trauen kann?
Das lässt sich nicht so kurz erklären, da es sehr viele Methoden gibt, um eine Manipulation aufzudecken und dies oft eine aufwändige Angelegenheit ist. Oft reicht es aber, sich zu fragen: Wer hat diese Statistik herausgegeben und was will er damit erreichen? Besonders, wenn eine Zahl auf Anhieb überzeugend wirkt, sollte man sich fragen: Ist das überhaupt die richtige Zahl? Was sagt sie eigentlich aus? Ein Politiker in Nordrhein-Westfalen erzählte mir einmal stolz, in seinem Bundesland habe man das Bildungsproblem im Griff. Man habe zum Beispiel in einem Jahr 1000 Lehrer eingestellt. Das klingt erst einmal nach sehr viel, sagt aber eigentlich gar nichts aus, wenn man die Bezugsgröße nicht kennt. Wenn man weiß, dass es in NRW über 7000 Schulen gibt, erkennt man, dass in einem Jahr ein Lehrer für sieben Schulen eingestellt worden ist, was dann nicht mehr nach besonders viel klingt.

Man sollte sich also auf seinen gesunden Menschenverstand verlassen?
So einfach ist das ja nicht, außer, man entscheidet, Zahlen prinzipiell nicht zu glauben. Sehen Sie, Zahlen drücken ja abstrakte Größen aus und tragen keine eigene Bedeutung in sich, so wie es Wörter tun oder Musik. Ich gebe ihnen ein Beispiel aus eigener Erfahrung. Ich wurde einmal von Zahnärzten beauftragt, statistisch nachzuweisen, dass ihre Einnahmen gesunken sind, weil sie ihre Interessen gegenüber dem Gesundheitsministerium durchsetzen wollten. Ich fand heraus, dass ihre Einnahmen tatsächlich um 20 Prozent gesunken waren. Nur zwei Wochen später sollte ich für den Zahnarztverband nachweisen, dass er die Interessen seiner Mitglieder gut vertreten habe, da deren Einnahmen um 10 Prozent gestiegen seien, was mir ebenfalls gelang. Die Zahlen an sich waren alle richtig und basierten auf reellen Angaben. Ich habe lediglich den Bezugszeitraum und andere statistische Kriterien gewählt.

Das klingt nach bewusster Manipulation...
Es hängt wie gesagt davon ab, was man mit den Zahlen aussagen möchte. Ich gebe ihnen ein weiteres Beispiel, das mir am Herzen liegt. In Deutschland wird zum Beispiel immer behauptet, dass die Sozial- und Gesundheitsleistungen explodieren. Die ist aber nur der Fall, wenn man die absoluten Zahlen betrachtet. Dies ist auch nicht nur bei den Sozialleistungen so, sondern in allen Bereichen, was an verschiedenen Faktoren, wie der Preissteigerung und der Wohlstandssteigerung liegt. Der Anteil der Sozialleistungen am Bruttoinlandsprodukt liegt tatsächlich seit 1975 konstant bei 30 Prozent, jener der Gesundheitsleistungen bei zehn Prozent. In Wahrheit gibt es also gar keine Steigerung.

Statistiken werden ja meist über die Medien verbreitet. Sollten Journalisten kritischer mit Zahlen umgehen?
Sie sollten erst einmal den Kult ablegen, den es ja in diesem Zusammenhang gibt. Mit Zahlen zu arbeiten ist ja auch eine rhetorische Methode. Die Zahl wird dabei zum Beleg der eigenen Meinung. Und viele Journalisten sind im Alltag überfordert, außer sie befassen sich mit Wissenschaftsjournalismus. Ein Zeitungsjournalist etwa hat in der Regel nicht die Zeit, Zahlen zu überprüfen und kann eben so wenig wie der Leser nachvollziehen, wie sie zustande kamen.

Wer mit Zahlen arbeitet, versucht jedoch immer, durch Reduktion einen Aspekt der Wirklichkeit abzubilden. Die wichtigste Frage bleibt also, was er damit bezweckt. Man sollte sich auch immer fragen, ob es eine solche Zahl überhaupt geben kann. Ein gutes Beispiel sind Zahlen über Arbeitslosigkeit oder geschlagene Frauen, also über Dinge, die gewöhnlich im Verborgenen passieren. Wie soll man da verlässliche Zahlen haben? Diese stellen doch allerhöchstens grobe Schätzungen dar oder bilden einen Teil der Realität ab, etwa die Zahl der Gewalttaten, die angezeigt wurden.

Aber in manchen Bereichen haben Statistiken einen enormen Einfluss auf Entscheidungen. Wie sieht es mit Wahlprognosen oder Finanz-Ratings aus?
Man muss wissen, wie diese Zahlen erfasst werden. Für eine Wahlprognose in Deutschland werden gewöhnlich Stichproben von ein- bis zweitausend Befragten genommen. Selbst wenn die Stichprobe repräsentativ gewählt ist und alle Befragten eine ehrliche Antwort gegeben haben, liegt der Fehler niemals unter drei Prozent. Das bedeutet ja, dass eine Prognose von 37 Prozent Stimmenanteil einem reellen Wahlergebnis gegenüber steht, das irgendwo zwischen 34 und 40 Prozent liegt. Wenn man zusätzlich die Falschangaben aus Frust oder jene Befragten der Stichprobe, die am Wahltag im Bett bleiben einrechnet, liegt die Fehlerquote noch wesentlich höher. Trotzdem ist der Einfluss solcher Prognosen auf die Politik enorm. Wenn die FDP beispielsweise in der Prognose bei 15 Prozent liegt, dann erhöht das ihr politisches Standing und sie wird sich leichter in Verhandlungen durchsetzen können. Was hinzu kommt ist, dass die verschiedenen demoskopischen Institute ja mit geglätteten, also korrigierten Daten arbeiten. Wie diese aus den Rohdaten abgeleitet werden, ist nicht nachvollziehbar, da dies quasi ein Betriebsgeheimnis ist.

Ist es im Endeffekt nicht so, dass die Öffentlichkeit oft den Unterschied zwischen dem wissenschaftlichen Modell, also einer mathematischen Abbildung der Realität und der Wirklichkeit nicht begreift?
Ja, das stimmt. Aber die Öffentlichkeit bekommt das Modell als die Wahrheit präsentiert, auch in der Presse. Journalisten sind sicher nicht alle so dumm, aber aus diversen Gründen tendieren sie dazu, das fett Gedruckte aus der Pressemitteilung abzuschreiben. Und die PR-Leute wissen das sehr gut.

(Interview: Michel Thiel/L'essentiel Online)

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