BüRGERKRIEG IN SYRIEN

10. August 2012 19:34; Akt: 10.08.2012 19:44 Print

Nur ihr Hass gegen Assad eint sie

Den Aufständischen in Syrien ist im Kampf gegen Baschar al-Assad jede Unterstützung willkommen. Doch die Rebellen fürchten die ausländischen Kämpfern auch.

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Aleppo Abu Bakr, ein Aufständischen-Kommandant in Syrien, ist Islamist. Er will Staatschef Baschar al-Assad stürzen. Aber die Radikalen, die sich den Rebellen angeschlossen haben, machen selbst ihm Sorgen.

«Ich bin Islamist, meine Kämpfer sind Islamisten», bekennt er. Doch Islamisten seien nicht immer gleich Islamisten. «Diese Männer haben im Irak gekämpft, sie sind zu extrem, sie wollen alle Symbole unseres Landes zertrümmern, auch die Schulen.»

Im Konflikt zwischen Gegnern und Anhängern Assads ist den Aufständischen jede Unterstützung willkommen. Die Kämpfer aus dem Ausland bringen Waffen, Expertise und Geld.

Sekpsis wegen ausländischer Islamisten

Doch mittlerweile steigt bei den Einheimischen das Unbehagen. Welche Ziele verfolgen die Ausländer, die aus den Golfstaaten, Libyen, Osteuropa und dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet kommen?

«Unser Ziel ist, eine Zukunft aufzubauen, und nicht alles zu zerstören», sagt Abu Bakr. «So blutig es derzeit auch ist, diese Phase ist im Prinzip übersichtlich. Wir verfolgen mit dem Sturz des Regimes alle dasselbe Ziel. Wenn Baschar weg ist, könnten wir uns aber in einem neuen Krieg gegen unsere früheren Verbündeten wiederfinden.»

Syrien als konservative Türkei?

Abu Bakr will eine Art konservative Türkei, eine islamisch geprägte Demokratie, und keine autokratische Theokratie. Er lehnt Entführungen von Journalisten oder die Zerstörung der Infrastruktur ab.

Auch der Westen beobachtet die Präsenz sunnitisch geprägter Islamisten aus dem Ausland skeptisch. Die Erfahrungen aus dem Irak lassen das Schlimmste befürchten. Dort haben Salafisten mit Unterstützung von Al-Kaida-Kämpfern unzählige Anschläge mit tausenden Toten verübt.

Einige der ausländischen Kämpfer wollen den «Heiligen Krieg» in Syrien unterstützen und nach einem Sieg das Land wieder verlassen. Andere haben aber Verbindungen zu Al-Kaida und wollen eine neue Sektion der Terrorgruppe aufbauen.

«Expertise aus dem Irak über Bomben»

Wo immer moderne Raketen und Sprengsätze auftauchen, sind die Ausländer nicht weit, wie ein Aufständischer namens Mohammed erzählt. «Die haben viel Expertise aus dem Irak über das Bombenbauen mitgebracht», sagt er.

Vielerorts stechen die Ausländer ins Auge. In Aleppo fallen Gewänder auf, die in Afghanistan und Pakistan üblich sind, in Syrien aber nicht.

Tawheed-Kämpfer wollen Dschihadisten integrieren

Die Bärte der Kämpfer deuten auf die Glaubensgemeinschaft der Salafisten hin. Diese Gruppe will eine Lebensform, wie es sie zu Zeiten des Propheten Mohammed im sechsten und siebten Jahrhundert gab. Versuche, mit den Männern zu sprechen, scheitern.

Die größte Gruppe in Aleppo, die etwa 2000 Mann starke Tawheed Brigade, akzeptiert Ausländer, verlangt aber, dass diese sich an Regeln halten. «Es gibt einige extremistische Einheiten, die nicht gut mit uns zusammenarbeiten», sagt ein Tawheed-Kämpfer. «Die bleiben unter sich.»

Ziel der Tawheed sei, die Dschihadisten zu integrieren. «Das heißt aber nicht, dass wir nicht nervös sind. Die können sich immer noch gegen uns wenden.»

«Extrem effektiv und verschlossen»
Auch unter den Einheimischen gibt es Misstrauen. Die Tawheed möchten den Kampf in Aleppo besser organisieren. Aber Versuche, die Aufständischen zu einen, scheiterten, weil sich kleinere Gruppen beklagten, bei der Aufteilung erbeuteter Waffen nicht angemessen berücksichtigt worden zu sein.

Eine der schlagkräftigsten Gruppen in Aleppo ist die Ahrar al-Scham. «Sie sind extrem effektiv und verschlossen», sagt ein Kämpfer namens Anwar über die «Freien Männer Syriens». «Sie kooperieren mit uns, aber sie nehmen keine Befehle entgegen.»

Ausländer nimmt die Ahrar al-Scham offenbar auf. Die Schlagkraft der Gruppe gründet vor allem auf dem Nachschub aus dem Ausland: Waffen und Geld von Islamisten aus Saudi-Arabien und Kuwait.

«Über mehrere Monate wurden rund drei Millionen kuwaitische Dinar (rund 10,6 Millionen Dollar) an Extremisten überwiesen», erzählt ein syrischer Oppositioneller, der anonym bleiben will. Ziel der Ahar ist ein islamistischer Staat.

Keine Zukunftsvision

Die meisten aufständischen Syrer haben aber keine klare Antwort auf die Frage, was sie unter «islamistisch» verstehen. «Wir wollen einen Staat aufbauen, in dem die Menschen gleichberechtigt sind, Muslime und Minderheiten», sagt etwa Anwar.

(Erika Solomon / L'essentiel Online)